Wochenlang war APA-Geschäftsführer Clemens Pig der Favorit für den Posten des ORF-Generaldirektors. Beim Hearing-Marathon am Donnerstag wurde es dann wieder spannend, bis spätnachts erst recht Pig gewählt wurde. Die Kür wird als Postenschacher zwischen ÖVP und SPÖ kritisiert – auch von den mitregierenden NEOS.
Es müsse „das letzte Mal“ gewesen sein, „dass Parteien bei der Besetzung des Direktoriums packeln und mitmischen“, forderte NEOS-Mediensprecherin Henrike Brandstötter. „Wir NEOS sind die einzigen, die da nie mitgemacht haben.“ Damit kritisierte sie direkt die größeren Koalitionspartner ÖVP und SPÖ. Brandstötter erneuerte die Forderung nach einer umfassenden ORF-Reform. Es brauche einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der „transparent, unabhängig, politikfern und zukunftsfit“ sei. Vom neuen ORF-General erwarten die NEOS, „dass er das Seine tut, um dieses Ziel zu erreichen“ und wünschen ihm „viel Energie“.
„Abgekarteter Postenschacher“
Heftiger in der Wortwahl reagierte FPÖ-Mediensprecher Christian Hafenecker auf die ORF-Wahl in einer nächtlichen Aussendung. Er sieht einen „abgekarteten Postenschacher“ durch ÖVP und SPÖ. Die Entscheidung für Pig als Generaldirektor sei „kein Signal für einen Neuanfang, sondern für den Fortbestand der Systempropagandaanstalt“, so Hafenecker. Er fordert eine „Totalreform“ des ORF, in der die Haushaltsabgabe komplett abgeschafft werden soll.
Babler gratuliert, Stocker schweigt noch
Vizekanzler und Medienminister Andreas Babler (SPÖ) gratulierte Clemens Pig noch in der Nacht zur Bestellung. Den Vorwurf des Postenschachers konnte er damit nicht gerade entkräften. Er sei überzeugt, dass der frisch gebackene General „einen wichtigen Beitrag zum Gelingen der ORF-Reform leisten“ könne, schrieb Babler auf Bluesky. Der Prozess dazu soll im September starten.
Bundeskanzler und ÖVP-Chef Christian Stocker hat auf die Kür zur Geisterstunde noch nicht reagiert. Clemens Pig galt jedenfalls als Kanzlerfavorit, vor allem, als ÖVP-Generalsekretär Nico Marchetti im Mai öffentlich erklärt hatte, er würde sich über Pigs Bewerbung freuen. Marchetti, auch Mediensprecher der ÖVP, erklärte am Freitag, dass die Mitglieder des Stiftungsrates entschieden hätten, „wer aus ihrer Sicht am besten geeignet ist, den ORF in dieser herausfordernden Zeit zu führen“.
„Schadet dem Vertrauen in den ORF“
„Wenn schon Wochen vor der Wahl festzustehen scheint, wer gewinnt, hinterlässt das einen schalen Beigeschmack“, kritisierte daher auch die gemeinnützige Organisation #aufstehn die Wahl. „Für viele wirkt die Bestellung von Clemens Pig wie eine zwischen den Parteien ausgemachte Postenbesetzung. Das schadet dem Vertrauen in den ORF“, so Christian Haslinger, Kampagnenleiter bei #aufstehn.
„Für niemanden eine Überraschung“
Auch die Grünen sind von der Bestellung von Clemens Pig nicht überrascht. „Das Problem ist nicht eine einzelne Person, sondern ein System, bei dem parteipolitische Mehrheiten darüber entscheiden, wer an die Spitze des ORF kommt“, betonte Mediensprecherin Sigi Maurer in einer Aussendung. Es dürfe kein „Weiter wie bisher“ geben, so Maurer. Sie fordert eine strukturelle Reform des ORF, um einen „wirklich unabhängigen“ Rundfunk zu schaffen.
„Vollprofis am Werk“
Kritik gab es nicht nur am parteipolitischen Einfluss auf den ORF, sondern auch an der Form der Bestellung: Der Hearing-Marathon mit den neun Kandidatinnen und Kandidaten zog sich am Donnerstag bis spät in die Nacht. „Da sind wirklich Vollprofis am Werk“, erklärte sarkastisch der SPÖ-Klubchef im burgenländischen Landtag, Roland Fürst, auf X (siehe oben).
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