Die Wahllokale sind geöffnet: 225.892 Grazerinnen und Grazer können heute einen neuen Gemeinderat bestimmen. Umfragen lassen deutlichen KPÖ-Sieg und ÖVP-Verluste erwarten – doch die Hitze und die unberechenbaren Stimmbürger in der Landeshauptstadt könnten für Überraschungen sorgen.
Ist in Graz alles längst gelaufen, wie es allgemein seit Wochen angenommen wird? Heiß wird die heutige Gemeinderatswahl aber allein schon aufgrund der höchsten Juni-Temperaturen aller Zeiten auf jeden Fall. Und Experten halten es auch für möglich, dass genau diese Hitze die Wahl mehr oder weniger deutlich beeinflusst.
Ausgangspunkt sind Umfragen aus kühleren Zeiten, die allesamt Bürgermeisterin Elke Kahr mit der KPÖ eindeutig den ersten Platz zubilligen – mit einem Ergebnis von möglicherweise mehr als 30 Prozent und so noch über dem Sensations-Sieg von 2021. Die ÖVP, bis vor fünf Jahren mit Siegfried Nagl Bürgermeisterpartei mit Ergebnissen bis knapp an die 40-Prozent-Grenze, würde den Umfragen nach in Richtung 20-Prozent-Schwelle verlieren.
Den Freiheitlichen, zuletzt nur knapp über der 10-Prozent-Schwelle, wird ein klar besseres Ergebnis zugebilligt, den Grünen ein schlechteres, der SPÖ ein noch schlechteres.
Umfragen womöglich nur Schall und Rauch
Aber wie ernst sind diese Umfragen zu nehmen? Man erinnere sich an eine von einer steirischen Tageszeitung drei Wochen vor der Wahl 2021 veröffentlichte Umfrage, nach der die ÖVP 35 und die KPÖ 20 Prozent erreicht hätte. Tatsächlich waren es dann fast 29 für die Kommunisten, nur 26 für die Schwarzen. Weiter daneben kann man nicht liegen.
Hitze-Auswirkungen auf die Wahlbeteiligung
Christoph Hofinger, der in den vergangenen Wochen mit seinem Foresight-Institut eine große Vorwahlbefragung in Graz durchgeführt hat (die „Krone“ hat berichtet), rät bei allen Annahmen zu großer Vorsicht – und rechnet mit einer heißen, von den Witterungsumständen beeinflussten Wahl. „Diese extreme Hitze könnte Auswirkungen auf die Wahl haben.“ Hofinger verweist darauf, „dass noch bei keiner Wahl in Österreich die Temperaturen auch nur annähernd in dieser Gegend gelegen sind“.
Zu vermuten wäre, dass die Wahlbeteiligung nicht zuletzt hitzebedingt doch nicht, wie zunächst angenommen, deutlich über jener von 2021 liegt. Wenn Menschen (zu Recht) gesagt werde, jede nicht unbedingt notwendige Anstrengung zu vermeiden, „könnten sich manche schon die Frage stellen, ob sie für die Ausübung ihres Stimmrechtes den Weg ins Wahllokal antreten“, meint Hofinger.
Grüne könnten im letzten Abdruck profitieren
Was der Experte für möglich hält: „Vor allem ältere Wähler, die zu ÖVP und SPÖ tendieren, könnten zu Hause bleiben.“ Und für die FPÖ, deren Wähler am wenigsten die Briefwahl nutzen, wird es an diesem heißen Sonntag „besonders wichtig, ihre Anhänger trotz großer Hitze zum Gang ins Wahllokal zu motivieren“.
Jede Partei hat ihre Wunschthemen. Bei den Grünen ist das Umwelt und Klima. Und genau das ist nun vor dem Wahltag das Top-Thema.

Polit-Professor Peter Filzmaier
Bild: Reinhard Holl
Am ehesten vom Ausnahmeklima profitieren könnten die Grünen als Klimaschutz-Partei. „Die größte Juni-Hitzewelle aller Zeiten“, glaubt Christoph Hofinger, „könnte den Grünen Rückenwind verschaffen“.
Das sieht Polit-Professor Peter Filzmaier ähnlich: „Wahlkampf ist auch ein Themenwettbewerb: Jede Partei hat ihre Wunschthemen, die sie im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion haben will. Bei den Grünen ist das Umwelt und Klima, und genau das ist nun vor dem Wahltag das Top-Thema, ohne dass sie sich selbst drum bemühen mussten.“
Vorschlag des Forschers: Wahlen nur bis Mitte Juni
Forscher Hofinger rechnet mit einem spannenden Wahltag, auch weil die Grazer Wähler immer wieder bewiesen haben, dass sie sich ganz schwer einschätzen lassen. So kommt Hofinger zum Fazit: „Ich wäre nicht überrascht, wenn es Überraschungen gibt.“ Um 17 Uhr wird die erste Hochrechnung der Ergebnisse präsentiert. Ein vorläufiges Endergebnis wird am Wahltag gegen 18 Uhr erwartet. Am Montag müssen dann noch etwa Tausend Wahlkartenstimmen, die von Freitag bis Sonntag abgegeben wurden, ausgezählt.
Der Foresight-Direktor plädiert für eine Regelung, dass regulär geplante Wahlen künftig bis maximal zum zweiten Sonntag im Juni durchgeführt werden können und erst wieder ab der zweiten September-Hälfte. „Niemand sollte gezwungen werden“, so Hofinger, „sich entweder für die Gesundheit oder die Demokratie entscheiden zu müssen“. Bis zur Umsetzung rinnt freilich noch viel Wasser die Mur hinunter.
Im Vorfeld der Grazer Gemeinderatswahl hat die „Krone“ die Spitzenkandidaten der sieben im Gemeinderat vertretenen Parteien bei einem Hobby begleitet. Hier können Sie die ganze Serie nachlesen:
ÖVP-Herausforderer Kurt Hohensinner lud (obwohl Sturm-Fan) zum Tennisspielen beim GAK.
Die grüne Vizebürgermeisterin Judith Schwentner spazierte entspannt durch Graz zu ihrem geliebten Kaiser-Josef-Markt.
FPÖ-Spitzenkandidat René Apfelknab ging an der Mur Goldschürfen – einst machte er einen großen Fund.
SPÖ-Frontfrau Doris Kampus kochte für ihr Partei-Team Erdäpfelgulasch.
NEOS-Gemeinderat Philipp Pointner, einst Dirigent, besuchte einen Geigenunterricht für Kinder.
KFG-Stadträtin Claudia Schönbacher lud zu einer Spitztour mit ihrem Oldtimer-Auto.
Die Internationale wurde am Abend jenes – im Rückblick so historischen – 26. September 2021 natürlich auch intoniert. Dabei schwankte die Stimmung im Volkshaus, der Kommandozentrale der Grazer KPÖ, zunächst irgendwo zwischen Ungläubigkeit und totaler Euphorie. Elke Kahr hatte es tatsächlich geschafft. Sie stand am Gipfel, erstmals schaffte eine Frau den Einzug ins Bürgermeisterbüro – und das im 21. Jahrhundert, in Mitteleuropa, als Kommunistin.
Die Befürchtungen vieler wurden in den letzten fünf Jahren dann aber doch nicht Realität – die Murmetropole ist nicht zu „Stalingraz“ verkommen. Sturm und GAK wurden nicht in Dynamo und Lokomotive umgetauft und müssen auch nicht im Zentralstadion Liebenau spielen – aber das Thema Stadion ist vielleicht heute auch das falsche.
Am heutigen Sonntag wählen die Grazer einen neuen Gemeinderat. In der „Krone“-Elefantenrunde stellten sich vor wenigen Tagen die sieben Spitzenkandidaten der Diskussion rund um die Themen Wohnen, Verkehr und Finanzen. Die gesamte Diskussion gibt es online zum Nachschauen.
Vielmehr hatte die Landeshauptstadt mit jenen Herausforderungen zu kämpfen, die auch viele andere Kommunen und Städte zu schultern hatten. Die großen Themenfelder im Wahlkampf waren deshalb auch die (klammen) städtischen Finanzen, der Verkehr, leistbarer Wohnraum und die Gesundheitsversorgung. FPÖ und KFG versuchten noch mit dem Thema Sicherheit zu mobilisieren, drangen damit aber nicht wirklich durch.
Koalitionsverhandlungen werden schwierig
Mit knapp 226.000 Wahlberechtigten sind heute übrigens so viele Menschen wie überhaupt noch nie dazu aufgerufen, ihr Kreuzerl zu machen. Und damit auch zu entscheiden, ob über dem Uhrturm weiter Hammer und Sichel wachen. Wie auch immer der Urnengang ausgeht: Dem Wahlsieger muss es erst einmal gelingen, sich die nötige Mehrheit im Gemeinderat zu sichern. Denn geht’s nach den letzten Umfragen, liegen da keine wirklich realistischen Koalitionsvarianten auf der Hand.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.