Dramatischer Trend

Warum Krebs jetzt immer mehr junge Menschen trifft

Wissen
10.10.2026 20:22

Krebs trifft zwar weiterhin vor allem ältere Menschen, doch bei Jüngeren steigen die Erkrankungszahlen deutlich schneller. Eine internationale Untersuchung zeigt besonders starke Zuwächse bei mehreren Krebsarten. Experten sehen mögliche Zusammenhänge mit Übergewicht, Ernährung und Bewegungsmangel – doch noch sind nicht alle Ursachen geklärt.

Krebs galt lange vor allem als Erkrankung des höheren Lebensalters. Neue Zahlen aus England, den USA und den Niederlanden zeigen jedoch, dass sich bei Menschen unter 50 Jahren ein beunruhigender Trend abzeichnet. Besonders bei Darm-, Nieren- und Gebärmutterkrebs wurden deutliche Anstiege festgestellt. In England hat sich zudem die Zahl der Prostatakrebsdiagnosen bei unter 50-Jährigen seit 2001 vervierfacht.

Für die Untersuchung wertete der World Cancer Research Fund (WCRF), eine internationale Organisation zur Krebsforschung und -prävention, Daten aus den drei Ländern aus. Die Forscher stellten bei sieben Krebsarten in England, fünf in den USA und vier in den Niederlanden deutliche Zunahmen bei jüngeren Erwachsenen fest. Zwar steigen die Krebszahlen weltweit auch in anderen Altersgruppen, bei Menschen unter 50 Jahren fällt der Anstieg aber stärker aus.

Prostatakrebs-Zahlen vervierfacht
Wie stark sich die Entwicklung in einzelnen Bereichen zeigt, verdeutlichen die Zahlen aus England. Dort stieg die Häufigkeit von Prostatakrebs bei Männern unter 50 Jahren von einem Fall pro 100.000 Menschen im Jahr 2001 auf 3,6 Fälle im Jahr 2023. Bei Darmkrebs erhöhte sich die Zahl im selben Zeitraum von 3,9 auf 8,4 Fälle pro 100.000 Menschen.

Ein gesunder Lebensstil kann das Krebsrisiko für bestimmte Erkrankungen senken. Einen ...
Ein gesunder Lebensstil kann das Krebsrisiko für bestimmte Erkrankungen senken. Einen vollständigen Schutz bietet er nicht.(Bild: stock.adobe.com - Michael Heim)

Auch bei Gebärmutter- und Nierenkrebs verdoppelten sich die Erkrankungsraten bei jüngeren Menschen auf 3,9 beziehungsweise drei Fälle pro 100.000. Brustkrebs nahm weniger stark zu: Die Rate stieg von 42 auf 47,5 Fälle pro 100.000 Menschen. Auch bei Bauchspeicheldrüsen- und Leberkrebs wurden Zuwächse registriert.

In den USA hat sich die Häufigkeit von Nierenkrebs bei unter 50-Jährigen zwischen 2000 und 2023 ebenfalls mehr als verdoppelt – von 2,5 auf 5,3 Fälle pro 100.000 Menschen. Darm-, Gebärmutter- und Bauchspeicheldrüsenkrebs nahmen um jeweils mehr als 50 Prozent zu, Brustkrebs um rund 20 Prozent. In den Niederlanden verzeichneten die Forscher Anstiege bei Darm-, Nieren-, Leber- und Gebärmutterhalskrebs.

Die Infografik zeigt Empfehlungen zur Früherkennung von Krebs in Österreich sowie die Zahl der Neuerkrankungen 2024 für Prostata-, Brust-, Darm-, Haut- und Gebärmutterhalskrebs. Für Prostatakrebs wird ab 45 Jahren ein jährlicher PSA-Test empfohlen, für Brustkrebs ab 18 Jahren eine Selbstuntersuchung und ab 40 Jahren alle zwei Jahre eine Mammografie. Darmkrebs soll ab 45 Jahren durch Koloskopie alle zehn Jahre oder durch FIT-Stuhltest alle ein bis zwei Jahre erkannt werden. Bei Hautkrebs wird ein Muttermalcheck je nach Hauttyp empfohlen, bei Gebärmutterhalskrebs ab 18 Jahren ein jährlicher PAP-Abstrich. Die meisten Neuerkrankungen gab es 2024 bei Prostatakrebs (8.152) und Brustkrebs (7.041). Quellen: APA, Statistik Austria, krebshilfe.net, oegk.at.

Übergewicht und Lebensstil als mögliche Faktoren
Die Ursachen für die Entwicklung sind noch nicht vollständig geklärt. Experten nennen jedoch mehrere mögliche Einflussfaktoren: die weltweit zunehmende Zahl übergewichtiger Menschen, eine ungünstige Ernährung, zu wenig Bewegung sowie Alkohol- und Tabakkonsum. Auch Umweltbelastungen – etwa durch Luftverschmutzung und bestimmte Chemikalien – könnten eine Rolle spielen.

Nach Angaben des WCRF hängen rund 40 Prozent aller Krebserkrankungen mit veränderbaren Risikofaktoren dieser Art zusammen. Das bedeutet allerdings nicht, dass sich jeder dieser Fälle sicher verhindern ließe oder dass sich die steigenden Zahlen bei jüngeren Menschen allein damit erklären lassen.

Gleichzeitig werden Krebserkrankungen heute besser erkannt. Mehr Menschen achten auf mögliche Symptome und suchen früher medizinische Hilfe. Auch verbesserte Untersuchungsmethoden können dazu beitragen, dass mehr Fälle entdeckt werden. Nach Einschätzung der Experten erklärt die bessere Erkennung den Anstieg jedoch nicht vollständig.

Experten warnen vor weiterem Anstieg
Mark Lawler, Professor für digitale Gesundheit und Krebsforschung an der Queen’s University Belfast, bezeichnete die Entwicklung gegenüber dem britischen „Guardian“ als „eine tickende Zeitbombe, die wir so schnell wie möglich entschärfen müssen“. Andernfalls würden die Zahlen zweifellos weiter steigen, warnte er. Besonders besorgniserregend sei der Trend vor dem Hintergrund, dass Lebensstilfaktoren zu Tausenden Todesfällen beitrügen.

Auch Giota Mitrou vom World Cancer Research Fund sprach von einer besorgniserregenden Entwicklung. Hinter jeder Zahl stehe ein Mensch, der früher als erwartet mit einer Krebserkrankung konfrontiert werde – ebenso wie dessen Familie und oft auch dessen Arzt. Obwohl Krebs weiterhin deutlich häufiger bei älteren Menschen auftrete, müssten die Veränderungen bei jüngeren Generationen daher zu einer wichtigen Priorität für Forschung und Vorbeugung werden.

Wie groß der Anteil veränderter Risikofaktoren tatsächlich ist und welche Rolle die bessere Früherkennung spielt, soll weitere Forschung klären. Am King’s College London wurde dafür eine Studie mit 250.000 Menschen angekündigt, die mit Unterstützung von Cancer Research UK den Anstieg der Darmkrebsfälle bei jüngeren Erwachsenen untersuchen soll.

Eine gegenläufige Entwicklung gibt es immerhin bei Lungenkrebs: In allen drei untersuchten Ländern gingen die Erkrankungsraten bei unter 50-Jährigen zurück. Die Forscher führen das auf den anhaltenden Rückgang des Rauchens zurück.

Krebs bleibt bei jüngeren Menschen insgesamt vergleichsweise selten. Das mittlere Alter bei einer Krebsdiagnose liegt weiterhin über 60 Jahren. Die zunehmenden Erkrankungsraten bei Menschen unter 50 Jahren sind für Fachleute dennoch ein deutliches Warnsignal.

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