Große Verzweiflung
Venezolaner graben mit bloßen Händen nach Opfern
„Wir lassen euch nicht allein“, verspricht die venezolanische Regierung den Erdbebenopfern. Ein umfassendes Lagebild über die Schäden gibt es aber nach wie vor nicht, vielerorts sind entsprechende Gerätschaften und Ausrüstung nicht vorhanden. Bisher sind 235 Tote und über 4000 Verletzte bestätigt worden. Die Vermisstenzahlen steigen allerdings laufend. Da jede Stunde zählt, graben viele Freiwillige mit bloßen Händen nach Eingeschlossenen.
Die Beben der Stärke 7,2 und 7,5 hatten am Mittwoch die Region rund 160 Kilometer westlich der Hauptstadt erschüttert. Inzwischen traf auch Unterstützung aus dem Ausland ein. Die Verzweiflung der Menschen in dem Erdbebengebiet ist jedoch groß. „Er liegt unter den Betonplatten und es gibt keine Maschinen, um ihn herauszuholen“, sagt Yamileth Jimenez über ihren 19-jährigen Sohn, der in der Küstenstadt La Guaira verschüttet wurde. Hart traf es auch Beatriz Rodriguez. „Es ist eine Tragödie“, sagt die 60-Jährige. Einer ihrer Neffen kam ums Leben, einem zweiten mussten beide Beine amputiert werden, nachdem er bei dem Beben von Trümmern eingeklemmt worden war.
Hilfslos versucht Amparo del Giudice mit bloßen Händen, sich durch einen undurchdringlichen Berg von Beton und Metall zu graben. In den Trümmern eines Wohnblocks in La Guaira sucht sie nach ihrem Sohn, von dem sie seit dem schweren Doppel-Erdbeben am Mittwochabend keine Nachricht hat.
„Es ist einfach zu viel Schutt“
Angesichts der Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen gibt del Giudice schließlich auf: „Es ist einfach zu viel Schutt, das schafft man nicht mit bloßen Händen“, erklärt sie entmutigt und setzt sich einige Meter von der Stelle, an der sie ihren Sohn vermutet, auf den Boden. Laut schimpfend beklagt sie die ausbleibende Hilfe durch staatliche Rettungskräfte. Ihr Enkel Alessandro hat sich seinen Helm der Freiwilligen Feuerwehr aufgesetzt und ersucht, Trümmer beiseite zu räumen – in der Hoffnung auf ein Lebenszeichen von seinem Vater. „Er ist irgendwo dort“, sagt der 23-Jährige unter Tränen.
Auf einer von der Opposition geteilten Website zur Suche nach Vermissten wurden fast 49.500 Menschen als unauffindbar gemeldet. Rettungsmannschaften und Freiwillige klettern durch die meterhohen Schutthaufen, immer wieder rufen Menschen die Namen von Vermissten. In online verbreiteten Videos sind die Stimmen von unter Trümmern eingeschlossenen Menschen zu hören, die um Hilfe rufen. Bisher galt ein Beben im Jahr 1967 mit 240 Toten als das folgenreichste in der jüngeren Geschichte des Landes.
Berichte über erste Plünderungen
Viele Menschen in Venezuela leben in Armenvierteln, den „Barrios“. Tausende sind nun obdachlos und schlafen auf der Straße. Dazu ist auch Pedro Perez gezwungen. „Wir haben alles verloren“, sagte der 64-Jährige mit Blick auf sein Haus und seine Polsterei-Werkstatt. „Wir hoffen, dass bald Hilfe kommt.“ Vereinzelt gibt es in der Stadt Plünderungen, Menschen verlassen ein ausgebranntes Geschäft mit Taschen voller Waren. Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez hat die Region um La Guaira zum „Katastrophengebiet“ erklärt.









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