Festwochen-Auftakt

„Das beste Stück aller Zeiten“ schreibt das Leben

Kultur
16.05.2026 12:19

Zum 75. Geburtstag der Wiener Festwochen hat ihr Intendant dem Festival eine Liebeserklärung verfasst – mit Weggefährten und Publikum aus acht Jahrzehnten. „Das beste Stück aller Zeiten“ ist eine bunte Collage mit starken Momenten, die das Theater gleichzeitig feiert und abschafft.

Da ist ältere Dame, die bei der Eröffnung der allerersten Festwochen 1951 neben ihrer Mutter saß und sich an die russischen und US-amerikanischen Generäle erinnern kann. Da ist die langjährige Performerin, die es bei Florentina Holzinger oder Marina Abramović am liebsten blutig mag. Da ist das Paar, das sich bei den Festwochen kennengelernt hat. Die junge Mutter, deren Baby während der Proben zur Welt kam. Der pensionierte Lichttechniker, der mit Tabori und Bondy gearbeitet hat. Der Wiener Theaterkritiker, der sich an Christoph Schlingensiefs Aktion vor der Staatsoper erinnert, der britische Schauspieler, der 2000 als „Asylwerber“ im Container saß.

Symphonie der Erinnerung
Sie alle (und viele mehr) hat Festwochen-Intendant Milo Rau auf die Bühne geholt und aus ihren Geschichten „Das beste Stück aller Zeiten“ gewoben. Diese „Symphonie der Erinnerung“, die noch bis 22. Mai im Museumsquartier zu sehen ist, erweist sich bei der Premiere am Freitag als chronologische und doch lose Abfolge von persönlichen, ja intimen Erinnerungsfetzen, die Rau mit Szenen aus legendär gewordenen Festwochen-Produktionen verwebt.

Sie alle (und mehr) blitzen hier auf: Gottfried von Einems „Jesu Hochzeit“ (1980), Peter Handkes „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“ (1992), Signas „Wir Hunde“ (2016) oder Romeo Castelluccis „Requiem“ (2022). Dazwischen tauchen Babys und Kinder auf, ein menschlicher Hund, ein nackter Countertenor, ein sprechender (echter) Lipizzaner, ein schwarzer Christus und Kaiserin Sisi ganz in Weiß. Zusammengehalten wird die Revue von Burgtheater-Aktrice Inge Maux und Volkstheater-Liebling Samouil Stoyanov, die charmant durch einen Abend führen, der in 90 Minuten nicht nur die Geschichte der Festwochen abhandelt, sondern auch gleich die Geschichte der Menschheit.

Provokant bis intim
Diese Mischung aus provokanten Bühnen-Szenen – es wird theatral uriniert, gewürgt, gekreuzigt, kastriert und mit Kunstblut geschüttet – prallt auf große und kleine Tragödien im realen Leben der Mitwirkenden – vom Verlust des Kindes über schmerzvolle Ausgrenzungen bis zur eigenen tödlichen Krebsdiagnose. Dass hier reale Menschen ihr Leid offenbaren, berührt für Momente, einen starken dramaturgischen Bogen lassen die aneinandergereihten Fragmente jenseits der Chronologie nicht erkennen. 

Auch ein echter Lipizzaner ist mit dabei im Museumsquartier bei der Eröffnungspremiere der ...
Auch ein echter Lipizzaner ist mit dabei im Museumsquartier bei der Eröffnungspremiere der Wiener Festwochen.(Bild: Wiener Festwochen/ Inés Bacher)

„Das beste Stück aller Zeiten? Das sind wir – das Leben an sich“, ziehen die Mitwirkenden nach langen 90 Minuten Bilanz, in denen man als Zuseher immer wieder unangenehm berührt und auch echt gerührt ist. Mit dieser Liebeserklärung an das Leben selbst feiert Milo Rau das Theater zwar, macht es gleichzeitig aber auch überflüssig. 

Ein launig improvisiert wirkender Abend, der zwischen Laientheater und flotter Revue schwankt, wie die Rohfassung einer Festwochen-Doku, die irrtümlich als Theaterabend auf die Welt gekommen ist. Man merkt der Produktion die umfassende Recherche und die liebevoll geknüpften Vernetzungen an. Die Essenz der oft rührigen, oft bemüht provokanten Revue bleibt dennoch dünn.

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