Eine Unzahl von Musikern widmet sich dieses Jahr dem 100. Geburtstag der Jazz-Ikonen Miles Davis und John Coltrane. Wenn dabei dessen Sohn Ravi Coltrane auf der Bühne steht, sind Aufmerksamkeit und volle Häuser vorhersehbar, so auch am Mittwochabend im Wiener Porgy & Bess.
Ravi Coltrane, der nun schon 20 Jahre älter ist, als es sein je Vater wurde, war indes nur der solide und erst zum Ende des Konzerts auf Betriebstemperatur spielende „Gaststar“, von Trompeter Terence Blanchard selbst so vorgestellt. Der behielt auch abseits seiner eigenen Soli von fast selbstzerstörerischer Intensität als Chef jeden Moment des Abends das Heft in der Hand, oft mit Dirigenten-Gesten alter Schule – schließlich ist sein wichtigstes Standbein neben dem Jazz inzwischen Filmmusik – und ansonsten mit Mikro-Mimik, an der sich ablesen ließ, wie zufrieden er mit den Geschehnissen auf der Bühne jeweils gerade war: auch das ein nur zu passender Tribut an Miles Davis.
Klassiker, gegen den Strich gebürstet
Ein braves Nachstellen von historischen Aufnahmen war unter Blanchards Ägide nicht zu erwarten. Stattdessen bemühte er sich um ein gewieftes Eindampfen von Miles Davis‘ künstlerischem Weg über die Jahrzehnte. Wohlbekannte Klassiker wurden dabei nach Kräften gegen den Strich gebürstet: „All Blues“, „Someday My Prince Will Come“ und „Teo“ wurden etwa zu einem 7/8-Abenteuer, „On Green Dolphin Street“ zum Reggae, und ein wunderschönes „Blue In Green“ wurde gespielt, als wäre es Joe Zawinuls „In A Silent Way“ und schlug so eine kluge Brücke über Davis’ Oeuvre.
Das Wiener Publikum war gleichermaßen Leidtragender und Profiteur des Umstands, dass Blanchard und seine Mannen ihren Klassiker-Tribut schon seit einem halben Jahr unter die Leute bringen, davon die letzten zwei Wochen sehr dicht getaktet in Europa. Gitarrist Charles Altura wirkte etwa schon sehr „leergespielt“, während andere umso mehr zu zusammengeschweißter Hochform aufliefen, vor allem Keyboarder Tom Oren und der 27-jährige polyrhythmische Schlagzeugzauberer Jaylen Petinaud, der nicht umsonst in wenigen Tagen gleich zu einer Serie an Auftritten mit Klavier-Übervater (und Miles-Davis-Alumnus) Herbie Hancock weiterhastet.
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