Seit der Corona-Pandemie hat die schwere Multisystemerkrankung ME/CFS Bekanntheit erlangt, sie ist aber weiterhin kaum behandelbar. Davon betroffen sind mehr als 70.000 Österreicher. Der Epidemiologe Matthias Wielscher hat es sich zum Ziel gesetzt, die genetische „Blackbox“ zu knacken.
Denn ME/CFS-Patienten unterscheiden sich nicht nur durch unterschiedliche Symptome, sondern auch durch biologische Mechanismen, die der Erkrankung zugrunde liegen. Von einer genetischen Variante lässt sich nicht automatisch auf bestimmte Symptome schließen. „ME/CFS gilt als eine sogenannte komplexe Erkrankung, bei der viele unterschiedliche Mutationen gemeinsam zum Erscheinungsbild beitragen“, so Wielscher.
450.000 Euro für die Forschung
Der Wiener Forscher gewann jetzt den von der WE&ME-Stiftung der Familie Ströck zusammen mit dem FWF vergebenen „WE&ME Award“, dotiert mit 450.000 Euro. Mit den Mitteln des erstmals vergebenen Preises kann Wielscher, tätig an der Meduni Wien, erforschen, warum die Krankheit nicht für alle gleich verläuft.
Die genetische Forschung zu ME/CFS ist seit einigen Jahren Wielschers Fokus. In einem ersten Projekt untersuchte er mit seinem Team sehr seltene genetische Varianten der Krankheit. Nun will er häufige Varianten in den Blick nehmen. Dazu nutzt er den Datensatz von DecodeME, die mit Daten von 17.000 diagnostizierten Patienten größte weltweite und von schottischen Forschenden geleitete Genomstudie zu ME/CFS.
Kein einheitliche Therapie
Über eine Kombination der Auswertung von klinischen wie auch genetischen Daten will man sich nun an einer präziseren Identifizierung von Subtypen versuchen. „Abschließend werden wir diese neu definierten Untergruppen in DecodeME suchen, um erneute genomweite Analysen durchzuführen“, so Wielscher. Dadurch soll Licht in das genetische Wirrwarr der Zusammenhänge kommen, die bisher verborgen blieben. Bei früheren Studien wurden die vielfältigen Patientengruppen nicht in Untergruppen eingeteilt: Es gab keine einheitlichen Ergebnisse und somit keine zielgerichteten Therapien.
„Natürlich passiert bereits einiges in der Forschung zu ME/CFS, aber wir stehen noch am Anfang, die genetischen Muster wirklich zu verstehen“, so der Forscher abschließend. Mehr Verständnis zu den genetischen Ursachen könnte dann aber tatsächlich eine zielgerechtere Behandlung ermöglichen.
Bekannte Wirkstoffe, neu nutzbar?
Ein weiterer Ansatz belebt ebenfalls Hoffnungen: Lassen sich defekte Gene identifizieren, die auch bei anderen Krankheiten eine Rolle spielen, „dann könnten sich bereits vorhandene Medikamente vielleicht auch bei ME/CFS als wirksam erweisen“, so der Forscher. Aber auch hier gelte: „Es geht derzeit noch um Grundlagenforschung, bis zur konkreten Anwendung wird es wohl noch etwas dauern.“
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