„Bevor wir über längeres Arbeiten diskutieren, müssen wir die Arbeitswelt reparieren“, so AK-Chefin Renate Anderl. Den Vorstoß von Tirols Landeshauptmann Anton Mattle (ÖVP), den Pensionsantritt erst nach 45 Arbeitsjahren zu ermöglichen, bezeichnet sie als den falschen Ansatz.
Die Diskussion um die Zukunft der Pensionen erhitzt die Gemüter. Während Tirols Landeshauptmann Anton Mattle (ÖVP) eine Reform fordert, die den Pensionsantritt an 45 geleistete Arbeitsjahre knüpft, zeigt sich die Präsidentin der Arbeiterkammer (AK), Renate Anderl, strikt ablehnend. Ihr Appell: Weg von der Debatte über ein höheres Alter, hin zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Ältere.
„Bevor ich darüber diskutiere, was wir alles über das 65. Lebensjahr hinaus tun könnten, würde ich viel lieber über die Arbeitswelt diskutieren“, stellt Anderl klar.
„Arbeitswelt perfekt machen“
Mattle hatte vorgeschlagen, dass der Pensionsantritt künftig nicht mehr primär vom Alter, sondern von der Anzahl der Beitragsjahre abhängen soll. Wer 45 Arbeitsjahre nachweisen kann, soll mit 65 in Pension gehen können, wer weniger hat, müsste länger arbeiten. Das würde etwa Akademiker bersonders stark treffen. Betreuungs- und Pflegezeiten sollen angerechnet werden. Das frühestmögliche Pensionsantrittsalter soll laut Mattle aber bei 65 bleiben. Wer also mit 15 mit einer Lehre begonne hat, soll trotzdem bis 65 arbeiten müssen.
Anderl hält dieses Modell für kontraproduktiv. Ihrer Ansicht nach würde es insbesondere jene treffen, die ohnehin schon benachteiligt sind: Frauen mit vielen Berufsunterbrechungen und Menschen mit langer Ausbildung. Statt über 45 Arbeitsjahre zu sprechen, solle man sich lieber auf die drängenden Probleme am Arbeitsmarkt konzentrieren.
„Machen wir die Arbeitswelt perfekt, damit jeder beschäftigt sein kann“, fordert Anderl. Das bedeute: altersgerechte Arbeitsplätze, bessere Gesundheitsförderung und vor allem ein Ende der Diskriminierung älterer Arbeitnehmer. Der Vorschlag von Mattle verfehle das Problem, da er von der Realität vieler Betriebe absehe.
Drittel der Frauen ohne Beschäftigung in Pension
Die Zahlen untermauern die Kritik der AK: „Fast jede dritte Frau geht nicht aus einer Beschäftigung in die Pension“, warnte Anderl. Mehr als die Hälfte der Betriebe mit 20 oder mehr Mitarbeitern beschäftige keine einzige Frau über 60. Diese Lücke sei nicht durch eine Erhöhung des Pensionsalters zu schließen, sondern nur durch echte Chancen am Arbeitsmarkt.
„Das Pensionsantrittsalter anzuheben, ist der falsche Weg. Das führt nicht zu längerer Beschäftigung, sondern oft direkt in die Arbeitslosigkeit“, so die AK-Präsidentin. Dieser Zusammenhang sei ein „glattes Märchen“.
Bonus-Malus-System statt Zwang
Als zentrale Lösung für mehr Beschäftigung Älterer macht sich die AK weiterhin für ein Bonus-Malus-System stark. Betriebe, die erfahrene Mitarbeiter halten und einstellen, sollen belohnt werden. Firmen, die ältere Beschäftigte aussortieren, sollen zur Kasse gebeten werden.
„Ich verstehe jene Betriebe nicht, die laut schreien gegen Bonus-Malus. Denn wenn ich mit meinen Beschäftigten ordnungsgemäß umgehe, sie auch bis zu ihrem Pensionsantrittsalter beschäftige, warum sollte ich mich davor fürchten?“, so Anderl. Dies sei der einzig sinnvolle Weg, um Altersarmut zu bekämpfen, anstatt mit immer neuen Forderungen die Latte für die Pensionierung höher zu legen.
AK-Präsidentin warnt vor Altersarmut
Gerade Frauen seien von einem reinen Beitragsjahre-Modell besonders betroffen. Wegen Kindererziehung und Pflege von Angehörigen haben sie oft längere Erwerbsunterbrechungen. Anderl: „Viele Frauen würden dann gar nicht zu den 45 Jahren kommen – nicht weil sie die beste Ausbildung konsumiert haben, sondern weil sie viele Berufsunterbrechungen hatten. Und dann würde man ihnen auch noch aufdrängen, dass sie länger arbeiten sollen.“
Anderl appelliert an die Politik, jetzt zu handeln. Notwendig seien bessere Anrechnungen von Kindererziehungszeiten, mehr Kinderbetreuungsplätze und eine echte Lohntransparenz, um die Einkommensschere zu schließen.
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