„Calsisto“an der Wien

Frivole Nymphenspiele zwischen Oper und Markusdom

Kultur
13.09.2026 07:00

Interview: Stefan Herheim inszeniert selbst Cavallis „La Calisto“. Ein barocker Start (16. 9.) für den Direktor des Theaters an der Wien in eine Sparsaison mit nur noch sechs Premieren.

Kronen Zeitung: Zum Saisonstart inszenieren Sie selbst Cavallis „La Calisto“. Ein wildes Stück, in dem es drunter und drüber geht - und gar nicht jugendfrei.
Stefan Herheim: Nein, und in vielerlei Hinsicht unkorrekt. Sehr amoralisch.

Wir erleben Jupiter, der sich, um Calisto zu verführen, in Diana verwandelt. In jene Göttin, der die keusche Nymphe Calisto dient. Das ist schon ziemlich perfide.
Calisto verliebt sich in die eigene Keuschheitsgöttin. Es bleibt also gewissermaßen alles in der Familie. Dass sie plötzlich schwanger ist, hinterfragt sie dabei kaum. Das ist alles ziemlich abstrus, so abstrus wie die barocke Oper des 17. Jahrhunderts nur sein konnte. Aber genau das macht sie so faszinierend. Und auch relevant. Es ist eine Welt, in der jeder seine Spielwut und erotische Frustration gnadenlos auf den anderen überträgt. Oft lässt sich gar nicht eindeutig sagen, was genau geschieht und welche Konsequenzen daraus erwachsen, weil das Stück ein Spektakel bieten will, jenseits einer herkömmlichen, idealen, geschlossenen Dramaturgie.

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In gewisser Weise erleben wir hier einen Ausverkauf der demokratischen Idee.

Stefan Herheim

Das Werk sprengt auch alle heteronormativen Grenzen. Es geht wild durcheinander.
Es ist in jeder Hinsicht ein pansexuelles Stück, wenn man so will.

Das war so üblich im Venedig des Uraufführungsjahres 1651?
Was mich an diesem Stoff besonders fasziniert, ist der historische Hintergrund, vor dem die Oper entsteht. Drei unterschiedliche mythologische Geschichten werden hier auf sehr freie und fantasievolle Weise miteinander verflochten. Dahinter steht das Venedig des 17. Jahrhunderts: eine ungeheuer reiche, mächtige und kulturell attraktive Republik, die vielen Entwicklungen ihrer Zeit voraus war und sich zugleich im Niedergang befand. Die Patrizier schwinden dahin und mit ihnen das Geld. Und was tut die Stadt, um den Ruhm zu wahren? Sie verkauft Sitze im Hohen Rat für bis zu 100.000 Dukaten. Um Summen, die man sich heute gar nicht vorstellen kann. In gewisser Weise erleben wir hier einen Ausverkauf der demokratischen Idee.

Stefan Herheim hat sich zur Saisoneröffnung an der Wien die Barockoper „La Calisto“ gewünscht.
Stefan Herheim hat sich zur Saisoneröffnung an der Wien die Barockoper „La Calisto“ gewünscht.(Bild: Theater an der Wien/Peter M. Mayr)

Ist es ein gutes Libretto?
Giovanni Faustinis Libretto ist eines aus dem Geiste eines Theaterpraktikers. Schließlich war er in erster Linie der Leiter eines Opernhauses und kein Literat. Gleichzeitig prägen sowohl ihn als auch Cavalli die moralischen Vorstellungen ihrer christlichen Welt. Man merkt diesen unglaublichen Widerspruch und gleichzeitig die Tatsache, dass sich der Karneval und die übrige Zeit des Jahres in Venedig gegenseitig befruchten. Ausgerechnet das katholische Venedig, das zugleich für seine Freizügigkeit berühmt war, bringt die Kunstform Oper für das Bürgertum hervor. Und das zu einer Zeit, wo man es umso nötiger gehabt hätte, Ideale aufrecht zu erhalten.

Merkt man die christliche Weltanschauung der beiden dennoch?
Man hat das Gefühl, dass Faustini sehr bewusst damit spielt, die alten Mythen christlich zu überschreiben. Und umgekehrt. Jupiter ist bekannt dafür, sich in alle Gestalten verwandeln zu können, um als untreuer Gatte auf seine Kosten zu kommen. Doch in diesem Stück bekommt man am Ende das Gefühl, dass wir eher im Markusdom sind als im Opernhaus.

Zum Stück

Francesco Cavallis „La Calisto“ kam 1651 im neu eröffneten Teatro Sant’Apollinare in Venedig heraus. Das Libretto verfasste der Leiter des Hauses Giovanni Faustini. Er lässt Gott Jupiter sich in die Keuschheitsgöttin Diana verwandeln, um die Nymphe Calisto zu verführen. Diana selbst ist aber gar nicht so keusch, sondern in Endymion verliebt. So wie auch der Hirtengott Pan. Dazu kommt eine Portion Commedia dell‘arte: Der junge Satyr macht sich an Dianas Begleiterin Ninfea heran. Doch muss er einsehen, dass trotz flauschigen Felles sein Schwänzchen (noch?) zu klein ist.

Im Finale greift Jupiters Gattin Juno ein und verwandelt Calisto. In eine Bärin oder doch ein Sternenbild?
Das ist der größte Spoiler der Operngeschichte: Das Werk beginnt mit einem Prolog, in dem bereits die Erhebung Calistos zum Sternenbild stattfindet. Man weiß, wohin die Reise führt. Aber natürlich endet das Stück selbst mit dem Abstieg Calistos, nachdem Jupiter ihr gezeigt hat, welche Gnade sie im Bett des höchsten Gottes erwartet. Eine Linderung dafür, dass sie danach auf der Erde als Bärin von ihrem eigenen Sohn Arkas gejagt wird. Es ist der Rauswurf aus einer göttlichen Komödie, sehr nahe an Shakespeare. Und ebenso wirr wie im Sommernachtstraum bekommen wir auch hier die unterschiedlichsten Gestalten und Schichten als Spiegelbilder der Gesellschaft vorgeführt.

Stefan Herheim beim den Proben mit dem Ensemble im Theater an der Wien.
Stefan Herheim beim den Proben mit dem Ensemble im Theater an der Wien.(Bild: Theater an der Wien/Peter M. Mayr)

Dürfen die Götter bei Ihnen Götter bleiben?
Ja! In all ihrer Menschlichkeit. Wir spielen mit Archetypen und versuchen eine Art kosmisches Zaubertheater auf die Bühne zu bringen, das stark auf barocken Prinzipien baut, ganz klassisch mit magisch verschiebbaren Wänden und Gassen (Anm. der Red.: Bühnengassen sind seitliche Zwischenräume zwischen den Kulissen oder Vorhängen). Dabei arbeiten wir mit moderner Technik, setzen Licht und Video ein. Ein einfaches Prinzip, aber sehr wandlungsfähig.

Die Calisto steht noch ganz im Geist Monteverdis. Ist ein vertontes Drama. Gibt das beim Inszenieren mehr Möglichkeiten und Freiraum als endlose Da-Capo-Arien?
Der große Reiz, aber manchmal auch die Herausforderung dieser Musik liegt in dem enormen Gestaltungsspielraum, den sie uns lässt. In der Partitur sind oft nur die Gesangsstimme und der Generalbass notiert. Alles Weitere muss aus dem Kontext und der musikalischen Praxis heraus entwickelt werden. Cavalli war dabei ausgesprochen pragmatisch. Das musste er auch sein, denn die frisch etablierten Opernhäuser verfügten nicht über die finanziellen Mittel für große Orchester. Anders als Monteverdi am glanzvollen Hof der Gonzaga, musste Cavalli bei La Calisto mit nur sechs Instrumentalisten auskommen. Unser Anspruch besteht aber nicht darin, diese Limitierungen in der historischen Aufführungspraxis eins zu eins wiederzugeben, sondern alle Aspekte der damaligen musikalischen Klangwelt wieder zu beleben. So erweitern wir das Instrumentarium und schöpfen aus den vielfältigen musikalischen Facetten dieser Zeit, von der Kirchenmusik über das Madrigal bis hin zur Kammermusik, um die ganze Farbigkeit und den Reichtum dieser Epoche dem heutigen Publikum hör- und erlebbar zu machen.

War das Stück ihr Wunsch?
Ja. Cavalli hat 40 Opern geschrieben, von denen 30 erhalten sind. Immer wenn ich eines dieser Werke sehen konnte, habe ich mich total darin verliebt. Cavalli ist ein Schüler von Monteverdi und steht oft in seinem Schatten. Dabei zeigt sein Werk schon sehr stark die Entwicklung hin zum Belcanto mit wunderschönen Melodien.

Sie sind bis 2030 verlängert und starten in eine rigide Sparsaison mit der geschlossenen Kammeroper und nur noch sechs Premieren. Wie fühlt sich das an? Sie sind sicher mit anderen Erwartungen einst hier angetreten?
Meine eigenen Erwartungen zurückzustellen, musste ich mir sehr früh angewöhnen. Seit meiner Berufung ist wenig so gekommen wie geplant oder erwünscht. Die Aufgabe bestand vor allem darin, aus vielen Nöten Tugenden zu machen. Das haben wir, glaube ich, auch bestens geschafft und ein starkes Profil für das Haus gefunden. Was angesichts der Tatsache, dass wir über kein festes Ensemble und kein eigenes Orchester verfügen, gar nicht so einfach war. Umso mehr setzen wir auf Vielfalt, anstatt nur einem strengen dramaturgischen Prinzip zu folgen. Das ist der Zeit, in der wir leben, angemessen und macht viel Freude, weil wir uns über jede neue Inszenierung neu definieren müssen - gemeinsam mit den Gästen, die wir an unser Haus holen. Vieles ist noch möglich.

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Wir wissen schon, dass es nächste Spielzeit wieder nach oben gehen wird, zumindest auf sieben Premieren.

Stefan Herheim

Mit nur sechs szenischen Produktionen wird es allerdings etwas eng...
Das ist natürlich ein Manko. Doch wir kommen in dieser Spielzeit nicht höher als auf diese sechs Premieren plus Nebenveranstaltungen, auch wichtigen, wie den Kinder- und Jugendvorstellungen in der HÖLLE. Aber wir wissen schon, dass es nächste Spielzeit wieder nach oben gehen wird, zumindest auf sieben Premieren.

Das Publikum bleibt treu?
Der Verkauf läuft besser denn je. Wir haben - trotz des reduzierten Angebots – erfreulicherweise höhere Abonnementzahlen.

Peter Heilker, Ihr Co-Direktor und Stellvertreter, geht nach Leipzig. Carolin Wielpütz, die für die Kammeroper zuständig war, ist nach Düsseldorf gewechselt. Wird Peter Heilker nachbesetzt?
Das ist momentan nicht so leicht zu beantworten. Ich plane vorerst bis 2030. Peter Heilker bleibt noch bis 2028 am Haus, und bis dahin wollen wir meine letzten zwei Saisonen programmatisch fixieren.

Werden Sie sich danach wieder bewerben?
Das ist ein wenig abhängig von dieser Spielzeit. Einerseits werden die Budgets sehr kurzfristig bekannt gegeben, andererseits stehen wir möglicherweise vor einem Wechsel unserer Geschäftsführung.Also warte ich vorerst ab, was auf uns zukommt und wie sich alles entwickelt.

Um wieviel ist das Budget im Vergleich zur letzten Saison gesunken?
Für die Vereinigten Bühnen Wien beträgt die Subvention derzeit 51 statt 56 Millionen Euro. Also 5 Millionen weniger.

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Ohne Zweifel trägt die Opernsparte aber den Großteil der Einsparungen. Aber jetzt ist der Betrieb weitgehend konsolidiert.

Stefan Herheim

Welchen Anteil muss davon Ihr Haus einsparen?
Eine genaue Trennung lässt sich nur schwer aufschlüsseln, weil alle 4 Bühnen (Theater an der Wien, Kammeroper, Ronacher und Raimundtheater, Anmerkung) bis jetzt aus demselben Personen – und Ressourcenpool bespielt wurden. Ohne Zweifel trägt die Opernsparte aber den Großteil der Einsparungen. Aber jetzt ist der Betrieb weitgehend konsolidiert. Selbst wenn es weitere Kürzungen geben sollte, sind die Prognosen derzeit relativ stabil.

Gibt es Signale, dass die Kammeroper wieder aufsperrt?
Dieser Spielort hat sich 75 Jahre lang bewährt. Ich glaube, wir haben einen guten Weg gefunden, das vorhandene Potenzial freizusetzen und in der Symbiose mit dem großen Haus den künstlerischen Nachwuchs kostengünstig auf höchstem Niveau zu fördern. Dies in Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Hochschulen und Akademien. Umso tragischer, dass die Kammeroper für den Nachwuchs nun nicht mehr da ist. Aber das wissen alle.

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