28.04.2017 09:27 |

337 Rad-Kilometer

Entlang der Etsch bis nach Verona

Auf den 337 Rad-Kilometern entlang der Etsch vom Reschenpass bis nach Verona kann man gar nicht anders, als sich neu in die Pracht Italiens zu verlieben.

Schroff grüßen die Felsriesen herunter, die Almluft umfängt uns kühl. Am Wegrand plätschert die blutjunge Etsch, die auf der Südseite des Reschenpasses entspringt, während im Norden der Inn seinen Anfang nimmt. Wir steigen auf die Räder, je nach Vorliebe mit oder ohne Schummelmotor, und rollen los. Das Ziel heißt Verona, 337 Kilometer weiter südlich, dort soll es heiß sein und schwül, dort traf Romeo seine Julia.

Reschensee
Hier heroben trifft der Hans seine Liesl. Prächtig stehen die Almwiesen links und rechts des Weges, und mit altertümlichem Gerät wenden die Bauern das frisch gemähte Heu. Der Bach fließt in den heute himmelblauen Reschensee, in dem ein Kirchturm steht, einsam und ernst. Er steht dort seit dem Jahr 1357, da war der Wasserspiegel noch um 22 Meter tiefer, und rundherum wuchs das Dorf Graun. Doch Mussolinis Faschisten und ihre Nachfolger in Rom brauchten Strom - und fluteten das Tal. Von 100 Bauernfamilien blieben nur 35 in der Gegend.

Glurn
Die Wadeln werden langsam warm, und weiter geht die Fahrt, immer auf den eindrucksvollen Ortler zu, dessen Gletscher das Auge blenden, fast 4000 Meter hoch. Tosend begleitet uns jetzt die Etsch, es geht steil bergab, der gut ausgebaute Radweg fühlt sich an wie eine endlose Schwimmbadrutsche. Wir rasten, gönnen uns zwei Kugeln Vanilleeis im Städtchen Glurns, der uralten "Festung des Vinschgaues".

Hier weitet sich das Etschtal, wird buschiger, freundlicher, und das Schöne am Radfahren: Wir haben Zeit, die verschwenderische Schönheit der Kulturlandschaft einzuatmen, stehenzubleiben, wo wir wollen. Vorbei an den malerischen Orten Schlanders und Naturns steuern wir Meran an, die gelassene Kurstadt, wo es sich am Flussufer promeniert wie zu Kaisers Zeiten.

Längst sind die Apfelplantagen den Weingärten gewichen. Wir können den Süden schon riechen, passieren Bozen, wo sich die Etsch mit dem vom Brenner kommenden Eisack vermählt, und folgen der Wendung des Wassers nach Südsüdwest. Der Gletscher, der sich da vor 25.000 Jahren durchwälzte, war ein begnadeter Landschaftsgestalter. Die steilen Felsenhänge sehen aus, als hätten sie Gesichter; als wären sie mächtige Wächter eines üppig blühenden Paradieses. Weinstöcke grünen, so weit das Auge reicht.

Durchs Trentino
Immer seltener hört man bei den Einheimischen ein deutsches Wort, mit der Salurner Klause liegt die Sprachgrenze nun hinter uns. Breit und grünlich wälzt sich der Fluss durchs Trentino; der Hochwasserdamm ist ein idealer Sockel für den schnurgeraden Radweg. Das Tempo ist hoch, die Wadeln bringen uns willig nach Trient.

Als "uralt" bezeichnete schon der unsterbliche Goethe die Stadt, als er auf seiner berühmten "Italienischen Reise" hier durchkam, vor 231 Jahren. Und er schien nicht sehr begeistert von den Baukünsten der Italiener. "Das einzige Haus von gutem Geschmack", so urteilte der Geheimrat scharf, sei der barocke Fuggerpalast von 1602, auch "des Teufels Haus" genannt. Damals floss noch direkt hinter dem massiven Palazzo die Etsch vorbei, bevor sie 1858 für den Hochwasserschutz begradigt wurde. Einige Straßen weiter, in der Via Giuseppe Verdi, herrscht ein unglaublicher Markttrubel, Touristen stöbern in vorgeblicher Markenmode. Wir flüchten in den San-Vigilio-Dom, da ist es still und kühl und dunkel; die ernste, klare Formensprache des romanisch-lombardischen Baus aus dem 12. Jahrhundert von zauberhaftem Licht erfüllt.

"Heute Abend hätte ich können in Verona sein, aber es lag mir noch eine herrliche Naturwirkung an der Seite, ein köstliches Schauspiel, der Gardasee, den wollte ich nicht versäumen, und bin herrlich für meinen Umweg belohnt." So schrieb Goethe am 12. September 1786 in sein Tagebuch, und auch wir wagen den Abstecher nach Westen, 23 Kilometer weit über den Passo San Giovanni.

Gardasee
Dann liegt er uns zu Füßen: der Gardasee, Sehnsuchtsziel für Generationen, das beim ersten Anblick von Nago aus anmutet wie ein Theaterprospekt. Die Luft flimmert, die weißen Dreiecke der Segelboote verlieren sich, und die massiven Bergsilhouetten, letzte Abkömmlinge der Alpen, lösen sich im blauen Süden auf, wo Wasser und Himmel verschwimmen.

Doch der See ist noch zu kalt zum Baden. Wie gönnen uns am Strand von Torbole lieber ein Gelato, das von innen kühlt. Dann ruft das nächste, das letzte Ziel: Verona!

Von Cavaion sind es noch 27 Kilometer, immer leicht bergab entlang des Canale mediane. Grün und blitzsauber strömt darin das Etschwasser, Schiffe gibt es keine, dafür wachsen Kiwis am Wegrand. Wir sind jetzt in Venetien, längst hat uns der Süden ganz.

Verona
In Verona geben wir die Räder ab, schlendern "Fratelli d’Italia" pfeifend am Castelvecchio vorbei - und stehen wieder an der Etsch. Das Bacherl, das uns vor Tagen auf 1500 Metern plätschernd begrüßt hat, ist erwachsen geworden, ein Strom, der majestätisch seine Schleife um den Stadtkern zieht.

Der gehört zum Schönsten, was die Welt an gebauter Geschichte kennt. Die Gassen, die Häuser in den erdigen Farben, das warme Licht, die blauen Schatten. Schatten und Eiswürfel sind in der brütenden Hitze das kostbarste Gut; Hüte und Fächer die Verkaufsschlager bei den Standlern der Piazza Erbe.

Wir spazieren die Via Cappello hinunter zur Casa di Giulietta, dem Haus der Julia. Im Hausdurchgang haben sich Liebende aus aller Welt verewigt; ihr tausendfaches Gekritzel sieht aus wie ein Gemälde von Jackson Pollock. Und drinnen im Hof darf jede einmal als wunderschöne Julia vom berühmten Balkon der Capulet herunterwinken.

Wir sind jetzt in der Stimmung für große Liebestragödien. Deshalb sehen wir uns zum krönenden Abschluss unserer Tour Georges Bizets Oper "Carmen" in der Arena di Verona an. Mit Hundertschaften hat der legendäre Regisseur Franco Zeffirelli ein opulentes Opernfest auf die Bühne gestellt. Die Stimmen sind toll, das Orchester schmachtet und funkelt, und auf den Tribünen glänzen 12.000 feuchte Augenpaare mit dem Vollmond um die Wette. Wir sind uns einig: Nirgendwo ist der Kitsch so echt wie in Italien.

Matthias Wagner, Kronen Zeitung

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