Umfrage in Gemeinden

Burgenlands Finanzmisere: Bürger zahlen die Zeche

Burgenland
13.09.2026 06:00

Die Debatte über Burgenlands Finanzen bleibt nicht auf die Landesebene beschränkt. Sie reicht bis in die Gemeindestuben – und damit in den Alltag der Burgenländer. Die „Krone“ hat sich bei drei Bürgermeistern umgehört, wo der Rotstift angesetzt wird und wie die Menschen auf die Belastungen reagieren.

Burgenlands Finanzen sind zum Polit-Streitfall geworden. Während Rechnungshofdirektor René Wenk von einem „Milliardenverlust“, einem „weitgehenden Reserve-Verbrauch“ und einer „besorgniserregenden Entwicklung“ spricht und dafür Zustimmung von ÖVP und FPÖ erhält, argumentiert SPÖ-Landeshauptmann Hans Peter Doskozil, dass zwischen Ergebnis- und Finanzierungshaushalt unterschieden werden müsse.

Die von Wenk angeführte Summe von knapp einer Milliarde Euro bezieht sich auf den kumulierten Verlust im Ergebnishaushalt für die Jahre 2020 bis 2026. Doskozil verweist dagegen auf den Finanzierungshaushalt und darauf, dass die Finanzschulden des Burgenlandes zwischen 2019 und 2025 um 10,6 Prozent gestiegen seien – der geringste Anstieg aller Bundesländer. Zudem habe der Schuldenabbau bereits begonnen; bis Jahresende soll der Schuldenstand auf rund 460 Millionen Euro sinken.

Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil und Burgenlands Rechnungshofdirektor René Wenk
Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil und Burgenlands Rechnungshofdirektor René Wenk(Bild: Krone KREATIV/Reinhard Judt, APA/Hans Klaus Techt)

Für die rund 302.000 Burgenländer ist letztlich weniger relevant, was hinter den unterschiedlichen Rechnungen steckt. Wenn Land und Gemeinden finanziell unter Druck geraten, bekommen das die Bürger unmittelbar zu spüren. Laut Gemeindefinanzbericht 2026 lag der öffentliche Schuldenstand der burgenländischen Gemeinden Ende 2024 bei 348 Millionen Euro –  1.153 Euro pro Kopf. Damit stellen sich konkrete Fragen: Steigen die Gebühren? Wird der Kindergarten teurer? Werden Straßen und Ortskerne noch saniert, Busverbindungen gestrichen oder Vereinsförderungen gekürzt? Und wer muss am Ende auf etwas verzichten? Die Finanzdebatte ist daher nicht nur ein Parteienkonflikt über Buchhaltung und politische Verantwortung, sondern auch eine Verteilungsfrage.

Fallbeispiel 1: Mattersburg
Besonders stark spürt man den Finanzdruck zurzeit in Mattersburg. Der Rechnungsabschluss 2025 weist ein Nettoergebnis von minus 5,82 Millionen Euro aus, der Nettofinanzierungssaldo beträgt minus 2,90 Millionen Euro. Den rund 7550 Einwohnern stehen Fremdmittel von 31,49 Millionen Euro gegenüber. Eingespart wurde bereits bei der Verwaltung, beim Einsatz von Saisonpersonal, bei Sonderförderungen und bei der Anschaffung neuer Fahrzeuge für den Bauhof. „Beim Elektrostadt-Bus konnten wir durch eine Vertragsanpassung die Kosten von rund 600.000 Euro auf 350.000 Euro reduzieren“, sagt SPÖ-Bürgermeisterin Claudia Schlager.

Gleichzeitig wurden die Parkgebühren von 36 auf 50 Cent pro halbe Stunde erhöht, ebenso die Essensbeiträge in Kindergarten und Nachmittagsbetreuung sowie die Kanal- und Anschlussgebühren. „Bei der Kinderbetreuung, der Altenpflege und der Unterstützung für Vereine und Institutionen wurde nicht gestrichen. Zusätzliche Gebührenerhöhungen über die üblichen Inflationsanpassungen hinaus sind im kommenden Budget auch nicht geplant.“

„Die finanzielle Situation ist ernst, und ich rede sie nicht schön. Aber wir haben gehandelt und ...
„Die finanzielle Situation ist ernst, und ich rede sie nicht schön. Aber wir haben gehandelt und wir werden diesen Weg konsequent weitergehen“, sagt Mattersburgs Ortschefin Claudia Schlager(Bild: Reinhard Judt)
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Wir haben nicht dort gespart, wo Menschen unmittelbar auf die Leistungen der Stadt angewiesen sind, etwa bei der Kinderbetreuung oder der Altenpflege.

Claudia Schlager, SPÖ-Bürgermeisterin in Mattersburg

Doch all das reicht nicht, um das Finanzproblem zu lösen. Deshalb finden derzeit keine großen Investitionen mehr statt. So wurde 2026 etwa der Wettbewerb für ein neues Rathaus gestoppt. „Wir entscheiden bewusst, wo wir sparen und wo wir Leistungen für die Menschen schützen. Der geplante Umbau der Feuerwehr und des Bauhofes ist dank Unterstützung des Landes zum Glück auch in schwierigen Zeiten möglich.“

Fallbeispiel 2: Oberwart
Im 8130 Einwohner zählenden Oberwart zeigt der Rechnungsabschluss 2025, dass das wachsende regionale Zentrum seinen Konsolidierungskurs vorerst erfolgreich umgesetzt hat. Statt des ursprünglich erwarteten Minus von mehr als 800.000 Euro wurde ein Überschuss von rund 311.000 Euro erzielt. Gleichzeitig konnte Oberwart seine Schulden um rund 925.000 Euro reduzieren. Für 2026 wurde ein Budget von rund 26,5 Millionen Euro beschlossen; zugleich sind Investitionen von rund drei Millionen Euro vorgesehen.

Die Stadt steht also nicht am Abgrund, trotzdem werden die finanziellen Spielräume enger. „Die Auswirkungen für unsere Stadt sind mittlerweile massiv. Uns stehen acht Millionen Euro an Ertragsanteilen zur Verfügung. Davon zieht das Land verschiedene Positionen ab. Früher blieben nach diesen Abzügen rund 2,4 Millionen Euro zum Wirtschaften. Inzwischen sind die Abzüge so hoch, dass praktisch nichts mehr übrigbleibt. Genau dieses Geld fehlt uns für Investitionen und für die vielen Aufgaben, die eine wachsende Stadt zu erfüllen hat“, klagt ÖVP-Bürgermeister Georg Rosner.

„Ich will die Bevölkerung nicht weiter belasten. Deshalb müssen wir zuerst bei unseren eigenen ...
„Ich will die Bevölkerung nicht weiter belasten. Deshalb müssen wir zuerst bei unseren eigenen Ausgaben ansetzen, weitere Einsparungspotenziale ausschöpfen und unsere Leistungen und Abläufe laufend hinterfragen“, sagt der Oberwarter ÖVP-Bürgermeister Georg Rosner.(Bild: Lexi)
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Die Menschen spüren die finanzielle Situation nicht nur bei Gebühren. Sie merken auch, wenn wir Leistungen einschränken müssen. Das tut mir besonders leid.

Georg Rosner, ÖVP-Bürgermeister in Oberwart

Um die langfristige Sicherung der Infrastruktur und die finanzielle Stabilität zu gewährleisten, mussten die Wasser- und Kanalgebühren heuer um 15 Prozent erhöht werden. Weitere Anpassungen seien derzeit nicht geplant. Rosner sieht den Schwerpunkt vielmehr bei einer konsequenten „Priorisierung der Ausgaben“. 

In Oberwart stünden große Investitionen an: das Stadtzentrum, das Feuerwehrhaus, die Allgemeine Sonderschule, der Kindergarten, die Sporthalle und zahlreiche Straßen. „Wir können nicht alles gleichzeitig finanzieren. Deshalb müssen wir Projekte nach Dringlichkeit und Finanzierbarkeit umsetzen. Besonders dringend ist für mich das Stadtzentrum. Die B63 ist eine Landesstraße und hier ist das Land gefordert. Wir warten seit Langem auf konkrete Antworten und Entscheidungen. Oberwart braucht hier endlich Klarheit. Die Stadt ist bereit, ihren Beitrag zu leisten, aber wir können die Sanierung einer Landesstraße nicht allein finanzieren.“

Fallbeispiel 3: Hornstein
Auch im rund 3300 Einwohner zählenden Hornstein schränken die von Bürgermeister Christoph Wolf als „historisch gestiegen“ bezeichneten Landesabzüge die finanzielle Handlungsfähigkeit der Marktgemeinde massiv ein. „Für die Monate Juni, Juli und August 2026 standen unserer Gemeinde aus den Bundesertragsanteilen mehr als 810.000 Euro zu. Tatsächlich wurden nach Abzug des Landes nur 9700 Euro überwiesen. Das entspricht einer Abzugsquote von rund 98,8 Prozent und zeigt die Dramatik der aktuellen Entwicklung!“, sagt ÖVP-Bürgermeister Christoph Wolf. Besonders kritisch sieht er die fehlende Transparenz: „Es gibt keine Berechnung und keine Erklärung, wie es zu so hohen Abzügen kommt.“

„Wir haben große Projekt vor: Ausbau der Kinderkrippe, Pflegewohnungen bzw ein Pflegeheim oder ...
„Wir haben große Projekt vor: Ausbau der Kinderkrippe, Pflegewohnungen bzw ein Pflegeheim oder eine neue Sportarena. Für die Umsetzung brauchen wir Mittel des Landes“, sagt der Hornsteiner ÖVP-Ortschef Christoph Wolf.(Bild: P. Huber)
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Die Reaktionen der Bürger reichen von Verständnis für die schwierige Lage bis zu nachvollziehbarer Kritik an Kürzungen und Gebührenerhöhungen. 

Christoph Wolf, ÖVP-Bürgermeister in Hornstein

Um Kosten radikal einzusparen, mussten in den vergangenen drei Jahren etliche Sozialleistungen ausgesetzt und Mitarbeiter freigesetzt werden. Der Spardruck habe bei rund 800.000 Euro pro Jahr gelegen. Außerdem mussten im Zuge der notwendigen Konsolidierung die finanziellen Auszahlungen an die Vereine vorerst für alle Vereine halbiert werden. Parallel dazu wurden einzelne Gebühren erhöht: „Dennoch ist in vielen Bereichen weiterhin kein kostendeckender Betrieb möglich. Das Land fordert uns sogar regelmäßig auf, Gebühren weiterhin zu erhöhen!“

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