Mit seinem markanten Trompetenton und seiner ganz speziellen musikalischen Sprache über Stilgrenzen hinweg hat Miles Davis die Entwicklung des Jazz im 20. Jahrhundert geprägt. Am 26. Mai jährt sich der Geburtstag von Miles Davis zum 100. Mal – mit unterschiedlichen Würdigungen.
Miles Davis hat mit ein paar Kollegen den Bebop verbreitet, Cool- und Modal-Jazz populär gemacht, hat Electronic, Funk und Rock zum Fusion-Jazz gemixt und ist sich selbst dabei immer treu geblieben: Immer weitergehen, immer neugierig auf Veränderung und keine Kompromisse eingehen. Einfach hat er es sich selbst und anderen damit nicht gemacht – weder musikalisch noch persönlich. Aber seine Konsequenz, seine Vielseitigkeit und Offenheit haben bis heute einen bleibenden Eindruck in der Musik hinterlassen und Vorbildwirkung für viele Jazzmusiker.
Gutbürgerliche Familie
Geboren 1926 und aufgewachsen ist die spätere Jazzlegende in einer gutbürgerlichen afro-amerikanischen Familie im US-Bundesstaat Illinois mit einer älteren Schwester und einem jüngeren Bruder. Die Eltern sind musikalisch sehr interessiert, seine Mutter spielt Geige und gibt Musikunterricht, der Vater ist Zahnarzt.
Mit neun Jahren erhält Miles seine erste Trompete und in den nächsten Jahren Unterricht sowohl im Bereich Jazz als auch im klassischen Fach. Er spielt in der Band seiner High-School und wird nach dem Schulabschluss zum ersten Mal Mitglied in einer professionellen Jazzband, schon mit 19 Jahren ist er Teil des Charlie Parker Quintet. Da hat seine Freundin, die er jedoch nie heiraten wird, bereits das erste von drei Kindern bekommen.
Künstlerisch-kreative Persönlichkeiten
Dreimal heiratet Miles Davis, dreimal sind es durchaus selbstbewusste, künstlerisch-kreative Persönlichkeiten, die ihn teilweise auch musikalisch beeinflussen. Sein Privatleben ist allerdings nicht zuletzt durch seine hohe Sensibilität, aber auch durch den Rassismus, dem er in den USA immer wieder direkt ausgesetzt ist, von Krisen, Auseinandersetzungen, Drogenabhängigkeit und Krankheit gezeichnet.
Miles Davis konnte charmant, einfühlsam und umgänglich sein, er konnte aber auch streitbar, impulsiv und launisch sein. So endete schließlich auch sein Leben: Eine Auseinandersetzung mit dem Arzt bei einer Untersuchung im Spital eskalierte derart, dass der Held von Generationen von Musikern einen Schlaganfall erlitt, ins irreversible Koma fiel und am 28. September 1991 mit 65 Jahren starb.
Befreiung durch den Jazz
Mit Jazz konnten Miles‘ Eltern wenig anfangen. Seine Mutter hätte ihn gerne Geige spielen gesehen, sein Vater finanzierte drei Semester klassische Musikausbildung an der Julliard School of Music in New York – doch der Sohn bevorzugte die Jazzclubs und ließ sich von Dizzy Gillespie und Charlie Parker und den Anfängen des Bebop faszinieren. Dabei fand er allerdings auch Interesse an der neueren europäischen Musik, beschäftigte sich auch später immer wieder mit Strawinsky, Berg, Prokofjew oder Schönberg.
Er selbst trägt jedoch mit den musikalischen Vorbildern Dizzy Gillespie und Charlie Parker den Jazz in seiner neuen – freieren – Bebop-Form weiter an die Westküste der USA und wendet sich langsam und gemeinsam mit Kollegen wie Pianist Gil Evans und Saxophonist Gerry Mulligan neuen Möglichkeiten zu, die zu einer immer mehr reduziert-intensiven Art des Spiels führen: Der „Cool Jazz“ ward geboren und wurde bald von maßgeblichen Kollegen wie Chet Baker oder Stan Getz übernommen und damit richtungsweisend.
Seinen charakteristischen Trompetensound findet Miles Davis zunächst mit dem entscheidenden Hinweis, er solle ohne Vibrato spielen, und schließlich Mitte der 50er Jahre mit der Entdeckung des Harmon Dämpfers und nimmt 1955 mit seinem ersten Quartett mit John Coltrane am Saxophon, Red Garland am Klavier, Paul Chambers am Bass und Philly Joe Jones am Schlagzeug das wegweisende Album „Round About Midnight“ auf. Es ist eines von zahlreichen legendären Musikdokumenten von Miles Davis, der nicht nur immer wieder neue Wendungen in der Art Jazz zu spielen vollführte, sondern beispielsweise auch Filmmusik schrieb.
Prominentes Quintett
Sein zweites großes Miles Davis Quintet stellt in den 60er Jahren die letzte akustische Gruppe dar und ist prominent besetzt: Tony Williams am Schlagzeug, Herbie Hancock am Klavier, Ron Carter am Bass, Wayne Shorter am Saxophon und Miles Davis an der Trompete. Hier entstehen Projekte wie „Miles Smiles“, „Nefertiti“ oder „Miles in the Sky“ und man beginnt bei Live Konzerten durchgehende Sets ohne Pause zwischen den einzelnen Nummern zu spielen – und elektrische Instrumente einzusetzen.
Damit tritt Miles Davis in seine Fusion Phase ein, in der er die Trompete mit dem elektronisch verfremdenden Wah-Wah-Pedal spielt und Funk, Rock und später auch HipHop aufnimmt. Hier stößt auch der österreichische Pianist und Keyboarder Joe Zawinul in den Miles Davis Kreis und ist bei „In a Silent Way“ und „Bitches Brew“ maßgeblich beteiligt.
Es gibt keinen falschen Ton
Mit der Öffnung des Jazz zu anderen Stilrichtungen und der Einbindung junger Musiker gelingt es Miles Davis, neues Publikum anzusprechen und füllt mit seiner Band Konzertsäle – von Kritikern und stiltreuen Musikerkollegen erntet Miles hingegen teilweise recht harsche Kritik. Was ihn freilich unbeirrt lässt.
Zur Freiheit im Jazz habe Miles Davis auch eine unbedingte Konsequenz in seinem Sound gelebt, stellt der österreichische Trompeter und Bandleader Lorenz Raab, Jahrgang 1975 fest, nach dem Prinzip: „Es gibt keinen falschen Ton, nichts wird ausgebessert.“ Das habe sich, konstatiert Raab, im Brotberuf im Orchester der Volksoper in Wien, sonst aber nur im Jazz und in der improvisierten Musik unterwegs, durch sein ganzes Leben durchgezogen und er habe damit die Jazzgeschichte mehrmals umgeschrieben und vorwärts gebracht. Er sei aber eben auch nicht davor zurückgescheut, mit jungen Musikern und neuen Musiktrends mehr Publikum zu bekommen.
Eigenen Stil geprägt und weitergegeben
„Er hat unglaublich viel verändert und war über fünf Jahrzehnte in jeder Ära die führende Figur, hat die Stilistik geprägt, immer mit jungen Musikern zusammengearbeitet und ist immer weitergegangen“, ergänzt Kollege Martin Eberle, Jahrgang 1981 mit klassischer Trompetenausbildung und nun ausschließlich im Jazz in vielfältigen Ensembles und Projekten tätig. Für ihn selbst sei das Album „Kind of Blue“ die Initialzündung für seine Miles-Davis-Faszination und eine unerschöpfliche Quelle an Inspiration: Die Soli mit großer Emotion, in denen jeder Ton und auch die Pause Bedeutung hat, in der die Stille mit Spannung erfüllt ist.
Auf unterschiedlichste Weise feiert man heuer weltweit den 100. Geburtstag von Miles Davis. So erschien kürzlich ein stimmungsvoller Bildband mit Schwarzweiß-Fotos des einflussreichen Trompeters aus dem Jahr 1989.
Hierzulande gedachte beispielsweise Trompeter Eddie Henderson mit seinem US-amerikanisch-italienischen Quintett im Wiener Jazzclub Porgy & Bess schon einen Monat vor dem Geburtstag der Musik von Miles und am 8. Juli spielen ebendort Terence Blanchard und Ravi Coltrane, Sohn des zeitweiligen Davis-Gefährten John Coltrane, dessen Geburtstag sich heuer ebenfalls zum 100. Mal jährt, in Sechserformation zu Ehren der beiden Musikgiganten.
Die mittlerweile starke Jazzabteilung von Radio Ö1 gestaltet einen umfangreichen Schwerpunkt mit mehreren Sendungen und zu unterschiedlichen Blickwinkeln.
Im Wiener Gartenbaukino ist am 24. Mai der Film „Birth of the Cool“ zu sehen und im Gegensatz zum Wiener Konzerthaus, wo es zum Thema 100 Jahre Miles Davis still bleibt, feiert die Elbphilharmonie in Hamburg unter ihrem - österreichischen – Generalintendanten das Ereignis mit fünf Konzerten und einem sechstägigen „Miles 100 Marathon“ in der Pop-Up-Bar.
Der Sound, die Phrasierung und die oft sehr unterschiedliche Zusammenstellung seiner Bands hat für die beiden österreichischen Trompeter Vorbildwirkung. So gibt es in Lorenz Raabs Trio „Bleu“ Tuba, Hackbrett und Perkussion oder in der :xy Band zwei Kontrabässe, E-Zither und Schlagzeug und natürlich Trompete bzw. Flügelhorn. „Ich war nie Purist“, so Raab: „Ich will überall dabei sein.“
„So muss Band sein“
Für Martin Eberle wirkte sich speziell das zweite große Miles Davis Quintet, das die Band zum Gesamtereignis erhob, auf die eigene Ensemblegründung aus mit der Erkenntnis: „So muss Band sein.“ Eines der Ergebnisse ist „Kompost 3“, ein Quartett, das sich weit und lustvoll über die Grenzen des Jazz hinausbeugt, ebenso wie 5KHD.
Dazu ist Eberle Ko-Gründer des Jazzorchester Vorarlberg und arbeitet mit dem Wienerlied Duo „Die Strottern“ zusammen sowie mit Jacqueline Kornmüller im Rahmen von GANYMED im KHM. „Alles ist Musik“, schließt sich auch Eberle dem Davis‘schen Credo an. Musik ganzheitlich zu denken, die eigene Stimme und den eigenen Sound zu finden und in neue Richtungen zu denken, dafür war und ist Miles Davis ein bleibender Maßstab.
Nach hartnäckigen Versuchen bekamen der Journalist Marco Meier und der Fotograf Ralf Quinke 1989 einen Interviewtermin für das Schweizer Kunstmagazin DU in Miles Davis‘ Haus in Malibu. Das Interesse für Davis‘ eigene Bilder löste die zunächst etwas angespannte Atmosphäre bald und das Gespräch führte schließlich auch zu anderen Aspekten seines Lebens, seiner Musik, seiner Wertschätzung für das europäische Publikum und vielem mehr. Mit dem Schwarz-Weiß-Bildmaterial von damals und Texten über den Besuch wurde nun ein Bildband herausgebracht, der diese Stimmung sehr eindrucksvoll vermittelt.
Miles Davis. Three Days in Malibu (dt./engl.)
Photographs by Ralph Quinke
Herausgegeben von // Edited by Arne Reimer
Verlag Scheidegger & Spiess AG, Göttingen 2025
160 Seiten, ISBN: 978-3039423064, Preis: 69,90 €
Mit Beginn der 70er Jahre kämpft Miles Davis neuerlich mit gesundheitlichen, privaten und Drogenproblemen. Auf dem Comeback-Album 1981 „The Man with the Horn“ ist er wieder mit dem traditionellen Trompetensound zu hören, experimentiert in der Folge aber weiterhin mit modernen elektronischen Mitteln wie Synthesizer, Samples und Drumloops, setzt mit „Tutu“ auch ein politisches Statement – und absolviert einen Gastauftritt bei einem Konzert von Prince.
Umstrittene Experimente
Seine eigenen Experimente mit Pop-Musik sind gleichfalls eher umstritten. Unbestritten ist der maßgebliche Einfluss, den Miles Davis mit seiner Musik, seinen unterschiedlichen Bands und seiner Offenheit für Neues, aber auch mit seinem Selbstbewusstsein, seinem Stil und seinem Auftreten auf die Nachwelt hat. „Er hatte diese Aura“, fasst Lorenz Raab zusammen. Das lässt sich in mehr als 100 Alben, die er selbst aufnahm, ungezählten Artikeln, zahlreichen Büchern und in vielen Dokumentationen und Videos immer wieder neu erleben.
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