Seit 2021 war Stefanie Groiss Programmdirektorin des ORF. Mit Ende des Jahres verlässt die Medienmanagerin das Unternehmen. Auf ihr Konto gehen Erfolge wie der heurige Song Contest, oder etwa ORF On zur erfolgreichsten Videoplattform gemacht zu haben. Im „Krone“-Interview zieht sie Bilanz und blickt in die Zukunft.
„Krone“: Was ist das „Erbe“ von Programmdirektorin Stefanie Groiss im ORF?
Stefanie Groiss: Als ich angefangen habe, liefen auf ORF 1 vor allem amerikanische Kaufserien. Heute läuft dort an fast jedem Wochentag Österreich: 80 Prozent mehr heimische Serien und Filme in fünf Jahren, zwei Serientage, zwei Doku-Termine, heimisches Kabarett und Satire. Dazu haben wir ORF ON zur erfolgreichsten Videoplattform des Landes gemacht, einen Kids Channel aufgebaut und den Song Contest umgesetzt. Mein Erbe: mehr österreichisches Programm für alle Zielgruppen. Österreichische Fiktion bleibt weiter ein Schwerpunkt, etwa mit der neuen Serie „Pflegeleicht“ über angehende Pflegekräfte und ihre romantischen Verwicklungen. Neue ORF-Streaming-Dokus und Biopics zu Persönlichkeiten wie Falco oder Niki Lauda sind aufgegleist, ebenso digitale Angebote für junges Publikum zu Gesundheit und Demokratie. Darauf lässt sich sehr gut aufsetzen.
Was hätten Sie noch gerne realisiert, wenn es das Budget zugelassen hätte?„Die große Chance der Blasmusik“. Das hätte ich wahnsinnig gerne gemacht. Ein Format, in dem sich dieses Land wiedererkennt: Freude, Zusammenhalt, Tradition, aber modern erzählt. Dann ist uns der Song Contest dazwischen gekommen. „Dancing Stars“ ist auch so ein Event, über den am nächsten Tag in den Kantinen gesprochen wird und der jung und alt zu einem gemeinsamen TV-Erlebnis zusammenbringt. Das ist einen Kernaufgabe des ORF.
Man freut sich nie als Programmmacherin, wenn irgendwo das Budget gekürzt wird. Aber wenn schon, dann bitte nicht bei so etwas?
Genau. In Zeiten knapper Mittel muss man fokussieren, aber unser Auftrag heißt: für alle da sein. Nicht immer alles für alle, aber für jede und jeden muss etwas dabei sein. Und große Live-Ereignisse sind der Kitt unseres Zusammenlebens. Ob Song Contest, Ski-WM, Fußball-Weltmeisterschaft oder „Dancing Stars“ – wenn Menschen so etwas gemeinsam sehen und am nächsten Tag darüber reden, entsteht Austausch. Beim „Wetten, dass..?“-Comeback zum Beispiel. Da freut sich die eine Hälfte, dass schräge Vögel wie die Kaulitz-Brüder moderieren, die andere schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Aber: Es wird geredet. Ich glaube, es ist für unsere Gesellschaft wichtig, dass wir miteinander reden und wenn es nur über das Fernsehprogramm ist. Diese Momente würde ich bestmöglich absichern. Die schafft sonst niemand in Österreich.
. . .gemeinsam mit den Privaten, wie zum Beispiel bei der Fußball-Weltmeisterschaft?
Ein Paradebeispiel. Bei den Public Viewings waren immer Kolleginnen und Kollegen des jeweils anderen Senders dabei und haben mitgefiebert. Bei knappen Budgets ist Zusammenhalt in der Branche alternativlos: Kooperation hilft uns, Programm zu machen, und sie hilft den Privaten, relevant zu bleiben. Am Ende zählt aber nur, ob wir gemeinsam Produkte schaffen, die die Menschen gerne schauen.
Gibt es etwas, das Sie aus Ihrer Zeit als Programmdirektorin „bereuen“?
Ein Thema, ja: Beim Ausbau der Young Audience-Angebote hätte ich gerne früher Tempo gemacht. Die rechtlichen Rahmenbedingungen gab es zu Beginn meiner Amtszeit noch nicht, aber ich hätte wissen müssen, dass sie kommen und schon vor der Gesetzesänderung viel mehr Fokus darauf legen.
Man muss zwei Dinge auseinanderhalten: die allgemeine Stimmung gegenüber dem ORF, die zuletzt rauer geworden ist und die Haltung zum Programm.
Programmdirektorin Stefanie Groiss
Wann war das letzte Mal, dass Sie mit Menschen, die nicht mit dem ORF befasst sind, über deren Zufriedenheit damit und das Programm per se gesprochen haben?
Das passiert laufend – ich bin viel in den Bundesländern unterwegs und treffe ganz unterschiedliche Menschen. Nach 30 Jahren in diesem Beruf ist das meine eigentliche Expertise: Ich verstehe die Menschen im Land wirklich sehr gut. Dabei muss man zwei Dinge auseinanderhalten: die allgemeine Stimmung gegenüber dem ORF, die zuletzt rauer geworden ist und die Haltung zum Programm. Die Menschen schauen und nutzen unser Angebot, sonst hätten wir diese Reichweiten und Marktanteilszuwächse nicht. Und wenn man ins Gespräch kommt und erklärt, warum manches so ist, wie es ist, ist das Verständnis groß.
Sie sprechen davon, dass wir mehr stolz auf unseren ORF sein sollen?
Die Einstellung zum ORF ist auch eine Altersfrage. Die ganz Jungen haben über unsere Social-Media-Kanäle einen erstaunlich nahen Blick auf uns, die Älteren begleiten wir ein Leben lang. Dazwischen, bei den 30- bis 50-Jährigen, wird manchmal gehadert. Da spielt die ungeliebte Haushaltsabgabe sicher auch eine Rolle. Umso wichtiger ist der enge Austausch mit dem Publikum. Das ist unsere Kundschaft, unser Eigentümer. Und sie haben immer recht: Das Publikum hat immer recht.
Per 31.12.2026 sind Sie nicht mehr Teil des ORF?
Ich habe mich als Programmdirektorin beworben, der Generaldirektor hat sich für ein anderes Team entschieden und das ist sein gutes Recht, und ich respektiere das. Ich gehe mit Dankbarkeit für fünf intensive Jahre, mit einem Song Contest im Rücken und einem Programm, auf das ich stolz bin.
Wo werden wir Sie ab 1. Jänner 2027 wieder „sehen“ – in einer Rolle als „Brückenbauerin“ zwischen öffentlich-rechtlichem Rundfunk und den Privaten?
Brücken bauen – das ist ein schönes Bild. Das gefällt mir. Und ja, ich werde meine Erfahrung auch anderen Unternehmen zur Verfügung stellen, die ähnliche Herausforderungen haben bei Change Management, Digitalisierung und Community Building.
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