Live im Happel-Stadion

Die Toten Hosen: Kein Zentimeter Platz für Nazis

Musik
13.09.2026 00:14

55.000 Fans feierten am Samstagabend im ausverkauften Wiener Ernst-Happel-Stadion die 39. und vielleicht letzte Wien-Show ihrer Helden. Das mag man vielleicht anzweifeln, nicht aber die bestechende Form der Band, die für das feurigste Konzert in dieser Stadionsaison sorgte. Eine Nachlese, die auch Politisches, Liebevolles und Griechisches beinhaltet.

kmm

Ist es das letzte Wien-Konzert oder doch nicht? Das Rätselraten, ob die Punk-Legenden aus Düsseldorf so langsam auch ihre Live-Karriere zu Grabe tragen, war jedenfalls schon am Stadionvorplatz ein angeregtes Gesprächsthema. Mitunter auch im „Krone“-Interview zum aktuellen Album „Trink aus, wir müssen gehen!“ hat Frontmann Campino klar verlautbart, dass man zumindest keine neuen Studioalben mehr einspielen wird. Live hätten die honorigen Herren vom Rhein aber noch immer genug Energie, um nach einer weiteren Pause in zwei bis drei Jahren noch einmal groß auf die Piste zu gehen. Rund zweieinhalb Stunden lang begeistern die Hosen Samstagabend 55.000 Fans im seit Monaten restlos ausverkauften Wiener Ernst-Happel-Stadion mit einer bunten Melange aus Liedern, die querbeet Material aus den 44 Jahren Bandhistorie beinhalten. Den Bogen zur eigenen Vergangenheit schlug man schon am Studioalbum diesen Frühling, das Live-Konzert beginnt mit dem frühen Kultsong „Opel-Gang“ und ohrenbetäubender Stimmung.

Campino und Bassist Andi – seit mehr als vier Dekaden treu vereint
Campino und Bassist Andi – seit mehr als vier Dekaden treu vereint(Bild: Gerhard Drindorfer)

Kunterbuntes Vorprogramm
Campino liebt weltweit nur Buenos Aires noch mehr als Wien, wie er in Interviews gerne beteuert, dementsprechend legen sich die Hosen in der Bundeshauptstadt immer besonders ins Zeug. Für gute Stimmung sorgen – schon nachmittags beginnend – die drei Vorbands. Buster Shuffle sind erklärte Lieblinge der Hosen und heizen das Publikum bereits früh an. Als Lokalmatadoren dürfen sich die aufstrebenden jungen Wiener Leftovers präsentieren. Inklusive Trikot des Regionalligisten Wiener Sportclub gibt’s eine halbe Stunde Nachhilfe in puncto Coming-Of-Age-, Wut- und Depressionstexten. Die Themen sind aus dem Alltag gegriffen und werden mit Feuereifer ins Oval geworfen. Die Besucher nehmen das Angebot an, warten aber für großen Jubel auf ihre Hosen. Da haben es die langjährigen Hosen-Begleiter Donots schon etwas leichter, was aber auch am deutlich zugänglicheren Sound liegt. Punkrock ohne Schnörkel. Mehr Seele als Hirn und dazu noch ein flottes Cover von Twisted Sister („We’re Not Gonna Take It“) – so bringt man eine Party ins Rollen.

Der Frontmann ließ es sich nicht nehmen, Wien zu feiern und politisch zu kommentieren
Der Frontmann ließ es sich nicht nehmen, Wien zu feiern und politisch zu kommentieren(Bild: Gerhard Drindorfer)

Bei einer knappen Stunde Wartezeit auf den Headliner scheint das anfangs ein bisschen zu verpuffen, doch wenn Campino über die Bühne läuft, die Gitarren schrammeln und neben der „Opel-Gang“ auch die brandneuen Nummern „Die Show muss weitergehen“ und „Wir waren nie weg“ anspielen, dann kocht das Stadion bis an die Deckenspitze. Schon vor vielen Jahren hat die Band den perfekten Spagat zwischen dem Hochhalten der Fahnen aus der älteren Vergangenheit und einem wesentlich massentauglicheren Zugang aus der jüngeren Vergangenheit gefunden. Wo sich etwa die Ärzte, die ewigen Rivalen aus Berlin, mittlerweile im Klamauk verrannt haben, finden die Hosen auch in den schlageresken Momenten wie beim Übersong „Tage wie diese“ noch immer genug Kampfgeist und Ernsthaftigkeit, um mit dem würdevolleren Spätwerk auftrumpfen zu können. Mit viel Spielfreude und der Offenheit, auch immer wieder danebenzugreifen und -zuriffen, hat man die Stimmung sofort auf den obersten Pegel gedreht.

Die Fans dankten den Hosen ein großartiges Konzert mit liebevoller Inbrunst und Top-Kondition
Die Fans dankten den Hosen ein großartiges Konzert mit liebevoller Inbrunst und Top-Kondition(Bild: Gerhard Drindorfer)

Die große Liebe zu Wien
Dazu gibt es zahlreiche Liebesbekundungen für Wien. „Es gibt für uns keinen besseren Ort für ein Auswärtsspiel“, schreit Campino schon früh ins Mikro und lässt mit den Lobeshymnen auch im weiteren Verlauf nicht nach. Vor „Laune der Natur“ bezeichnet er die Hosen als „Wiener Domspatzen“, bevor er andächtig von einem Besuch in der Wiener Peterskirche früher am Tag referiert: „Ich habe dort drei Kerzen angezündet. Eine für die Gesundheit für meine Familie und Freunde, eine für diese Tour und eine für all das, was wir schon so in Wien erlebt haben.“ Besonderes Highlight? „Wien ist wirklich eine unserer Lieblingsstädte. Sowas würde ich in München nie erzählen.“ Dass es an diesem Abend besonders feurig zugeht, liegt an allen handelnden Parteien. Die Hosen spielen ungezwungen und mit höchster Spielfreude einen ihrer besten Österreich-Gigs und die Fans gehen sogar auf den Sitzplätzen steil.

Wenn Campino das Mikro übernimmt, dann wird es laut oder politisch – manchmal dann sogar beides
Wenn Campino das Mikro übernimmt, dann wird es laut oder politisch – manchmal dann sogar beides(Bild: Gerhard Drindorfer)

Bis es zu den erwarteten Polit-Ansagen kommt, dauert das Konzert ein knappes Drittel. Vor „Was ist mit uns los“ wird es dann aber unmissverständlich. Campino nimmt das aktuelle Wahlergebnis von Sachsen-Anhalt mit dem AfD-Triumph zum Anlass, um seine Stimme gegen jede Form von Rechtsextremismus zu erheben. Man müsse nicht der Propagandamasche der Rechten folgen und als Band nichts zur Tagespolitik sagen. „Wer auf einem Toten-Hosen-Konzert ist, ist auf einem Anti-Nazi-Konzert – und das seit 1982“, wird der Frontmann dann relativ klar. Überraschend aber, dass Campino dieses Mal kein Wort zur FPÖ und deren Parteichef Herbert Kickl findet, was bei früheren Auftritten der Toten Hosen üblich war. Dies ist den Wienern Leftovers vorbehalten, deren Frontmann Leonid von einem „blauen Giftzwerg“ spricht, ohne weiter ins Detail zu gehen. Die Fans begrüßen die Botschaften und stimmen zum größten Teil zu.

Die Show wurde von fünf opulenten Videowalls verstärkt, sodass auch die hinteren Sitzplätze ...
Die Show wurde von fünf opulenten Videowalls verstärkt, sodass auch die hinteren Sitzplätze alles mitbekamen(Bild: Gerhard Drindorfer)

Würdige Gäste
An der Setlist gibt es nichts zu bemängeln. Es reihen sich Ohrwürmer wie „Altes Fieber“ oder „Paradies“ an Reggae-Tracks wie „Wannsee“, Punk-Kracher wie „Liebeslied“ und Gassenhauern der Marke „Alles aus Liebe“ oder „Hier kommt Alex“. Dazwischen werden geschickt neue Songs und überraschende Gastauftritte eingewoben. Das Erscheinen der heimischen Schauspielgröße Birgit Minichmayr bei „Auflösen“, das 2008 das erste Duett der Hosen-Historie war, konnte man noch erhoffen. Doch als die Schlagerkönigin Vicky Leandros mit Campino den Klassiker „Ich liebe das Leben“ skandierte und die Bandmitglieder als „gute Menschen“ pries, brachen alle Dämme. Da konnte man auch die stimmungstechnisch notwendigen, künstlerisch aber äußerst verzichtbaren Saufhymnen wie „Eisgekühlter Bommerlunder“ oder „Freunde“ verkraften. Fünf wuchtige Videowalls transferieren das Geschehen gut sichtbar bis ganz nach hinten. Ein Triumphzug, der nicht wie ein Ende wirkt …

Kann das wirklich das letzte Wien-Konzert gewesen sein? Angesichts dieser Show nicht wirklich ...
Kann das wirklich das letzte Wien-Konzert gewesen sein? Angesichts dieser Show nicht wirklich vorstellbar ...(Bild: Gerhard Drindorfer)

Noch einmal live in Graz
Einmal geht es mit den Hosen auf jeden Fall noch. Am 23. Juni ist am Messegelände Open Air in Graz eine bereits ausverkaufte Show fixiert. Angesichts der Topform der Düsseldorfer Kultmusiker wirkt ein tatsächliches Live-Ende aber nicht wirklich glaubhaft.

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