Eralp „sprengt Urnen“

Türkische Medien jubeln nach Linken-Sieg in Berlin

Außenpolitik
21.09.2026 10:59
Porträt von krone.at
Von krone.at

Elif Eralp macht auch in der Türkei Schlagzeilen – und das nicht nur, weil sie als Spitzenkandidatin der Linken bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus einen großen Erfolg erzielt hat und die nächste Bürgermeisterin der deutschen Hauptstadt werden könnte. Auch die türkischen Wurzeln der Politikerin werden im Heimatland ihrer Eltern betont.

Wie berichtet, ging die Linke mit 25,7 Prozent der Stimmen als klare Siegerin aus der Berlin-Wahl hervor. Die CDU, die bisher mit Kai Wegner den Bürgermeister stellt, erreichte laut Landeswahlleitung nach Auszählung aller Stimmen mit ihrem Spitzenkandidaten Stefan Evers 18,8 Prozent und damit Platz zwei. Dahinter folgen die AfD (16,3 Prozent), die Grünen (14,3 Prozent) und die SPD (12,1 Prozent). Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW, 4,7 Prozent) verpasste den Einzug in das Abgeordnetenhaus am Sonntag ebenso wie die FDP (2,5 Prozent), die schon 2023 an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert war.

Wahlparty der Linken mit politischen Botschaften
Wahlparty der Linken mit politischen Botschaften(Bild: AFP/JENS SCHLUETER)

„Türkische Kandidatin sprengt die Urnen“
„Historisches Ergebnis in Deutschland: In Berlin geht der Sieg an die Partei der türkeistämmigen Bürgermeister-Kandidatin Elif Eralp“, titelte der Fernsehsender Halk TV. Und die Tageszeitung Sözcü schrieb: „Türkische Kandidatin sprengt die Urnen; die Deutschen sagten ,Elif‘!“

Dieser Siegestanz der Linkspartei sorgt im Netz für Diskussionen: 

Die türkische Medienplattform Serbestiyet schrieb am Abend: „Die Tochter einer Familie, die nach dem Putsch vom 12. September floh, steht in Berlin kurz vor dem Amt der Regierenden.“

Die Partei des amtierenden Berliner Bürgermeisters Kai Wegner ist von den Linken entmachtet ...
Die Partei des amtierenden Berliner Bürgermeisters Kai Wegner ist von den Linken entmachtet worden.(Bild: AFP/JOHN MACDOUGALL)

Eralp: „Wir haben Geschichte geschrieben“
Eralp selbst hatte in ihrer Rede direkt nach der ersten Prognose am Abend auf Türkisch gesagt: „Wir haben Geschichte geschrieben, Freunde.“ Die Siegerin stellte bei der Wahlparty der Linken gleich den Regierungsanspruch: „Ich will Regierende Bürgermeisterin für Berlin werden, damit die Menschen in unserer Stadt wieder ein besseres Leben haben. Vor allem die Menschen, die jeden Tag hier unsere Stadt mit am Laufen halten.“ Eralp wäre nicht nur erste linke Berliner Regierungschefin, sondern auch die erste mit Migrationshintergrund.

Die Eltern der 45-Jährigen flohen als Sozialisten und Gewerkschafter nach dem Militärputsch aus der Türkei, ihre Mutter war damals mit ihr schwanger. Geboren wurde Eralp dann 1981 in München.

Nach Wahlsieg der Linken
Stolpersteine auf dem Weg zu Rot-Grün-Rot

Für ihren Einzug ins Rote Rathaus muss Elif Eralp nun eine Koalition mit Grünen und SPD schmieden. Rot-Rot-Grün – SPD-geführt – gab es in Berlin bereits, kommt nun also Rot-Grün-Rot? Sicher ist das nicht – denn es gibt einige Stolpersteine.

  • Enteignungen: Am Wahlabend haben die Vertreter der Linken unmissverständlich klargemacht, dass sie auch in möglichen Sondierungen nicht von der Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne abrücken wollen. „Das Votum der Berlinerinnen und Berliner gilt auch für mein Programm und meine Person, insofern bestehe ich darauf, dass wir vergesellschaften – neben den vielen anderen Dingen, die wir auch tun müssen, um die Mietenkrise in unserer Stadt endlich anzugehen“, sagte Eralp.
  • Antisemitismus-Debatte: In einer gewissen Regelmäßigkeit wird über Antisemitismus in der Linken diskutiert – auch, weil die Partei immer wieder Gründe dafür liefert. Wie Ende August, als ein umstrittener Rapper bei einer Veranstaltung der Partei ein Lied gegen den Krieg Israels in Gaza mit Zeilen wie „Yalla Yalla Intifada Westbank, Palästina, Gaza“ sowie „Death to the IDF“ (Tod der israelischen Armee) gesungen haben soll. Noch am Wahlabend, während die vielen Parteimitglieder über das Ergebnis jubelten, sorgte die Linke für den nächsten Vorfall, von dem eine Abgrenzung schwerfallen wird. Und wieder steht der Bezirksverband Neukölln im Fokus: Dort tauchte ein führendes Berliner Clan-Mitglied auf einer Wahlparty auf. „Dass Issa Remmo auf der Wahlparty der Berliner Linken auftaucht, ist ein verstörendes Signal“, schreibt der scheidende Regierende Bürgermeister Kai Wegner auf X.
  • Forderungen nach Beobachtung durch Verfassungsschutz: 

    Vor allem aufgrund der Antisemitismus-Debatten hat die CDU schon mehrfach gefordert, dass die Partei vom Berliner Verfassungsschutz beobachtet werden sollte. Der Landesvorstand der Partei hat dazu auf einer Klausurtagung sogar einen Beschluss gefasst.

  • Bereitschaft der SPD fraglich: Die Herausforderungen auf dem Weg zu Rot-Grün-Rot gehen nicht nur von der Linken aus. SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach trat an, um „der nächste Regierende“ zu werden, landete letztlich aber auf dem fünften Rang, die Partei verlor im Vergleich zur Wahl 2023 rund sechs Prozentpunkte. Sind die Sozialdemokraten, seit 1989 stets Teil des Senats, in der Lage und bereit, erneut zu regieren? Krach sprach am Sonntagabend von einem katastrophalen Ergebnis, einer Zäsur für die Berliner SPD.
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