Ungarn-Krise

Die erste, harte Bewährungs-Probe für unser Heer

Burgenland
04.11.2026 05:00

Mit ernster Miene blicken Zeitzeugen auf die dramatische Lage vor genau 70 Jahren zurück. In Ungarn waren Unruhen ausgebrochen. Ein Rückblick.

Die Ungarn-Krise hatte in den letzten Oktobertagen 1956 zum Sturz der kommunistischen Führung geführt. Im Burgenland saßen Großmütter betend am Fenster, ihr Blick schweifte über die Straßen, Felder – in Angst, dass jeden Augenblick russische Panzer auftauchen. Junge Generationen hatten ihr Fluchtgepäck, fest verschnürt, im Vorzimmer bereitgestellt.

Heer hatte Schießbefehl
„Alle dachten, die Sowjetarmee sei bereits knapp vor Nickelsdorf. Das Gerücht, die Russen wollen durch Österreich marschieren und bis zur Adria vordringen, machte die Runde“, erinnert sich ein Ortsbewohner (87). „Unser Bundesheer hatte Schießbefehl. Im Fall eines Einmarsches hätte das Feuer eröffnet werden müssen“, sagt Historikerin Ingrid Schramm.

Funknetz zwischen Wien und Nickelsdorf
Landesverteidigung schien aussichtslos. Unser Heer, erst kurz zuvor aus den Reihen der B-Gendarmerie gebildet, steckte in den Kinderschuhen – keine ausgebildeten Soldaten. Einer der Kompaniekommandanten, der damals am Grenzbalken in Nickelsdorf stand, war Brigade-Tel-Offizier Hauptmann Alfred Nagl.

Alfred Nagl, später Brigadier
Alfred Nagl, später Brigadier(Bild: Karl Reiberger)

Dank seiner Kenntnisse als Lehrer der B-Gendarmerie baute er ein Funknetz zwischen Nickelsdorf und Wien auf, um über die Lage zu berichten. An die Grenze stellte er alle 100 Meter Jungmänner mit rot-weiß-roten Fahnen. Erste Flüchtlinge aus Ungarn, die sich durchgeschlagen hatten, warnten vor 30 Sowjetpanzern.

Panzer verschwunden
Tatsächlich waren sie im Anrollen. „Die Situation wurde unheimlich. Plötzlich blieben die Panzer 200 Meter vor uns stehen und drehten die Geschützrohre zur Seite. Mir fiel ein Stein vom Herzen“, hielt Nagl fest.

Tage später, als Flüchtlinge in Scharen über die Brücke von Andau strömten, waren die Sowjetpanzer in Grenznähe verschwunden. Das Bundesheer hatte die erste Feuerprobe überstanden.

Nagl, der am 15. Mai 1955 beim Jubel „Österreich ist frei“ neben Außenminister Leopold Figl stand und später in Weiden am See lebte, starb 2021 im Alter von 105 Jahren.

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