Wenn man Bassspiel mag, kommt man an Marcus Miller nicht vorbei. Der 67-jährige Jazz-Weltbassist bringt eine Startruppe nach Wien, um seinen langjährigen Bandchef Miles Davis zu ehren. Der „Krone“ verrät er im Talk, was er von ihm gelernt hat, wie seine Beziehung zu Joe Zawinul war und wie er selbst mit Rampenlicht umgeht.
Wenn das renommierte Montreux Jazz Festival und diverse andere Festivalgrößen den europäischen Sommer mit qualitätsvoller Musik durchziehen, kommt auch das Jazzfest-lose Wien zu seinen Highlights. Vor allem im renommierten Porgy & Bess in der Riemergasse und im Konzerthaus tummeln sich im Juli bekannte Namen und geben sich die Klinke in die Hand. Ein besonders feines Wiedersehen wird nach mehreren Jahren der Abwesenheit jene mit dem famosen Bassisten Marcus Miller, der als Solokünstler, Bandmusiker, Musikproduzent und Filmmusik-Erschaffer mehrere Karriere-Standbeine hat und zurecht zu den Größten seiner Zunft gehört. Zuletzt arbeitete er mit dem südafrikanischen Top-Musiker Jonathan Butler zusammen und konzentrierte sich aufs Filmgeschäft, zum 100. Geburtstag des 1991 verstorbenen Miles Davis tuckert er aber gerade mit einem Spezialprogramm über den Kontinent: „We Want Miles - Marcus Miller Salutes Miles Davis: A 100th Anniversary Celebration“.
Starauftrieb für die große Legende
Freuen darf man sich dabei auf einen bunten Querschnitt aus dem Oeuvre des zeitlosen Trompeters. Miller spannt den Bogen vom 1981 erschienenen legendären Japan-Livealbum „We Want Miles!“ über klassische Kompositionen aus den 50er- und 60er-Jahren bis hin zu seinen finalen Veröffentlichungen „Tutu“ (1986) und „Amandla“ (1989). Ein wichtiger Teil wird aber nicht nur die Vergangenheitsbewältigung sein, Miller schaut mit seiner Mannschaft auch in die Zukunft. „Wir wollen auch nach vorne schauen, weil Miles immer ein Musiker war, der nicht in der Vergangenheit lebte. Es ist wirklich aufregend, Miles Davis mit dieser großartigen Band Tribut zu zollen.“ Für Jazz-Fans ist die Besetzung ein einziger Zungenschnalzer. Neben Miller haben sich auch Gitarrist Mike Stern, Saxofonist Bill Evans, Percussionist Mino Cinelu, der Trompeter Russell Gunn, Drummer Anwar Marshall und Keyboarder Brett Williams angesagt. Eine Mischung aus bekannten großen Solistennamen und treuen Gefährten aus Millers eigener Band.
Davis war es, der Miller 1981 den Durchbruch bescherte und in dessen Band er bis zu seinem Tod spielte. Danach wurde Marcus Miller selbst Bandleader und zum Weltmusiker. Sein Album „M²“ wurde 2002 mit einem Grammy für das „Best Contemporary Jazz Album“ prämiert. Für „Amandla“ von Davis hat er fast die gesamte Musik geschrieben und auf dem Soundtrack-Album „Siesta“ steht er mit seinem Namen sogar gleichberechtigt mit Miles am Cover – dazu hat Miller fast alle Instrumente eingespielt. Die Beziehung der beiden ging damals weit über eine rein musikalische hinaus. „Mit Miles zu spielen war so, wie die Spitze eines Berges zu erklimmen, wenn du verstehst“, erzählte uns Miller einst im „Krone“-Talk, „er hat dafür gesorgt, dass mich die Menschen in der Szene als Komponisten wahrgenommen haben. Miles war so ein gewaltiger Name, dass man neben ihm automatisch glänzen konnte. Und Miles wollte von allen seinen Musikern, dass sie auch selbst ihre Karriere machen.“
In die Rolle hineingewachsen
Von Davis hat der selbst zum Star gewordene Marcus Miller viel mitgenommen. „Er hat es geschafft, immer das Allerbeste aus seinen Musikern herauszuholen, ihnen alle Möglichkeiten zur Entfaltung einzuräumen. Das war auch immer mein Ansatz als Bandleader, das habe ich von ihm gelernt. Dann gab es da natürlich all die großen Bassisten. Charles Mingus, Stanley Clarke oder Jaco Pastorius. Manche spielen den Bass, andere erschaffen aus Bassklängen eine Art zweite Singstimme. Man will die Menschen nicht langweilen und kein Mensch will ständig den Bass hören, aber wenn du es schaffst, deinem Bass mehr Raum zu verschaffen, dann hat das Instrument eine ganz andere Wirkung.“ Heute ist Miller selbst Bandleader, das gleißende Rampenlicht behagt ihm dabei nicht immer. „Man wird es aber gewohnt und es ist auch schön, wenn die Musik, die man macht, anerkannt wird. Wie alle Menschen musste ich erst in diese Rolle hineinwachsen, aber mittlerweile fühle ich mich darin ganz wohl.“
Miller hat als Sideman mit Größen wie George Benson, Mariah Carey, Bryan Ferry, Aretha Franklin oder Roberta Flack Platten aufgenommen. Dazu besorgte er den Soundtrack zu Filmen wie „Boomerang“ (1992), „Above The Rim“ (1994) oder „Serving Sara“ (2002). Auch die unvergessene österreichische Jazz-Größe Joe Zawinul war Miller ein Begriff. „Er ein guter Freund und ein echtes Original“, erinnert er sich schmunzelnd zurück, „er hatte eine starke Persönlichkeit, war sehr österreichisch, wenn man so sagen will. 1976 oder 1977 war ich zu einer Show von Weather Report, Zawinuls Band, eingeladen und habe dort auch Jaco Pastorius getroffen, mit dem er vortrefflich diskutieren und streiten konnte. Einmal war ich mit Zawinul frühstücken und wir haben über Musik, Gott und die Welt geredet. Er hatte eine starke Meinung, hat mir aber immer gesagt, dass wir Jungen am richtigen Weg seien. Den Jazz vorwärtsbringen würden. Er hat auch Synthesizer ernstgenommen und immer versucht, den nächsten Schritt zu gehen.
Live im Wiener Konzerthaus
Heute hält Marcus Miller nicht nur das Vermächtnis von Miles Davis am Leben, sondern zelebriert auch sein eigenes so gut wie möglich. Für seinen Auftritt am 8. Juli samt Starbesetzung im Wiener Konzerthaus gibt es unter www.oeticket.com tatsächlich noch Karten, aber es heißt wohl langsam schnell sein. Dieses einzigartige Programm sollte man nicht verpassen.
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