Bis inklusive Sonntag lädt Konrad Paul Liessmann beim Philosophicum Lech zum Vor- und Nachdenken über die Folgen der Digitalisierung – vom betreuten Denken über das Verlernen von Kulturtechniken bis hin zum Weg in ein neues Mittelalter.
Hier geht es direkt zum Kultur Kompass mit Konrad Paul Liessmann!
In der digitalen Gesellschaft lässt sich eine neue Lust beobachten – an der Unmündigkeit. Wir lagern Entscheidungen wie die beste Route, den nächsten Lieblingssong oder das Schreiben eines Textes gerne an Maschinen aus. „Betreutes Denken“ nennt das Konrad Paul Liessmann. Ab heute lädt der Philosoph zum Nachdenken über das brisante Thema beim Philosophicum Lech, das er mit Barbara Bleisch leitet. Und Liesmann war Gast im Podcast-Studio des „Kultur Kompass“, um über diese rasante gesellschaftliche Dynamik zu sprechen.
Verlernen von Kulturtechniken
„Denken ist mühsam“, nennt er als einfachen Grund, warum Menschen geistige Tätigkeiten an Maschinen delegieren. Denken verlangt Anstrengung, kann einsam machen. Neue Technologien ködern den Menschen mit Bequemlichkeit: „Man braucht uns nur zu versprechen, es geht leichter, es geht einfacher, es geht schneller, es geht billiger.“
Zunächst fühlt sich das freiwillige Abgeben von lästigen Tätigkeiten wie eine Art Befreiung an, sogar wie Überlegenheit: „Ich habe etwas delegieren können. Wer delegieren kann, hat offensichtlich Macht. Sonst könnte man nicht delegieren.“ Dass dabei Fähigkeiten verloren gehen, liegt für den Philosophen auf der Hand: „Das gehört zum Wesen jeder Technologie. Es gibt noch Menschen, die wissen, wie man ein Feld bestellt, auch ohne industrialisierte Landwirtschaft, aber nicht mehr sehr viele.“
Zurück in ein neues Mittelalter
Ein ähnliches Schicksal könnte nun anderen Kulturtechniken drohen, wie dem sinnerfassenden Lesen langer Texte: „Wir müssen, um am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können, nicht mehr so lesen können wie im 18. oder 19. Jahrhundert.“
Vielmehr würde in einer stark visuellen Welt die Dominanz von Bildern und Videos zunehmen gegenüber der Schriftkultur. Liessmann vergleicht die Blüten dieses optischen Zeitalters mit der „Biblia pauperum“, der Armenbibel, in der die Heilsgeschichte für das analphabetische Volk einst bildlich dargestellt wurde: „Wir steuern auf ein neues Mittelalter zu – auf höchstem technischem Niveau.“
Neuen KI-Schamgefühl
Dass diese Entwicklung ihre Schattenseiten hat, spüren viele. Liessmann macht das an der neuen „KI-Scham“ fest. Menschen verwenden Künstliche Intelligenz, empfinden aber gleichzeitig Unbehagen darüber, dass sie eine Leistung nicht selbst erbracht haben: „Wir hätten dieses Schamgefühl nicht, wenn wir nicht im Innersten wüssten, wir können auch anders.“
Das 29. Philosophicum Lech steht unter dem Motto „Betreutes Denken. Die neue Lust an der Unmündigkeit“. Von 22. bis 27. September gibt es im neu gebauten Veranstaltungshaus, den Lechwelten, Vorträge und Diskussionen zum Thema. Auf dem Programm stehen etwa Beiträge von Richard David Precht und Rüdiger Safranski, Laura Wiesböck und Marie-Luisa Frick.
Details unter: www. philosophicum.com
Gegensteuern könne hier letztlich jeder Einzelne mit Eigenverantwortung und der bewussten Entscheidung, anderen Instanzen – von Influencern bis zu Algorithmen – nicht so viel Autorität über das eigene Leben zugestehen: „Es ist nie ein Mensch gezwungen, der sich ein Video anschaut, genau das zu tun, was ihm der Influencer sozusagen anmahnt oder zumutet.“
Was bleibt vom Menschlichen
Die Frage, die sich der Mensch künftig stellen sollte in Sachen KI ist demnach, was er mit dieser Technologie anfangen will – und was nicht: „Nicht, ob es möglich ist. Möglich wird es schon sein. Was mich verwundert ist, dass wir diese Frage, ob wir das eigentlich wollen, nie stellen.“
Welche menschliche Fähigkeit sollte man, nie an technische Systeme delegieren? „Lieben – und Hassen.“
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