Der aus Russland stammende Regisseur Vasily Barkhatov debütiert am Samstag mit zwei Kurzopern an der Wiener Staatsoper, bettet Zemlinsky und Bartók auf Sigmund Freuds Therapie-Couch.
„Krone“: Zwei Männer, zwei Frauen, zwei extreme Geschichten von Begehren und Gewalt: Was verbindet Zemlinskys „Florentinische Tragödie“ mit Bartóks „Blaubart“?
Vasily Barkhatov: In unserer Inszenierung folgen beide Opern demselben Paar, das sich in einer Beziehungskrise befindet. „Eine Florentinische Tragödie“ ist das realistischere Stück: Es geht um eine bewusste Selbstanalyse. „Blaubart“ hingegen führt uns ins Unterbewusstsein. Wir begleiten dieses Paar auf einer erschreckenden schmerzhaften Reise, auf der es sich selbst, den anderen und die Wahrheit über seine Beziehung entdeckt – und am Ende wieder zueinanderfindet, diesmal für immer.
Sie erzählen die Einakter als Therapiesitzung. Warum wird ausgerechnet diese Therapie zum tödlichen Experiment?
In „Eine Florentinische Tragödie“ begegnen wir zunächst einem Paar, das sich an einen Therapeuten wendet, weil es seine Ehe retten möchte. Im Rahmen der Therapie schlägt er ein Rollenspiel vor, das die Eifersucht wieder wecken und die Gefühle des Paares neu entfachen soll. Doch allmählich entgleitet das Spiel. Was als Versuch beginnt, die Beziehung zu retten, führt schließlich zu einem Mord.
Wie viel Psychologie braucht das Publikum, um der Geschichte zu folgen – wie viel soll rätselhaft bleiben?
Das Publikum braucht keine besonderen psychologischen Kenntnisse. Die Gefühle und Verhaltensmuster, die wir untersuchen, sind uns allen vertraut – sei es aus unserem eigenen Erleben oder aus dem Verhalten der Menschen um uns herum. Nichts an diesen Figuren ist nicht zutiefst menschlich.
Wir müssen sorgfältig damit umgehen, welche Seiten von uns und von dem Menschen, den wir lieben, wir ans Licht holen – und welche wir im Schatten belassen.
Vasily Barkhatov
Welche zentralen Gedanken möchten Sie Zusehern mit dieser Produktion mitgeben?
Manchmal müssen Menschen schwierige, ja beängstigende Erfahrungen durchleben, um starke Beziehungen aufzubauen. Glück entsteht nicht nur aus glücklichen Ereignissen. Jede Beziehung hat ja ihr eigenes Licht, ihre eigene Dunkelheit. Es ist als würde man eine Skulptur beleuchten: Ohne Licht kann man sie überhaupt nicht sehen, aber wenn man sie hell ausleuchtet, zerstört man ihre Tiefe. Erst das Spiel von Licht und Schatten lässt uns ihre wahre Form erkennen. Das ist bei Menschen ähnlich. Wir müssen sorgfältig damit umgehen, welche Seiten von uns und von dem Menschen, den wir lieben, wir ans Licht holen – und welche wir im Schatten belassen.
Was müssen Sänger in dieser psychologisch extremen Inszenierung leisten?
Beide Werke sind äußerst intim – fast wie gesprochenes Theater. Wenn so wenige Menschen auf der Bühne stehen, gibt es keinen Ort, an dem man sich verstecken kann: Jede Geste, jede Reaktion ist da wichtig.
Was bedeutet Ihnen das Debüt an der Staatsoper?
Sehr viel. Es gibt bestimmte legendäre Orte auf der Welt, die fast jeder kennt – auch Menschen, die keinen direkten Bezug zu Oper haben. Hier arbeiten zu dürfen und auf diese Weise ein Teil dieser Geschichte zu werden, ist für mich als Opernregisseur etwas ganz Besonderes.
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