Vor 35 Jahren begann der Urlaub meist mit einer Straßenkarte oder einem Reisekatalog. Heute reichen dafür ein Smartphone oder ein paar Klicks am PC. Was sich seit 1991 verändert hat, was geblieben ist und warum Reisen dadurch nicht unbedingt weniger abenteuerlich geworden ist.
Erinnern Sie sich noch an den Reisekatalog auf dem Wohnzimmertisch? An die Landkarte, die vor der Abfahrt noch einmal ausgebreitet wurde? Vor 35 Jahren begann der Urlaub anders. Wer nach Thailand oder auf die Malediven wollte, konnte nicht vorher jedes Hotelzimmer im Internet ansehen und wusste auch nicht schon beim Frühstück, wie der Verkehr vor Ort aussah. Man plante, hoffte und freute sich. Vieles war mühsamer. Aber ein bisschen spannender war es auch.
Die Reise begann schon zu Hause
Wer 1991 eine Fernreise plante, brauchte Zeit. Nicht nur für die Reise selbst, sondern schon Wochen davor. Das Internet (World Wide Web) wurde am 6. August 1991 freigeschaltet und spielte somit keine Rolle, Smartphones waren Zukunftsmusik und eine App, die einen vom eigenen Wohnzimmer bis vor die Hotelrezeption führt, konnte man sich nicht einmal vorstellen. Dafür gab es Kataloge. Dicke Exemplare von Neckermann, TUI oder Verkehrsbüro. Man blätterte sich durch Palmenstrände, Hotelanlagen und exotische Landschaften, blieb bei einem Bild hängen, machte vielleicht ein Eselsohr in die Seite. So begann Fernweh damals ganz konkret.
Flüge, Hotel und Mietwagen wurden meist im Reisebüro gebucht. Danach nahm man einen Stapel Unterlagen mit nach Hause und hatte trotzdem das Gefühl, längst nicht alles zu wissen. Genau das gehörte dazu. Eine Reise war nicht bis ins letzte Detail vorweggenommen. Sie musste sich erst entfalten.
Thailand, Kenia und die Karibik
Wer Anfang der 1990er-Jahre von einer Fernreise zurückkam, hatte viel zu erzählen. Thailand wurde zum Sehnsuchtsziel für Rucksackreisende und Abenteurer. Tempel, tropische Strände und eine fremde Kultur machten das Land für viele zum Inbegriff der großen Asienreise. Kenia stand für eine ganz andere Form von Abenteuer. Safari, wilde Tiere und die Weite Afrikas waren etwas Außergewöhnliches. Malediven und Karibik wiederum gehörten zu jenen Zielen, die man damals stark mit Luxus verband. Weißer Sand, Palmen, türkisblaues Wasser: Das wirkte noch ein Stück weiter weg als heute.
Auch die USA faszinierten. Florida oder Kalifornien versprachen Sonne, Strand, Mietwagen-Rundreisen und Freizeitparks. Für viele Familien war so eine Reise ein großes Ereignis. Ein paar Tage New York oder Miami über ein verlängertes Wochenende? Das war schlicht keine realistische Idee. Die Sehnsucht nach der Ferne war also schon da. Nur der Weg dorthin war länger, teurer und weniger selbstverständlich.
Die große Urlaubswelt vor der Haustüre
Fernreisen konnten sich längst nicht alle leisten. Für viele Österreicher lag die Urlaubsdestination deshalb näher. Rund 60 Prozent der Bevölkerung unternahmen Anfang der 1990er-Jahre eine größere Urlaubsreise. Österreich selbst blieb dabei ein besonders wichtiges Reiseziel.
Wer ins Ausland wollte, fuhr sehr oft nach Italien. Rimini, Caorle und Jesolo gehörten für Generationen österreichischer Familien zum Sommer wie das Eis nach dem Strand. Auch Kreta und Rhodos standen hoch im Kurs. Wer möglichst verlässlich Sonne suchte, fand sie auf Teneriffa oder Gran Canaria. Die kroatische Adriaküste, die heute für viele Österreicher fast selbstverständlich zum Sommer gehört, hatte damals eine andere Situation.
Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien veränderte die Reiseströme, machte viele Regionen zeitweise unerreichbar. Interessant ist der Blick zurück trotzdem: Manche Ziele sind gekommen, andere geblieben. Italien, Griechenland und Urlaub in Österreich haben ihre Anziehungskraft nie wirklich verloren.
Der Weg zum Urlaub war Teil des Abenteuers
Heute schaut man kurz aufs Smartphone. 1991 konnte schon die Anreise zur kleinen Prüfung werden. Im Auto lagen Atlanten oder Straßenpläne. Die Strecke wurde daheim vorbereitet, wichtige Straßen wurden markiert und bei komplizierten Kreuzungen musste man tatsächlich aufpassen. Wer falsch abbog, bekam keine freundliche Ansage mit dem Hinweis, dass die Route gerade neu berechnet wird. Man hielt an und fragte nach dem Weg. Gelegentlich mit Händen und Füßen. Manchmal mit Erfolg.
Und landete danach trotzdem nicht dort, wo man eigentlich hinwollte. Das konnte nerven. Keine Frage. Aber es hatte auch eine andere Seite. Man kam ins Gespräch, sah Orte, die in keinem Reiseplan vorgesehen waren, oder fand unterwegs ein Gasthaus, an dem man sonst vorbeigefahren wäre. Nicht jeder Umweg wurde zur schönen Erinnerung. Aber manche eben schon.
Heute kennt Google Maps die schnellste Strecke, berechnet Staus und sagt uns, wann wir abbiegen müssen. Das ist wunderbar praktisch. Gleichzeitig ist aus dem „Abenteuer Orientierung“ etwas geworden, über das wir nicht mehr nachdenken müssen.
Was man damals einfach nicht wusste
Heute wissen wir schon vor der Abfahrt erstaunlich viel. Wir sehen das Hotelzimmer, bevor wir den Schlüssel in der Hand halten. Wir lesen, ob das Frühstück gut ist, ob der Strand wirklich in Gehweite liegt und welches Restaurant um die Ecke die besten Bewertungen hat. 1991 blieb davon vieles offen. Natürlich gab es Reiseführer, Prospekte und Empfehlungen. Aber ob das Hotel in Wirklichkeit so charmant war wie im Katalog, merkte man erst vor Ort. Auch Formulierungen wie „zentrale Lage“ oder „kurzer Weg zum Strand“ konnten durchaus Interpretationsspielraum haben. Wer angekommen war, schaute sich um und machte das Beste daraus.
Und wenn man wissen wollte, wo man gut essen kann? Dann fragte man an der Rezeption, den Taxifahrer oder jemanden, der schon länger am Ort war. Das war weniger effizient als eine Suchmaschine. Dafür entstanden Empfehlungen oft im Gespräch. Man bekam nicht hundert Möglichkeiten, sondern vielleicht zwei. Heute ist die Auswahl riesig. Das ist ein Luxus. Aber Hand aufs Herz: Wer hat nicht schon einmal zwanzig Hotelbewertungen gelesen und war danach unsicherer als vorher? Mehr Information macht Entscheidungen nicht automatisch einfacher, sondern überfordert mitunter sogar. Manchmal braucht es vor allem jemanden, dessen Urteil man vertraut.
Einmal buchen, bitte – und dann warten
Auch die Buchung selbst hatte ein anderes Tempo. Man ging ins Reisebüro, blätterte durch Kataloge und wurde beraten. Preise und Angebote ließen sich nicht innerhalb weniger Sekunden miteinander vergleichen. Wer sich entschieden hatte, musste darauf vertrauen, dass die Kombination aus Beratung, Katalog und eigenem Bauchgefühl passte. Heute können wir mitten in der Nacht einen Flug buchen, zehn Hotels nebeneinanderlegen, Bewertungen lesen und innerhalb weniger Minuten ein komplettes Wochenende organisieren. Booking.com, Airbnb und Flugsuchmaschinen haben die Reiseplanung grundlegend verändert. Auswahl gibt es praktisch ohne Ende. Genau darin liegt aber die neue Schwierigkeit. Früher fehlten Informationen. Heute sind es manchmal zu viele. Welches Hotel hält, was die Fotos versprechen? Welche Bewertung hilft wirklich weiter? Ist die billigste Verbindung tatsächlich die beste, wenn man um vier Uhr Früh am Flughafen sein muss?
Fernreisen waren 1991 für viele Menschen ein unglaublicher Luxus und konnten einen erheblichen Teil des verfügbaren Haushaltseinkommens verschlingen, waren oft unleistbar. Globaler Wettbewerb und das Wachstum der Billigfluggesellschaften haben das Reisen für viele Menschen leichter zugänglich gemacht. Günstig ist eine Fernreise deshalb noch lange nicht immer.
Kein Whatsapp aus dem Paradies
Besonders deutlich wird der Unterschied bei der Kommunikation. Wer 1991 auf den Malediven, in Thailand oder Florida war, war tatsächlich weit weg. Ein kurzer Anruf nach Hause konnte teuer sein. Telefonkarten und öffentliche Telefone gehörten vielerorts zum Reisealltag.
Wer mehrere Wochen unterwegs war, war für Familie und Freunde nur eingeschränkt erreichbar. Dafür schrieb man Ansichtskarten. Übrigens kamen sie nicht selten erst an, wenn man selbst schon wieder zu Hause war. 2026 ist der Strand von Thailand nur einen Videoanruf entfernt. WLAN, Mobilfunk und Messenger machen es möglich, Fotos und Nachrichten sofort nach Hause zu schicken. Das ist bequem und beruhigend. Gerade für Familien. Aber auch unser Verhältnis zum Urlaub hat sich verändert. Früher bedeutete Wegfahren oft, eine Zeit lang wirklich weg zu sein. Heute reist der Alltag ein Stück mit. Die Nachrichten, die Mails und auch die Arbeit sind nur einen Fingertipp entfernt.
36 Fotos für den ganzen Urlaub
Urlaubserinnerungen waren knapper bemessen. Eine Filmrolle hatte 24 oder 36 Aufnahmen. Jeder Druck auf den Auslöser wollte gut überlegt sein. Noch ein Foto vom Sonnenuntergang? Oder lieber eines für morgen aufheben? Ob das Bild wirklich gelungen war, wusste man erst nach der Rückkehr. Dann wurde der Film entwickelt. War das Foto verwackelt, überbelichtet oder hatte jemand die Augen geschlossen, war es zu spät.
Ins Album kam es oft trotzdem. Vielleicht hatten diese Bilder auch deshalb einen besonderen Wert. Sie wurden eingeklebt, beschriftet und Jahre später wieder hervorgeholt. Heute entstehen an einem einzigen Urlaubstag problemlos Hunderte Aufnahmen. Wir sehen sofort, was gelungen ist, löschen, bearbeiten und verschicken. Der Urlaub wird damit nicht nur erlebt. Er wird gleichzeitig dokumentiert. Das hat viele schöne Seiten. Manchmal lohnt es sich trotzdem, das Smartphone kurz einzustecken und einfach nur hinzuschauen sowie zu genießen.
Auch die Kreuzfahrt hat sich in den vergangenen 35 Jahren stark verändert. Aus einer sehr exklusiven Reiseform entwickelte sich ein globaler Massenmarkt. Die Flotten sind extrem gewachsen, die Kreuzfahrtschiffe wurden immer größer und sind nun oft schwimmende Kleinstädte mit Erlebniswelten, Restaurantvielfalt und Spas. Die Passagierzahlen stiegen trotz globaler Krisen und Pandemien auf weltweit mehr als 35 Millionen Gäste pro Jahr.
78 Millionen Nächtigungen
Wie wichtig Tourismus für Österreich schon damals war, zeigen die Zahlen. Im Sommer 1991 wurden in Österreich rund 78,12 Millionen Nächtigungen registriert. Ein historischer Rekordwert, der erst 2019 übertroffen wurde. Allein deutsche Gäste machten mehr als die Hälfte aus. Der österreichische Sommertourismus war also schon vor 35 Jahren ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Und auch für die Österreicher selbst blieb der Urlaub im eigenen Land wichtig. Berge, Seen und Sommerfrische mussten nicht erst erfunden werden. Sie waren längst Teil unserer Urlaubskultur.
Vom Abenteuer zur Selbstverständlichkeit
Wenn man vergleicht, scheint sich fast alles verändert zu haben: die Buchung, die Navigation, die Kommunikation, die Fotografie und vor allem die Geschwindigkeit, mit der wir Informationen bekommen. Geblieben ist etwas viel Einfacheres. Die Sehnsucht, wegzufahren. Damals träumten Menschen von Thailand, Kenia, Florida, den Malediven oder der Karibik. Andere wollten nach Italien, auf eine griechische Insel oder einfach an einen österreichischen See. Das klingt auch 35 Jahre später erstaunlich vertraut.
Heute können wir eine Reise beinahe bis ins kleinste Detail vorbereiten. Vielleicht ist deshalb nicht mehr die fehlende Information unsere größte Herausforderung, sondern die Auswahl. Was passt zu mir? Was lohnt sich wirklich?Und muss wirklich jeder Tag schon vor der Abreise durchgeplant sein? Wo bleibt dann die Spontanität? 1991 hatte man vielleicht eine Landkarte, einen Reiseführer und die Telefonnummer des Hotels. Dann ging es los. 35 Jahre später ist Reisen einfacher geworden. Zum Glück. Aber ein kleines bisschen Ungewissheit darf ruhig bleiben.
Vielleicht ist das die schönste Konstante nach 35 Jahren: Wir reisen heute anders. Aber wir reisen noch immer, weil wir neugierig sind.
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