Die ÖBB legen bei der „Freien Mitte“ in der Leopoldstadt den Finger in die Wunde ihrer Geschichte. Dort wird nun an die düstere Rolle erinnert, die der einstige Nordbahnhof in der NS-Diktatur gespielt hat. Das Mahnmal bildet zugleich den gestalterischen Schlusspunkt im neuen Stadtviertel.
Mit dem renovierten ehemaligen Wasserturm hat das Stadtentwicklungsgebiet auf dem Gelände des einstigen Nordbahnhofs in der Leopoldstadt nun sein Wahrzeichen, und mit einer wetterfesten Dauerausstellung gleich daneben ein Mahnmal, das an die geschichtliche Belastung des Areals erinnert: Von hier aus wurden Tausende Wiener Juden per Zug in die Vernichtungslager der Nazis geschickt.
„Massenmord beginnt mit Worten“
Die Bahn selbst legt mit den Schautafeln den Finger tief in die Wunde der Unternehmensgeschichte, die sie schon vor 14 Jahren mit der Wanderausstellung „Verdrängte Geschichte“ aufzuarbeiten begonnen hat. Gestaltet und hergestellt wurde die ebenso bedrückende wie informative Ausstellung eigenständig von ÖBB-Lehrlingen. Vorständin Silvia Angelo betonte bei der Präsentation: „Um in die Zukunft schauen zu können, muss man sich der Vergangenheit bewusst sein.“
Lob für den ehrlichen Blick in den historischen Spiegel gab es von Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde. Er hofft, dass die Erinnerung daran, „welche unvorstellbaren Verbrechen sich hier, im Herzen der Stadt, ereignet haben“, zum Kampf gegen Antisemitismus von heute beiträgt, der wieder „jede Zurückhaltung verloren“ habe. „Massenmord beginnt nicht mit Deportationen, sondern mit Worten“, mahnte er.
Bei Gedenken geht es um mehr als Gedenken
Auch für Bezirkschef Alexander Nikolai (SPÖ) ist das Mahnmal sehr heutig, weil es Wien zeige, „wohin Ausgrenzung und Verachtung führen können“. Die „Freie Mitte“ sei das grüne Herz und ein Ort des Zusammenkommens für das neue Stadtviertel, „aber dieser Ort erzählt auch eine andere Geschichte“. Die Dauerausstellung mache ihn nun zu einem „Raum für die Zukunft und die Vergangenheit“.
Historiker Oliver Rathkolb, der die Aufarbeitung der ÖBB-Geschichte wissenschaftlich begleitete, verwies zudem auf die vielen weiteren geschichtlichen Eckpunkte, mit denen das Nordbahnhof-Gelände verknüpft ist. Österreichische Soldaten, die im Ersten Weltkrieg an die Russland-Front geschickt wurden, nahmen hier Abschied von Wien. Oft für immer. Und nicht zuletzt war der Nordbahnhof ein Zentrum des Widerstands von Eisenbahnern, den diese zu Hunderten mit dem Leben bezahlen mussten.
Die Eisenbahn habe erstmals große Migrationsbewegungen möglich gemacht, Wien im 19. Jahrhundert zum „Musterbeispiel für Integration“ gemacht und doch mit dem Antisemitismus jener Zeit zugleich die Saat für spätere Verbrechen gelegt, so Rathkolb. Die Erinnerung daran wachzuhalten diene jedoch nicht der Vergangenheit: Studien quer durch Europa würden belegen, dass dort, wo man sich kritisch mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetze, auch das demokratische Bewusstsein weit höher sei.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
Hinweis in eigener Sache: Das krone.at-Forum präsentiert sich ab sofort in neuem Design! Wir freuen uns über konstruktives Feedback. Damit die Diskussionen in den Kommentarbereichen beim jeweiligen Thema bleiben, können Sie uns Rückmeldungen hier hinterlassen.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.