Erdbebenkatastrophe

Zehntausende Tote in Venezuela befürchtet

Ausland
25.06.2026 09:33
Porträt von krone.at
Von krone.at

Bei zwei schweren Erdbeben in Venezuela sind bisherigen Erkenntnissen zufolge mindestens 164 Menschen ums Leben gekommen und knapp 1000 weitere verletzt worden. Die am meisten betroffenen Gebiete an der Karibikküste sind „ein Katastrophengebiet“, erklärte Präsidentin Delcy Rodríguez. Es werden Zehntausende Tote befürchtet. Es ist von über 10.000 vermissten Personen die Rede. Währenddessen bebt die Erde weiter.

Die US-Erdbebenwarte USGS gab die Stärke der ersten beiden Erdbeben mit 7,2 und 7,5 an. Eine Modellrechnung der Behörde legte nahe, dass eine sehr hohe Opferzahl zu befürchten war. Auch der österreichische Erdbebendienst von Geosphere Austria erklärte, dass sich das Hauptbeben der Stärke 7,5 nur 39 Sekunden nach dem ersten Event ereignete. „Im Umkreis von rund 30 Kilometer Entfernung zum Epizentrum befinden sich fünf Städte mit Einwohnerzahlen größer 15.000, wovon San Felipe, Yaracuy, Venezuela, mit einer Einwohnerzahl von etwa 206.000 Einwohnern die größte ist. Es ist in den nächsten Tagen mit starken Nachbeben zu rechnen“, so Geosphere Austria.

Weiteres starkes Nachbeben
Das erste Beben ereignete sich laut USGS am Mittwoch um 18.04 Uhr (Ortszeit; 0.04 Uhr MESZ Donnerstag) 24 Kilometer östlich von San Felipe im Nordwesten des Landes in einer Tiefe von 21,9 Kilometern. Das zweite, stärkere Erdbeben ereignete sich wenige Kilometer weiter nördlich in nur rund zehn Kilometern Tiefe. Wegen der geringen Tiefe dürften die Auswirkungen des zweiten Bebens größer sein. Seither hat es bereits 20 Nachbeben gegeben – darunter laut des Deutschen Geoforschungszentrums auch eines mit einer Stärke von 7,43. Die stärksten Erdbewegungen waren auch in der Hauptstadt Caracas heftig zu spüren. Dort sind laut Präsidentin Rodríguez Dutzende Gebäude eingestürzt. Die automatische Modellrechnung der US-Erdbebenwarte basierend auf der Stärke des Bebens und der Nähe einiger Städte legte eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit von mehr als tausend Todesopfern nahe.

Allein in den relativ nahe gelegenen Städten Puerto Cabello und San Felipe leben nach USGS-Angaben zusammen etwas mehr als 400.000 Menschen. Auch dort war vom Einsturz von Gebäuden und erheblichen Schäden die Rede.

Die Erdbeben ereigneten sich in dicht besiedelten Gebieten. Es wird befürchtet, dass zahlreiche ...
Die Erdbeben ereigneten sich in dicht besiedelten Gebieten. Es wird befürchtet, dass zahlreiche Verschüttete nicht mehr rechtzeitig gerettet werden können.(Bild: AFP/JUAN BARRETO)

Augenzeugen berichteten von Erschütterungen in der Hauptstadt Caracas, Menschen verließen fluchtartig ihre Häuser. Die Fassaden zahlreicher Gebäude wurden schwer beschädigt, mehrere Gebäude sind eingestürzt. „Mehrere Wände in meinem Gebäude sind aufgebrochen oder haben Risse bekommen“, sagte eine Frau in Valencia, westlich von Caracas. „Sobald es zu wackeln aufgehört hat, haben mein Mann und ich das Haus verlassen.“

„Mein Auto bewegte sich hin und her wie ein Blatt Papier“
„Ich habe noch nie in meinem Leben so viel Angst gehabt, es war fürchterlich“, berichtete eine 57-Jährige. „Bei uns in der Nähe sind zwei Hochhäuser eingestürzt, am Nachbargebäude fehlen Wände“, ergänzte sie. Ihr Hochhaus sei aber weitgehend verschont geblieben. In ihrer Wohnung seien Möbel umgestürzt und Bilder von den Wänden gefallen, alles sei voller Scherben. Nach den Beben sei stundenlang der Strom ausgefallen, auch das Mobilfunknetz habe nicht funktioniert. In sozialen Netzwerken kursierten Videos von beschädigten Gebäuden und Schäden unter anderem am Flughafen von Caracas. Videos zeigten, wie verängstigte Menschen am Flughafen versuchten, sich in Sicherheit zu bringen, während der Boden bebte und Staubwolken aufstiegen (siehe Video unten).

Von heftigen Erschütterungen erzählte auch ein Bewohner aus der Nähe der Stadt Maracay, die rund 100 Kilometer vom Epizentrum entfernt ist. „Ich saß im Auto und der Wagen hat sich hin und her bewegt als handle es sich um ein Blatt Papier“, sagte er der dpa. Mindestens zwei Häuser in der Umgebung seien eingestürzt, darunter ein relativ neues. „Ich habe schon Erdbeben erlebt, aber noch keins wie dieses“, ergänzte der Mann.

Die Schlüsselinfrastruktur der Ölindustrie des Landes schien von den Beben zunächst nicht betroffen zu sein. Der Katastrophenschutz in Maracaibo nahe dem bedeutenden Ölzentrum am Maracaibo-See meldete keine Schäden. Zudem blieb die El-Palito-Raffinerie nahe dem Epizentrum offenbar unbeschädigt. Der britische Ölkonzern Shell erklärte, alle Mitarbeiter im Land seien wohlauf. Ein längerer Stromausfall könnte Insidern zufolge jedoch die Rohölproduktion beeinträchtigen.

Trump: „Werden für unsere Freunde da sein“
US-Präsident Donald Trump schrieb auf Truth Social von einer „verheerenden Zahl an Todesopfern“. Die ersten Berichte seien besorgniserregend. Gleichzeitig versicherte Trump: „Wir werden für unsere neuen und großartigen Freunde da sein.“ US-Außenminister Marco Rubio erklärte kurze Zeit später, die Regierung in Washington bringe sofort Such- und Rettungsmannschaften sowie humanitäre und medizinische Hilfe auf den Weg.

Bilder aus der Hauptstadt Caracas:

Viele Staaten wollen Helfer und Hilfsgüter entsenden
Die Erschütterungen des Bebens waren auch in Kolumbien zu spüren. Eine für Puerto Rico und die Amerikanischen und Britischen Jungferninseln ausgegebene Tsunami-Warnung wurde wieder aufgehoben. Präsidentin Rodriguez, die das Land seit dem Sturz von Präsident Nicolas Maduro durch die USA im Jänner führt, kündigte an, multilaterale Organisationen um finanzielle Hilfe für den Wiederaufbau zu bitten. Die US-Botschaft in Caracas rief amerikanische Staatsbürger auf, sichere Zufluchtsorte aufzusuchen.

Der Präsident von El Salvador, Nayib Bukele, schrieb ebenfalls auf der Plattform X, es stünden 300 Rettungskräfte und Sanitäter sowie 50 Tonnen Hilfsgüter bereit, um in die venezolanische Hauptstadt Caracas gebracht zu werden. Der Präsident der Dominikanischen Republik, Luis Abinader, erklärte, spezialisierte Such- und Rettungsteams der Streitkräfte würden in der Früh nach Venezuela aufbrechen. Auch Brasilien signalisierte Hilfsbereitschaft. Die deutsche Bundesregierung stellt Transportflugzeuge des Typs A400M zur Verfügung, um Hilfsgüter nach Venezuela zu fliegen.

Auch die EU hat ihre Hilfe angeboten. Das europäische Erdbeobachtungsprogramm Copernicus sei aktiviert worden „und wir sind bereit, unsere Unterstützung weiter zu verstärken“, erklärte die EU-Kommissarin für Krisenmanagement, Hadja Lahbib, am Donnerstag im Onlinedienst X. Von der EU finanzierte Partner leisteten bereits vor Ort Hilfe, fügte sie hinzu. Copernicus kann bei Naturkatastrophen schnell Satellitenaufnahmen liefern und Rettungskräften so bei der Einschätzung der Lage helfen.

6,9 bei Erdbeben bei Japan gemessen
An der Ostküste der japanischen Insel Honshu wurde in der Region Tohoku ein Erdbeben der Stärke 6,9 ​​gemessen. Es lag in einer Tiefe von etwa 50 km, laut der japanischen Wetterbehörde wurde keine Tsunami-Warnung ausgerufen. Die East Japan Railway teilte mit, dass einige Züge, darunter der Tohoku-Shinkansen, vorübergehend eingestellt wurden.

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