Polit-Experte Hajek

„Bei Zeiler sehe ich keinen Sebastian-Kurz-Effekt“

Politik
29.09.2026 08:00

Medienmanager Gehard Zeiler möchte Andreas Babler als SPÖ-Chef ablösen. Meinungsforscher Peter Hajek sieht Chancen, aber: „Je länger der Prozess dauert, desto besser ist das für Babler.“ Wo Zeilers Potenzial liegt, ob er die FPÖ abräumt, was sein Problem ist.

Peter Hajek ist promovierter Politikwissenschafter, akademisch geprüfter Markt- und Meinungsforscher und TV-Experte. Das Interview von Gerhard Zeiler in der „Kronen Zeitung“ und den Auftritt des Medienmanagers in der ZiB 2 hat er aufmerksam verfolgt und seine Schlüsse daraus gezogen. Welches Risiko die aktuelle Situation für die SPÖ darstellt – das Interview:

„Krone: Wo hat Gerhard Zeiler aus der Sicht des Meinungsforschers Potenzial und wo Schwächen?
Peter Hajek: Ich habe keine aktuellen Zahlen, aber ich setze ihn einmal in Vergleich zu Andreas Babler. Zeiler bringt einen tollen Lebenslauf mit, Internationalität. Er war führend in der Medienbranche tätig, hat damit natürlich auch Know-how in der Wirtschaft. Er strahlt aus, dass er ein Manager und ein Macher ist. Und das ist all das, was Andreas Babler nicht vorzuweisen hat und was man ihm auch immer wieder um die Ohren haut.

Nutzt Zeiler sein Potenzial aus?
Er hat sich, was das betrifft, zumindest einmal ganz klar Babler abgegrenzt, indem er gesagt hat: „Ich bin kein Marxist.“ Er hat sich als klassischer Sozialdemokrat positioniert und da liegt er auf der Wellenlänge von Bruno Kreisky und Hannes Androsch und dem Slogan „Leistung, Aufstieg, Sicherheit.“ 

Was fehlt?
Aufgrund seines Alters ist es verständlich, dass er Politik aus der Oldschool-Ecke sieht. Also man diskutiert Dinge durch, bringt seine Argumente und versucht dann die Umsetzung. Das hat ein bisschen den Charme der Vranitzky-Ära, die aber doch eine deutlich langsamere war.

Ist das ein Nachteil?
Nein, aber es stellt sich eine Frage, wenn er dann einmal in Führungsverantwortung sein sollte: Wie gut kann sich Gerhard Zeiler auf das heutige Verständnis von Politik eingrooven? Wenn man sich jetzt den Auftritt in der ZiB 2 ansieht, dann hatte das diese Aura der Nullerjahre. Es war eher die klassische Form der Politikvermittlung. Aber die Welt hat sich weitergedreht. 

Also doch ein Nachteil?
Das muss es nicht per se sein, aber es ist einmal auffällig. 

Ist sein Alter ein großer Hindernisgrund? 
Das glaube nicht und dafür brauche ich nicht auf Konrad Adenauer zurückgreifen der mit 73 zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt wurde. Es gibt auch heute immer wieder ältere Politiker, etwa Donald Trump. Die Frage ist nur, ob ich das energetisch auf die Strecke bringe.

Was heißt das?
Das Tempo der heutigen Zeit muss man erst einmal gehen. 

Er hat nicht einmal einen Social-Media-Account …
Mein Gott, die Kommunikation. Ich meine, die macht man ja nicht selber, so etwas kauft man zu. Da kann ich mir schon ein Team zusammenstellen, dass so etwas für mich gut macht. Was ich meine ist, dass die Politik halt deutlich schneller geworden ist. Dass man deutlich schneller agieren muss. Und natürlich muss ich heute Medienkanäle nützen, um auch die jungen Leute anzusprechen. Es kam halt eben noch als alte Form der Kommunikation daher.

Es wirkte auch als hätte er keinen Plan, oder?
Vielleicht erzählt er noch nicht alles. Er hat schon ein paar Sachen gesagt, die Hand und Fuß haben. Er hat die Wirtschaft sehr, sehr stark betont, gesagt, dort müssen wir was tun. Ich gehe davon aus, dass er schon ein paar Ideen hat, aber ich habe mir nicht erwartet, dass er ein Masterplan vorlegt.

Was ist sein Ansatzpunkt?
Alle demoskopischen Werte für Andreas Babler stehen natürlich auf „sehr kritisch“. Das heißt, wenn sich Zeiler nicht ganz tollpatschig anstellt, dann sollte er eigentlich das bessere Feedback haben. Die Frage ist allerdings, wie weit geht das? Wie weit kann es in Umfragen hinaufgehen?

Und, wie weit?
Die Frage ist, welche Wählersegmente er ansprechen kann. Wir wissen aus allen Umfragen, die wir in den letzten Jahren gemacht haben, dass 45 Prozent die SPÖ grundsätzlich für wählbar halten. Das ist einmal das weiteste Potenzial. Das schöpft man natürlich nie aus, den Freiheitlichen gelingt das im Moment am besten.

Was bedeutet das für Zeiler?
Babler liegt aktuell nach unseren Daten bei 17 Prozent. Wir haben im Sommer eine Umfrage gemacht für ATV und dabei die Sonntagsfrage mit Markus Martabauer gestellt. Also wie viele würden die SPÖ wählen, wenn er Spitzenkandidat wäre. Da kam er auf 25 Prozent. Das ist aktuell jenes Potenzial, das schnell reaktivierbar ist.

Aber?
Das Interessante an dieser Umfrage war, dass die Freiheitlichen davon unbeeindruckt waren. Also Marterbauer hat ihnen keine Stimmen abgenommen, er hat halt links der Mitte gefischt, bei den Grünen, ein bisschen bei Neos und bei der KPÖ und den Nichtwählern.

Höher hinaus geht es nicht?
Alles weitere kann nur ein längerer Prozess bringen. Bei Sebastian Kurz war es so, dass die ÖVP nach seiner Übernahme sofort nach oben geschnalzt ist. Da wäre ich bei Gerhard Zeiler skeptisch.

Warum soll das anders sein?
Kurz hat das jahrelang vorbereitet. Er war Staatssekretär für Integration, Außenminister. Er hat alles strategisch geplant, hat sich seine Mitkämpfer organisiert. Einen Effekt wie bei Sebastian Kurz erwarte ich mir bei Zeiler derzeit nicht. Auch nicht, dass er die Freiheitlichen mit einem Schlag von Platz 1 wegräumt.

Was ist das Risiko von Zeiler?
Eines ist klar: Je länger der Prozess dauert, desto besser ist das für Babler. Denn irgendwann wird die Bevölkerung über Zeiler sagen: Der kann sich nicht einmal in der SPÖ durchsetzen und will als Vizekanzler ein Land mitregieren?

Kann das eine Taktik der aktuellen Führung sein?
Diese Gefahr besteht für Zeiler tatsächlich. Dass man ihn an der offenen Hand verhungern lässt.

Was heißt das alles für Babler?
Er ist in diesem Fall der zweite Geschädigte. Es ist niemand in der Partei für ihn aufgestanden und hat gesagt: Babler muss unbedingt bleiben. Diese Entwicklung halte ich für das allergrößte Problem.

Warum?
Ich halte es für fahrlässig, was die verbliebenen Parteigranden machen. Entweder stelle ich mich hinter den aktuellen Parteichef oder aber hinter den Herausforderer. Aber nichts zu machen, sich nicht zu positionieren, das ist meiner Ansicht nach ein Riesenproblem.

Was ist die Folge?
Wenn nicht schnell reagiert wird, dann geht das Wochen oder Monate so dahin. Dann sackt die SPÖ noch weiter ab. Schauen wir nach Mecklenburg-Vorpommern. Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass die CDU aus dem Landtag fliegen könnte? Ich sage jetzt nicht, dass es die SPÖ bei der nächsten Wahl nicht mehr in den Nationalrat schafft, aber diesbezüglich ist nichts mehr unmöglich, weil wir in einem historischen Wandel leben.

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