Die neue Direktorin des Theaters in der Josefstadt, Marie Rötzer, beweist auch mit ihrer zweiten Premiere keine glückliche Hand. Regisseur Stefan Pucher verstellt mit seiner Lesart von „Romeo und Julia“ den Blick auf das Stück, die obszöne Textfassung von Lucien Haug macht es überdies banal.
Wie bringt man ein 430 Jahre altes Stück auf die Bühne? Reicht es aus, den ewig gültigen Kern der Geschichte freizulegen und glaubhaft zu erzählen oder braucht es unbedingt ein heutiges Gewand? Im Theater in der Josefstadt hat sich Regisseur Stefan Pucher bei Shakespeares „Romeo und Julia“ für die Neueinkleidung entschieden – oder besser gesagt sich fulminant darin verstiegen.
Derbe Neudichtung
Dieses Scheitern passiert auf mehreren Ebenen gleichzeitig und beginnt bei der Wahl der Text-Fassung. Die Übersetzung des 34-jährigen Schweizer Autors Lucien Haug ist eine Nachdichtung in derb-obszöner Pseudojugendlichkeit. Hier wird vulgär mit authentisch verwechselt. Man ist für jeden sprachlichen Fetzen dankbar, der auch nur ansatzweise etwas von Shakespeares Geist atmet.
Zeit und Raum der Produktion sind wenig erhellend oder bereichernd. Die düstere Einheitsbühne ist irgendwo zwischen Trailer- und Skaterpark angesiedelt, die punkigen Kostüme vermitteln vage Endzeitstimmung und 90er-Jahre Futurismus. Die Video-Projektionen aus dem Inneren eines verkommenen Wohnwagens schaffen noch so etwas wie intime Dringlichkeit, die überdimensionalen digitalen Köpfe, die den Willen des Fürsten kundtun sowie die animierte Marien-Figuren, die Schlagzeug spielen, sind gekünstelt modern wie nichtssagend. Hier wird Shakespeare mit Gewalt in die Gegenwart gezerrt, das schafft statt mehr Nähe einzig befremdliche Distanz.
Dass hier die wohl poetischste tragische Liebesgeschichte der Weltliteratur erzählt wird, geht in so viel Modernitätsgetöse völlig unter. Lichtblick in einem mittelmäßigen Ensemble sind ein paar neue junge Gesichter. Darunter Samuel Simon als geschmeidiger Benvolio oder Nikolai Gemel, der als lässiger Mercutio überzeugt. Letzterer ist ebenso neu im Ensemble der Josefstadt wie Leonard Dick, der den Romeo mit leidenschaftlicher wie jugendlicher Ernsthaftigkeit ausstattet. Seide Noffke als Julia bleibt in ihrer trotzig kühlen Intensität eintönig.
Erzwungen heutig
Spätestens wenn Romeo im Finale versucht, seine scheinbar tote Julia wieder ins Leben zu holen und ihr vorschlägt, doch gemeinsam „Gilmore Girls“ zu schauen, wird in banaler Entzauberung klar: Hier ist eine erzwungen heutige Interpretation wichtiger als die archaische Geschichte, die das Stück zu erzählen hat.
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