Technik aus dem Takt

Wegen Computer-Chaos: Schaltsekunde droht Aus

Wissen
09.10.2026 08:22
Porträt von krone.at
Von krone.at

Eine einzige zusätzliche Sekunde kann Störungen bei Computersystemen oder der Energieversorgung auslösen. Doch immer wieder entscheidet der Internationale Erdrotations- und Referenzsystemdienst (IERS), die Zeit zu ändern. Experten fordern, dass jetzt Schluss damit ist.

Es gibt zwei verschiedene Arten, wie Zeit gemessen wird: Zum einen gibt es die Koordinierte Weltzeit (UTC). Sie basiert auf der Messung von Atomuhren. Zum anderen gibt es die astronomische Zeit (UT1, Universalzeit), die durch die Erdrotation bestimmt wird. Die Atomuhren liefern eine konstante Zeit. Die Rotationsgeschwindigkeit der Erde hingegen schwankt geringfügig. Das wiederum bedeutet, dass die beiden Zeitskalen leicht voneinander abweichen.

Um unsere Uhren mit der astronomischen Zeit in Einklang zu halten, wurde immer wieder einmal eine Schaltsekunde eingefügt. Doch damit soll nun bald Schluss sein. Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht (CGPM) will die Schaltsekunde abschaffen, um für mehr Stabilität zu sorgen. Noch ist das Aus der Schaltsekunde aber nicht fix, die finale Bestätigung soll am 15. Oktober im französischen Versailles erfolgen.

Was passiert ohne Schaltsekunde?

Wird die Schaltsekunde abgeschafft, werden sich UTC und UT1 nach und nach weiter voneinander entfernen. Die Uhrzeit würde stärker vom Stand der Sonne am Himmel abweichen – für den Alltag wäre das aber noch für lange Zeit bedeutungslos.

Bisher 27 Schaltsekunden
Aktuell gilt, dass UTC und UT1 maximal 0,9 Sekunden voneinander abweichen dürfen. Ist diese Differenz in etwa erreicht, soll jeweils eine Schaltsekunde die Zeiten wieder in Einklang bringen. Das ist seit der Einführung des Verfahrens 1972 genau 27 Mal geschehen, entschieden vom Internationalen Erdrotations- und Referenzsystemdienst (IERS). Zuletzt wurde Ende 2016 eine Schaltsekunde eingefügt.

Die zusätzliche Sekunde wurde in der Vergangenheit entweder am Ende des 30. Juni oder des 31. Dezember eingeschoben. Diese eine Minute hatte dann 61 statt der üblichen 60 Sekunden.

Störungen bei Energie und Verkehr
Für Menschen bleibt eine Schaltsekunde meist unbemerkt, in Computersystemen kann sie jedoch Störungen verursachen. Auch kritische Infrastruktur wie Energieversorgung, Telekommunikation oder Verkehr brauchen laut Generalkonferenz CGPM eine konstante Zeit ohne Anpassungen.

Es besteht Fachleuten zufolge die Möglichkeit, dass erstmals eine Sekunde abgezogen und nicht hinzugefügt werden müsste, um UTC und UT1 wieder anzugleichen. Diese Situation gab es noch nie und ob der Abzug der Sekunde störungsfrei umgesetzt werden könnte, ist unklar. Die Industrie befürchtet der CGPM zufolge erhebliche technische Vorbereitungen und zusätzliche Kosten.

Abweichung bis zu einer Stunde
Um Risiken vorzubeugen, soll die Schaltsekunde deshalb rasch ganz abgeschafft werden – nach bisherigem Vorschlag zum 20. Mai 2027. Die Generalkonferenz schlägt vor, die Schaltsekunde gar nicht mehr zu verwenden, sondern eine kontinuierliche UTC ohne sprunghafte Ein-Sekunden-Korrekturen zu nutzen. Dafür soll die Koordinierte Weltzeit künftig bis zu 3600 Sekunden – also eine ganze Stunde – von der astronomischen Zeit abweichen dürfen. Die Fachleute hoffen, dass die Zeiterfassung so für mehrere Jahrhunderte nicht angepasst werden muss.

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