Nach über 100 Platten als Produzent und Musiker für andere Künstler muss schon einiges passieren, damit Paul Urbanek Lust auf ein eigenes neues Album hat. Wie auf „Zawinulology“, das nicht nur das Werk von Jazzlegende Joe Zawinul zu Ende denkt, sondern einen Weg zu neuen Denkmustern in der Musik weist.
Eigentlich, so scherzt Paul Urbanek, mache er ja nur noch Alben, damit er bei der Fahrt zur Arbeit – also zur Universität für Musik und darstellende Kunst – etwas für den CD-Player im Auto habe. Selbstironie ist ständiger Begleiter des Pianisten, Keyboarders, Arrangeurs, Komponisten und Produzenten: Nur ja keine großen Worte oder Posen. Lieber Musik für sich sprechen lassen. Der neueste Beleg dafür ist „Zawinulology“, und es spricht laut für sich.
Jedes Album eine Antwort auf Grundsatzfragen
Mit der österreichischen Jazzlegende Joe Zawinul (1932-2007) beschäftigt sich Urbanek schon seit Jahrzehnten, persönliches Naheverhältnis inklusive. „Ich will wegkommen davon, dass sich Leute beim Zuhören denken: Was ist das für eine Art von Musik?“, sagt Urbanek. Ein Satz, der von Zawinul sein könnte. So wird auf „Zawinulology“, wie auf den besten Werken des Vorbilds, gerade das Aufheben von musikalischen Genre-Grenzen zum Zündfunken.
Urbanek geht es nicht um ein Tribute-Album. Wie jedes seiner Werke unter eigenem Namen enthält auch „Zawinulology“ nicht nur gute Musik, sondern Antworten auf musikalische Grundsatzfragen. Bei seiner „Standards“-Trilogie war es das Ausloten von Solo, Duo und Trio als Ausdrucksform. Auf mehreren anderen Platten dienten Paraphrasen auf Saxofonist Hans Koller (1921-2003) als Futter für das Denkmodell „Reverse Composing“, also der Umkehr des Jazz-Prinzips „zuerst die Komposition, dann die Improvisation“.
Ein Kollektiv namens Paul Urbanek
Das neue Album vollendet nicht nur das „Reverse Composing“-Prinzip, sondern macht hörbar, wovon Zawinul sein Leben lang träumte: gänzlich improvisierte Musik im Kollektiv in absoluter Harmonie. Bei „Zawinulology“ heißt dieses Kollektiv Paul Urbanek. Er spielte alle Instrumente selbst ein oder griff höchstens auf ein paar Fragmente und Audio-Fundstücke von Kollegen und Freunden wie Saxofonist Wolfgang Puschnig zurück.
Träumt nicht jeder Musiker irgendwie davon, sich in der Musik selbst verschwinden zu lassen?

Paul Urbanek
Bild: Paul Urbanek
Ein komplett im Alleingang eingespieltes Album wäre schon seit den 1970ern, Paul McCartney, Stevie Wonder oder später Prince an sich nichts Besonderes mehr. Zum Unterschied vom üblichen Weg baute Urbanek seine 14 Eigenkompositionen aber nicht nach Plan auf, sondern improvisierte in Dutzenden Spuren so lange mit sich selbst, bis sich „von allein“ darin verborgene Strukturen herausschälten. Wer ziellos mäandernde Melodien befürchtet, kann beruhigt werden: Das Gegenteil ist der Fall.
In der Ruhe (des dorsolateralen präfrontalen Cortex) liegt die Kraft
Entstanden sind regelrechte Ohrwürmer mit jeweils ganz klarer Struktur und eigenem Charakter, die nie auf herkömmlichem Weg komponiert hätten werden können. Er habe dem Traum Zawinuls und letztlich jedes Musikers, „in der Musik zu verschwinden“, nahekommen wollen, räsoniert Urbanek und zitiert als Beleg locker nebenbei Studien über den Ruhezustand des dorsolateralen präfrontalen Cortex im Gehirn improvisierender Musiker, als wissenschaftlich belegtem „Gegenteil von Aufruhr“ als Seinszustand.
Noch mehr Ausführungen darüber, wie viele grundsätzliche Gedanken und Inspiration für neue musikalische Wege in „Zawinulology“ hineingepackt sind, klingen nach Urbaneks Geschmack aber wohl wieder nach zu großen Worten. Lieber scherzt er deshalb über seinen Wunsch, dass „drei, vier Millionen das Album streamen. Dann kann ich mir eine Jause davon kaufen.“ Ernster Nachsatz: „Ich freue mich aber wirklich über jeden, der zuhört. Das sollte ja immer die Intention hinter Musik sein.“
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