Seit über 22 Jahren wird Medienmanager Gerhard Zeiler in (un)regelmäßigen Abständen als SPÖ-Bundesparteichef und Kanzlerkandidat ins Spiel gebracht. Seine jüngste Ankündigung ist der nächste Akt im roten Liebesdrama. Eine Chronologie.
Eine On-off-Beziehung ist eine Partnerschaft, die sich in einem ständigen Wechsel aus Trennung und Versöhnung befindet. Die Beteiligten können weder richtig miteinander, noch ohneeinander leben. So in etwa lässt sich auch das „schlampige“ Verhältnis zwischen Gerhard Zeiler und der Bundes-SPÖ einordnen. Oder wie es der deutsche Musiker Klaus Lage in seinem Lied auf den Punkt bringt: „Tausendmal berührt. Tausendmal ist nix passiert.“
Zeiler zur „Krone“: „Ich bin der Richtige“
Doch jetzt scheint der 71-Jährige wirklich Ernst machen zu wollen: „Ich bin der Richtige“, erhob Zeiler im Interview mit „Krone“-Redakteurin Conny Bischofberger Anspruch auf den Posten des SPÖ-Parteichefs.
Erste Putschgerüchte gab es schon 2004
Die ersten Gerüchte um einen roten Parteichef Zeiler reichen zurück bis ins Jahr 2004. Im April dachte der damalige Chef von RTL, der von 1994 bis 1998 mithilfe der SPÖ auch schon ORF-Generalintendant war, laut über einen Abgang beim Privatsender nach. Nur einen Monat später wurde das frühere Arbeiterkind aus Wien-Ottakring als möglicher SPÖ-Kanzlerkandidat für die Nationalratswahl 2006 in Spiel gebracht.
Befeuert wurde die Debatte durch den ehemaligen Finanzminister Hannes Androsch (SPÖ), der Ex-Kanzler Franz Vranitzky (SPÖ) und einer Runde prominenter SPÖ-Altpolitiker öffentlich vorwarf, den damals amtierenden SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer notfalls mittels eines „Putsches“ durch Zeiler ersetzen zu wollen. Einige Medien erinnerten damals auch daran, dass Zeiler als Kabinettsmitglied bei Kanzler Fred Sinowatz im Juni 1986 an dem Coup beteiligt gewesen sei, der Vranitzky quasi über Nacht zum Kanzler machte.
Vranitzky wiederum habe Zeiler 1994 als Intendant in den ORF geschickt. Sowohl Vranitzky als auch Zeiler dementierten die Berichte damals. Aus dem Putsch wurde schließlich nichts, Gusenbauer blieb SPÖ-Chef, gewann die Wahl 2006 und löste Wolfgang Schüssel (ÖVP) sogar als Kanzler ab. Zeiler fungierte weiterhin als Vorstandschef (CEO) der RTL Group, der SPÖ blieb er weiterhin eng verbunden.
Enge Freundschaft zu Franz Voves
So legte er sich im steirischen Landtagswahlkampf im Herbst 2005 vehement für den roten Spitzenkandidaten Franz Voves ins Zeug und sorgte bei Wahlkampfauftritten mit Überlegungen zu einer „ORF-Filetierung“ für Aufsehen am Wiener Küniglberg, seiner früheren Arbeitsstätte. Neuerliche Spekulationen über eine Polit-Karriere in Österreich nahm er damals „schmunzelnd, aber kommentarlos“ zur Kenntnis.
Voves holte schließlich den Landeshauptbannsessel – nach 60-jähriger ÖVP-Dominanz - für die SPÖ Steiermark zurück. Übrigens: Voves sprach sich – wie seine ehemaligen Amtskollegen Peter Ambrozy und Hans Niessl – erst am Wochenende für Zeiler als neuen SPÖ-Chef aus.
Zeiler und Faymann: Ziemlich beste Feinde
Schon zwei Jahre später – 2008 – stand der Medienmanager erneut im innenpolitischen Fokus als eine interne Ablöse Gusenbauer erneut die Runde machte. Wieder wurde der Name Zeiler gehandelt, doch am Ende machte Werner Faymann das Rennen. Mit Faymann sollte Zeiler in den Folgejahren eine besondere „Freundschaft“ pflegen.
Zeilers Comeback als ORF-Chef scheiterte an SPÖ-Granden
Drei Jahre später, 2011, wurden zwischen Faymann und Zeiler die Messer erstmals so richtig gewetzt. Zeiler lotete eine Rückkehr nach Österreich aus und liebäugelte offen mit einem Comeback als ORF-Generaldirektor und wollte gegen den amtierenden Chef Alexander Wrabetz in den Ring steigen. Ex-ORF-Generaldirektor Gerd Bacher und überraschenderweise die ÖVP machten sich für Zeiler stark. „Zwischen Zeiler und Wrabetz klafft ein Unterschied wie zwischen Kreisky und Faymann“, ließ Bacher damals über die Medien ausrichten.
Doch Faymann und sein damaliger Medienstaatssekretär Josef Ostermayer sowie die roten Bundesländer machten Wrabetz die Mauer, woraufhin Zeiler seine Kandidatur absagte. Zeilers damals zerknirscht: „Ich habe viele Freunde in der SPÖ und ich weiß, dass es viele in der SPÖ gerne gesehen hätten, dass ich es mache.“ Einen Wechsel zum ORF habe er sich zwar überlegt, aber nicht lange, „weil mich einige Gespräche dermaßen geschockt haben, dass mir klar, wurde, dass das nicht mein nächster Karriereschritt sein wird.“
Im April 2012 verließ Zeiler RTL und wechselte im Mai zum amerikanischen Medienunternehmen Time Warner, wo er Präsident der Turner Broadcasting System International wurde, die Sender wie CNN, TNT oder Cartoon Network betreibt. Zeilers Grundauffassung von Politik definierte 2013 bei den Österreichischen Medientagen: „Politiker müssen einfach ihre Arbeit tun und das, wovon sie überzeugt sind, jeden Tag an den Mann und an die Frau bringen.“
Zeilers Revanche 2015: Gemeinsam mit Kern Faymann weggeputscht
Knapp zweieinhalb Jahre herrschte dann in der SPÖ-Zeiler-Beziehung Ruhe, doch Ende 2014 wurde es wieder laut. Ablösegerüchte um Faymann machten die Runde, neben dem damaligen ÖBB-Chef Christian Kern wurde erneut der Name Zeiler ins Spiel gebracht. Im Juni 2015 erreichten die Gerüchte um einen Obmannwechsel schließlich ihren Höhepunkt, indem Zeiler offen zugab, dass er bereit wäre, die SPÖ-Führung zu übernehmen. Eine erste Duftmarke setzte er im Herbst 2015, als er sich in den Wahlkampf zur Wiener Landtagswahl warf und sich für eine Wiederwahl Michael Häupls (SPÖ) einsetzte. Mit Erfolg. Unterdessen wurde der interne Druck auf Faymann immer größer und schließlich gab der entnervte Kanzler am 9. Mai 2016 auf.
Der Weg für Zeiler wäre eigentlich frei gewesen, doch er ließ Kern den Vortritt und verzichtete auf eine Kampfkandidatur. „Hätte die große Mehrheit der Landesorganisationen mich gewollt, hätte ich darüber sehr ernsthaft nachgedacht. Das war aber nicht der Fall, also war es kein Thema“, soll Zeiler zweieinhalb Jahre später darüber sagen. Recht offenherzig gab der Medienmanager am 12. Mai 2016 in der „ZiB 2“ im ORF zu, bereits seit einem Jahr gemeinsam mit dem designierten SPÖ-Chef und Bundeskanzler Kern die Ablöse Faymanns vorbereitet gehabt zu haben. „Wir hatten beide eine Rolle zu spielen und waren uns einig, dass eine personelle Veränderung innerhalb der SPÖ notwendig ist“, sagte Zeiler damals. „House of Cards“ in Reinkultur ...
Immer wieder Spitzen gegen SPÖ-Kurs
Wer jedoch glaubte, dass der Name Zeiler nun innenpolitisch von der Bildfläche verschwinden würde, der irrte gewaltig. Schon im Winter 2016 tauchte sein Name rund um die Nachfolge von Wiens Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) wieder auf. Doch Zeiler dementierte prompt. Vielmehr übte der Medienmanager fortan immer wieder scharfe Kritik an seiner eigenen Partei und am Kern-Kurs. Die SPÖ habe vor der Nationalratswahl zu wenig auf Veränderung gesetzt, ließ Zeiler im Dezember 2017 über Medien ausrichten. Zwei Monate davor verloren die Roten das Kanzleramt an ÖVP-Chef Sebastian Kurz.
Nach Kerns überraschendem Rücktritt im Oktober 2018 aus der Innenpolitik befand sich die Sozialdemokratie erneut auf Obmannsuche. Doch dieses Mal spielte der Name Zeiler keine entscheidende Rolle mehr, Pamela Rendi-Wagner übernahm.
Knallharte Abrechnung in Buch
Während Zeiler im März 2019 beruflich bei Warner den nächsten Karriereschritt machte und zum weltweiten Vertriebschef von WarnerMedia (Chief Revenue Officer) befördert wurde, verharrte „seine“ SPÖ auf Bundesebene in der Opposition. Bei Wahlen lief es für die Roten gar nicht mehr, woraufhin die interne Kritik auch gegen Rendi-Wagner immer lauter wurde. Bereits im Juni 2019 musste Zeiler wieder einmal öffentlich dementieren, dass er Gespräche über den Vorsitz der SPÖ führe. Nach dem schlechten Abschneiden der SPÖ bei der Nationalratswahl 2019 rechnete Zeiler in seinem Buch „Leidenschaftlich rot. Darum mehr Sozialdemokratie“ knallhart mit dem Kurs der SPÖ ab.
Zeiler grenzte sich in seinem Werk entschieden gegen rein klassenkämpferische Rhetorik und linke Dogmen ab. Er plädierte für eine Modernisierung und eine deutliche Öffnung hin zu einer wirtschaftsfreundlicheren Ausrichtung („Nadelstreifsozialismus“ im Stile Vranitzkys). Damit machte sich Zeiler innerhalb der Partei nicht nur Freunde. „Es ist einfach, Dinge zu empfehlen, wenn man ein Außenstehender ist. Zeiler vertritt in der SPÖ nicht einmal ein Flügerl. Es soll ihm die Bühne gewährt werden, das ist ein nettes Buch, aber aus meiner Sicht ist die SPÖ eine stolze Partei und selbstbewusst genug, diese Probleme von innen zu lösen“, betonte im November 2019 etwa Burgenlands Hans Peter Doskozil.
Zeiler und Doskozil auf Kriegsfuß, Parteiaustritt angedroht
Zeilers Konter auf diese Aussagen folgten im Dezember 2022. Beim offenen Machtkampf um den SPÖ-Sessel zwischen dem Trio Rendi-Wagner, Doskozil und Andreas Babler drohte Zeiler offen mit dem Parteiaustritt: „Es gibt wenige Szenarien, wo ich mir vorstellen kann, nicht mehr Mitglied der SPÖ zu sein, aber eine Kanzlerkandidatur oder eine Parteiführung von Doskozil wären so ein Fall“, betonte der Medienmanager in einem Interview auf Puls24. Die Reaktion aus dem Burgenland ließ nicht lange auf sich warten. „Herr Zeiler hat 2019 eine von der SPÖ gestützte Minderheitsregierung vom damaligen ÖVP-Kanzler Kurz vorgeschlagen. Noch Fragen?“, schrieb der damalige SPÖ-Landesgeschäftsführer Roland Fürst auf X.
Pikant: Der steirische SPÖ-Landeschef Max Lercher wandte sich damals ebenfalls mit scharfen Worten von Zeiler ab (siehe Posting unten), für dessen neuerlichen Anlauf, SPÖ-Chef zu werden, reagierte Lercher jedoch überraschenderweise positiv.
Zeiler als Finanzminister in Schattenkabinett
Im September 2023 gab es rund um den Medienmanager erneut innenpolitische Aufregung, als ein internes SPÖ-Strategiepapier geleakt wurde. In diesem wurde ein Schattenkabinett für den inzwischen neuen Parteichef Andreas Babler entworfen. Prominentester Kopf darin war Zeiler als Finanzminister.
Zeiler im April 2024: „SPÖ metzelt sich gegenseitig nieder“
In den vergangenen Jahren wurde es rund um Zeiler und seine Ambitionen in der SPÖ ruhig. Der Meidenmanager stieg zum weltweiten Vertriebschef von WarnerMedia auf und wenige Jahre später (2022) zum President International bei Warner Bros. Discovery – seiner jetzigen gewichtigen Funktion. An seiner Kritik am roten Kurs hielt er jedoch fest. So sagte er im April 2024, die Sozialdemokratie sei der Krankheit verfallen, die früher die ÖVP gehabt habe, nämlich „sich gegenseitig niederzumetzeln“. Diese Aussagen erscheinen aufgrund seiner aktuellen Ambitionen, Babler vom roten Thron zu stoßen, etwas ironisch ...
SPÖ in Schockstarre – wie geht es weiter?
Fest steht: Durch seinen neuerlichen Versuch, an die Spitze der SPÖ zu kommen, taumelt die SPÖ durch die x-te Führungsdebatte der vergangenen Jahre. Mittlerweile sind nach Zeilers-Führungsanspruch vier Tage vergangen und noch immer hat sich öffentlich kein expliziter Unterstützer gefunden. Auf der anderen Seite bleiben auch Solidaritätsbekundungen für Babler aus. Zumindest einige Bundesländer hätten gerne rasch Klarheit. Schwierig sind Umstürze in der Partei, wenn man nicht Wien und die Gewerkschaft hinter sich hat. Beide zeigen sich seit Tagen schweigsam.
Der nächste Vorstand tagt erst Anfang November und zumindest Bundesgeschäftsführer Klaus Seltenheim sieht keinen Anlass, die Sitzung vorzuziehen. Er verwies auf Zeilers Aussagen im „Krone“-Interview, wonach dieser den Oktober in New York, London und auf Urlaub verbringen wolle.
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