Ab 40 Grad kritisch

Hitzerekord: Bahn muss Infrastruktur fit machen

Wirtschaft
19.07.2026 17:57
Porträt von krone.at
Von krone.at

Hitzewellen setzen Europas Bahnnetzen zunehmend zu. Während sich Schienen und Oberleitungen stark aufheizen, investieren die ÖBB nun in fittere Infrastruktur und Überwachung. Experten sehen Anpassungen an den Klimawandel als unverzichtbar für einen verlässlichen Bahnverkehr der Zukunft.

Wenn die Temperaturen in Mitteleuropa auf 40 Grad Celsius oder mehr steigen, leidet die Infrastruktur – auch die der Eisenbahn. Allein das Weißstreichen von Schienen reiche dabei nicht aus. Gefragt sind laufende Kontrollen, moderne Überwachungssysteme und rasche Eingriffe, um Schäden frühzeitig zu erkennen und zu beheben. Auch beim Neubau von Gleisen spielt die zunehmende Hitze eine immer wichtigere Rolle. Darauf verweist das deutsche Science Media Center, das dazu auch österreichische Experten befragt hat. Die ÖBB setzen dabei auf umfassende Präventionsmaßnahmen.

Während der Hitzewelle im Juni mit Temperaturen von über 40 Grad kam es in Österreich, Deutschland und der Schweiz zu Schienenverformungen. Gleichzeitig zeigt der Bahnverkehr in Ländern wie Spanien, Italien, Griechenland, Marokko oder Ägypten, dass Züge auch bei deutlich höheren Temperaturen zuverlässig verkehren können.

Schienen können bis zu 65 Grad heiß werden
„Hitzewellen sind für Bahnnetze in Mitteleuropa ein relevantes Thema, allerdings nicht in dem Sinn, dass ab einer bestimmten Lufttemperatur das Fahren mit der Bahn generell kritisch wird. Entscheidend sind vielmehr die Temperatur und der Zustand der konkreten Anlage“, sagt Ferdinand Pospischil, Leiter des Instituts für Eisenbahn-Infrastrukturdesign der Technischen Universität Graz, laut dem Science Media Center. „Schienen können sich bei direkter Sonneneinstrahlung ungefähr 20 Grad Celsius stärker erwärmen als die Umgebungsluft – abhängig unter anderem von Lage, Ausrichtung, Wind, Verschattung und Bauart. Bei Lufttemperaturen von 30, 35 oder 40 Grad können daher Schienentemperaturen von bis zu 60 Grad auftreten.“

Durch die immense Hitze kann es auch zu gerissenen Oberleitungen kommen.
Durch die immense Hitze kann es auch zu gerissenen Oberleitungen kommen.(Bild: ZVG ÖBB)

Harald Loy, Leiter des Lehrstuhls Eisenbahnwesen an der Fakultät für Technische Wissenschaften der Universität Innsbruck, geht sogar von Schienentemperaturen bis zu 65 Grad Celsius aus. „Jenseits von 40 Grad Lufttemperatur, und insbesondere bei älteren Oberbauformen, können an ungünstigen Standorten durch Materialausdehnung Gleisverdrückungen und Gleisverwerfungen drohen, bei denen sich die Schienen horizontal oder vertikal verformen“, so Loy laut Science Media Center. „Zudem kann es zu gerissenen Oberleitungen und großflächigen Ausfällen der Fahrzeug-Klimaanlagen kommen.“ Die ÖBB sowie die Schweizer SBB und die Deutsche Bahn berücksichtigen diese thermischen Belastungen bereits beim Bau neuer Gleisanlagen.

ÖBB setzen auf Prävention und Kontrolle
Nach Angaben von Pospischil nehmen die ÖBB das Thema sehr ernst und verfügen über ein umfassendes Naturgefahrenmanagement. Gegenüber der APA verweist das Unternehmen auf laufende Investitionen in hitzebeständigere Baustoffe und moderne Überwachungssysteme. Ein eigenes Wetterwarnsystem mit 55 Wetterstationen liefert streckenbezogene Wetterdaten und unterstützt den Betrieb sowohl im Sommer als auch im Winter. Extreme Wetterereignisse könnten jedoch nicht vollständig verhindert werden. Ein ÖBB-Sprecher betont zudem, dass auf den Hochleistungsstrecken ausschließlich Betonschwellen eingesetzt werden, um Gleisverwerfungen zu vermeiden. „Zusätzlich werden regelmäßig, auf Hochleistungsstrecken viermal jährlich, Messfahrten durchgeführt und präventiv Schwachstellen entfernt.“

Nicht nur die Schienen, sondern auch die Oberleitungen werden durch große Hitze stark beansprucht. „Daher setzen die ÖBB auf Komponenten, die den erhöhten Anforderungen – insbesondere durch hohe Temperaturen – standhalten.“ Damit soll verhindert werden, dass der Stromfluss zu einer Überhitzung über der zulässigen Maximaltemperatur führt. Das Weißstreichen von Schienen gilt laut Pospischil lediglich als kurzfristige Maßnahme. Loy verweist darauf, dass die Wirkung durch Abrieb rasch nachlasse. Deshalb nehmen viele Bahngesellschaften von dieser Methode wieder Abstand.

Mehr Komfort für Fahrgäste
Für Reisende sei laut Pospischil vor allem eine rasche Information bei Verspätungen oder Ausfällen entscheidend. Die ÖBB setzen darüber hinaus auf vorbeugende Wartung ihrer Klimaanlagen. Bereits im Winter werden Wärmetauscher und Kühlsysteme für den Sommer vorbereitet.

Über den Rahmenplan investiert das Unternehmen außerdem in hitzeresistente Infrastruktur und neue Fahrzeuge. „In vielen Zügen unserer Flotte wird zudem bereits ein natürliches Kältemittel eingesetzt, das deutlich weniger Energie verbraucht als andere Kältemittel und somit eine umweltfreundliche Alternative darstellt“, erklärt ein Sprecher der ÖBB. Mit der Ausmusterung der ältesten Wiener S-Bahn-Garnituren werden künftig auf der Stammstrecke ausschließlich klimatisierte Züge unterwegs sein.

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