Wiener Stadtviertel

Mahnmal vervollständigt das Nordbahnhof-Gelände

Wien
05.11.2026 14:15

Die ÖBB legen bei der „Freien Mitte“ in der Leopoldstadt den Finger in die Wunde ihrer Geschichte. Dort wird nun an die düstere Rolle erinnert, die der einstige Nordbahnhof in der NS-Diktatur gespielt hat. Das Mahnmal bildet zugleich den gestalterischen Schlusspunkt im neuen Stadtviertel.

Mit dem renovierten ehemaligen Wasserturm hat das Stadtentwicklungsgebiet auf dem Gelände des einstigen Nordbahnhofs in der Leopoldstadt nun sein Wahrzeichen, und mit einer wetterfesten Dauerausstellung gleich daneben ein Mahnmal, das an die geschichtliche Belastung des Areals erinnert: Von hier aus wurden Tausende Wiener Juden per Zug in die Vernichtungslager der Nazis geschickt.

„Massenmord beginnt mit Worten“
Die Bahn selbst legt mit den Schautafeln den Finger tief in die Wunde der Unternehmensgeschichte, die sie schon vor 14 Jahren mit der Wanderausstellung „Verdrängte Geschichte“ aufzuarbeiten begonnen hat. Gestaltet und hergestellt wurde die ebenso bedrückende wie informative Ausstellung eigenständig von ÖBB-Lehrlingen. Vorständin Silvia Angelo betonte bei der Präsentation: „Um in die Zukunft schauen zu können, muss man sich der Vergangenheit bewusst sein.“

Auf acht Informationstafeln wird die Rolle der Bahn in der NS-Diktatur aufgerollt.
Auf acht Informationstafeln wird die Rolle der Bahn in der NS-Diktatur aufgerollt.(Bild: Eva Manhart)

Lob für den ehrlichen Blick in den historischen Spiegel gab es von Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde. Er hofft, dass die Erinnerung daran, „welche unvorstellbaren Verbrechen sich hier, im Herzen der Stadt, ereignet haben“, zum Kampf gegen Antisemitismus von heute beiträgt, der wieder „jede Zurückhaltung verloren“ habe. „Massenmord beginnt nicht mit Deportationen, sondern mit Worten“, mahnte er.

Bei Gedenken geht es um mehr als Gedenken
Auch für Bezirkschef Alexander Nikolai (SPÖ) ist das Mahnmal sehr heutig, weil es Wien zeige, „wohin Ausgrenzung und Verachtung führen können“. Die „Freie Mitte“ sei das grüne Herz und ein Ort des Zusammenkommens für das neue Stadtviertel, „aber dieser Ort erzählt auch eine andere Geschichte“. Die Dauerausstellung mache ihn nun zu einem „Raum für die Zukunft und die Vergangenheit“.

Nachkommen von Überlebenden der Shoah, die sich derzeit auf einem, vom Jewish Welcome Service ...
Nachkommen von Überlebenden der Shoah, die sich derzeit auf einem, vom Jewish Welcome Service organisierten Wien-Besuch befinden, waren bei der Präsentation der neuen Dauerausstellung anwesend.(Bild: Eva Manhart)

Historiker Oliver Rathkolb, der die Aufarbeitung der ÖBB-Geschichte wissenschaftlich begleitete, verwies zudem auf die vielen weiteren geschichtlichen Eckpunkte, mit denen das Nordbahnhof-Gelände verknüpft ist. Österreichische Soldaten, die im Ersten Weltkrieg an die Russland-Front geschickt wurden, nahmen hier Abschied von Wien. Oft für immer. Und nicht zuletzt war der Nordbahnhof ein Zentrum des Widerstands von Eisenbahnern, den diese zu Hunderten mit dem Leben bezahlen mussten.

Die Eisenbahn habe erstmals große Migrationsbewegungen möglich gemacht, Wien im 19. Jahrhundert zum „Musterbeispiel für Integration“ gemacht und doch mit dem Antisemitismus jener Zeit zugleich die Saat für spätere Verbrechen gelegt, so Rathkolb. Die Erinnerung daran wachzuhalten diene jedoch nicht der Vergangenheit: Studien quer durch Europa würden belegen, dass dort, wo man sich kritisch mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetze, auch das demokratische Bewusstsein weit höher sei.

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