Marie Rötzer startet diese Woche mit den ersten zwei Premieren als Direktorin im Theater in der Josefstadt. Im Kultur Kompass spricht sie über Verständnis von Theater als Ort der Gemeinschaft, wie Geniekult und Machtmissbrauch zusammenhängen und warum wir ein neues Sehen brauchen.
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„Kronen Zeitung“: Lange Direktionen und Ensemble-Biografien, ein treues Publikum: Kaum ein Theater steht so sehr für Tradition wie die Josefstadt. Wie gestaltet man da einen Neuanfang?
Marie Rötzer: Indem es nicht ein großer Knall wird. Wir setzen auf Kontinuität – und Weiterentwicklung in eine neue Zeit. Theater ist immer ein Spiegel seiner Zeit, der Gesellschaft. Beides verändert sich – und damit auch das Theater. Natürlich wollen wir weiterhin Themen bearbeiten, die Menschen bewegen. Und in Klassikern auf genau die Sehnsüchte und Bedürfnisse von Menschen eingehen, die sie bis heute spannend machen.
Herbert Föttinger hat seine Direktion mit Peter Turrini beendet, Sie eröffnen mit Turrini. Ein bewusstes Zeichen für Kontinuität?
Ja, das ist mir wichtig. Das Theater gehört ja nicht mir oder einem anderen Intendanten. Es gehört dem Publikum. Peter Turrini als einer der großen österreichischen Dramatiker gehört zur Josefstadt – diese enge Verbindung zu Autorinnen und Autoren möchte ich aufrechterhalten.
Das Stammpublikum hat ganz klar Sehgewohnheiten. Bedeutet das Erwartungsdruck oder Rückenwind?
Das ist auf jeden Fall eine Qualität der Josefstadt, dass es dieses treue Publikum gibt. Für mich ist das auch eine Art Kompetenzgemeinschaft. Ich kann mich darauf verlassen, dass sie sehr viel über Theater wissen. Ich habe das Publikum hier im Haus bisher als sehr neugierig und offen erlebt.
Auf welche Theater-Bedürfnisse sind Sie da bisher gestoßen – Unterhaltung, Gemeinschaft, Erkenntnis?
Von allem etwas! Das Wichtige an einem Theaterbesuch ist, dass man Emotionen spürt, dass es die Sinne anspricht, die wir oft im Alltag verlieren. Im Theater kommt man wieder zu sich. Und ist gleichzeitig in einer Gemeinschaft. Durch dieses gemeinsame Erlebnis kommt es dazu, dass wir zu besseren Menschen werden, wenn wir wieder aus dem Theater hinausgehen.
Sie wollen das Haus auch öffnen. In welche Richtung?
Wir sind ja kein Museum. Wir verändern uns. Auch das Ensemble ist wie ein Organismus, der sich immer wandelt. Es gibt viele neue Aspekte. Den Wechsel in den Regie-Teams zum Beispiel mit vielen neuen Regisseurinnen. Aber letztlich geht es auch darum, dass wir das Publikum breiter einladen wollen, Uraufführungen ins Programm bringen, auch Gegenwartsstücke. Wir stehen für das Motto Neues für die Sinne. Dabei geht es darum, ein neues Sehen zu entwickeln, ein neues Hören, ein neues Spüren.
Sie wollen auch die Unternehmenskultur zu modernisieren und haben zuletzt den Geniekult im Theater kritisiert. Hängt das zusammen?
Vielleicht. Das hat gerade am Theater damit zu tun, dass oft Regisseure und Schauspieler in Leitungspositionen sind und waren. Das ist ein generelles Phänomen. Da kann es leichter dazu kommen, dass dieser Geniekult dazu führt, dass man die Mittel der Macht missversteht, es zu Machtmissbrauch kommen kann.
Sie selbst wurden auch schon vor Amtsantritt heftig dafür kritisiert, das Ensemble verkleinert zu haben...
Das ist mir auch nicht leicht gefallen. Ich habe mir da unglaublich viele Gedanken gemacht zu diesem Thema Ensemble. Ich habe mir sehr genau überlegt, was an Aufgaben in den nächsten Jahren auf die Schauspielmannschaft zukommen und wie ich daraus ein Ensemble formen kann. Letztlich sind zwei Drittel des Ensembles unverändert. Das ist ein enorm hoher Anteil für einen Direktionswechsel.
Sie bezeichnen Theater als letzten freien Ort. Was bedeutet das konkret?
Es ist eine Art von Ersatzfreiheit. Wir können auf der Bühne alles mitfühlen – ohne dass wir tatsächlich zum Mörder oder zum leidenschaftlichen Liebhaber werden müssen. Es ist wie in einem Labor. Wir erleben Geschichten, die vielleicht über den Verstand hinausgehen. Utopien, die wir als Gesamtgesellschaft noch vor uns haben. Wir können darüber Hoffnung evozieren und Zuversicht.
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