Jeder vierte Erwerbstätige hat eine niedrige Lesekompetenz. Das hat ein „PISA-Test für Erwachsene“ ergeben. Die Zahl jener, die kaum lesen können, wächst. Die Volkshochschule bietet für Betroffene Basisbildungskurse an. Denn geringe Lesekompetenz ist am Arbeitsmarkt und für die Psyche ein Problem.
29 Prozent der 16- bis 65-Jährigen in Österreich haben eine niedrige Lesekompetenz; sie können einen Text kaum lesen, noch schwieriger wird es beim Verstehen des Inhaltes. Das ergab eine OECD-Studie in den Jahren 2022/23 – die jüngste Studie dieser Art. Elf Jahre zuvor hatten lediglich 17,1 Prozent der Befragten und Getesteten Schwierigkeiten mit dem Lesen und Verstehen.
Zahlen, die schockierend sind, denn in Österreich gilt eine neunjährige Unterrichtspflicht; jeder lernt laut Lehrplan neben zahlreichen anderen Themen das Lesen und das Schreiben. Doch wer diese Fähigkeiten nach der Schulzeit kaum oder gar nicht nutzt, verlernt sie wieder.
200 Menschen pro Jahr besuchen unsere 30 VHS-Kurse. Einer hat sich angemeldet, weil er ein Enkelkind bekommen hat und ihm vorlesen wollte. Es ist nie zu spät.

Tanja Leitner, Pädagogische Leiterin der Volkshochschulen GmbH Kärnten
Bild: Roman Huditsch zVg VHS
„Wer nicht sinnerfassend lesen kann, ist auf dem Arbeitsmarkt sehr eingeschränkt. Es gibt kaum noch Berufe, in denen man nicht lesen können muss“, weiß Tanja Leitner, die Pädagogische Leiterin der Volkshochschulen Kärnten. „Auch privat ist man ohne Lesekompetenz eingeschränkt. Man ist von anderen abhängig, kann Mietverträge oder Handyverträge nicht verstehen. Eine Frau erzählte mir einmal, dass sie, wenn sie in ein Gasthaus kam, immer Schnitzel bestellte – die Speisekarte konnte sie nicht lesen und Schnitzel, so dachte sie, habe ja jedes Lokal.“
Viele Kursbesucher hätten in der Schule negative Erfahrungen gemacht: Unsensible Lehrer oder lachende Kinder, wenn man sich als Legastheniker beim Lesen abmüht, führen bei Erwachsenen oft dazu, das Lesen komplett zu meiden. Sie geben vor, die Brille vergessen zu haben und bitten um Hilfe. „Bricht aber ein Helfer, beispielsweise die Eltern oder der Ehepartner, weg, oder kommt das eigene Kind in die Schule, dann ist das oft der Auslöser, um Hilfe zu suchen und die Lesekompetenz wieder zu stärken“, freut sich Leitner. Mehr Lesekompetenz bedeute nicht immer sofort einen besseren Job, aber es wird bei der Arbeit einfach, wenn man Schilder im Lager, Sicherheitshinweise oder Ähnliches lesen kann, und das Privatleben gestaltet sich einfacher – vom Entziffern von Handyverträgen bis hin zum Einkaufen. „Der Kurs und dann das Können stärken das Selbstbewusstsein enorm“, weiß Leitner.
Mein Mann weiß nicht, dass ich nicht gut schreiben kann. Wenn etwas zum Ausfüllen war, habe ich meine Schwestern gefragt oder mich so herausgeredet.
Ursula (43) hat den Basisbildungskurs an der VHS besucht
PIAAC – der PISA-Test für Erwachsene
Die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, erhebt die grundlegenden Kompetenzen Erwachsener in den 31 Mitgliedsländern. Getestet werden das Lesen, die Alltagsmathematik (hier liegt Österreich über dem OECD-Schnitt) und adaptives Problemlösen (wie komme ich in einer neuen, unbekannten Situation, zum Ziel?). Zuletzt wurden von Herbst 2022 bis Frühling 2023 von Statistik Austria 4565 Österreicher im Alter von 16 bis 65 Jahren befragt. Dazu gab es einen Hintergrundfragebogen (persönliche, soziale, berufliche Infos), einen Aufgabenteil (40 Aufgaben zu zwei Kompetenzbereichen) und Haustürinterviews.
Lesekompetenz hat, wer schriftliche Texte verstehen, nutzen und reflektieren kann; wer dadurch an der Gesellschaft teilhaben kann. Und das können laut der jüngsten PIACC-Erhebung 1,7 Millionen Menschen in Österreich nicht.
Beim Lesen liegt Österreich deutlich unter dem OECD-Schnitt: Jeder vierte Erwerbstätige hat eine niedrige Lesekompetenz. Von den Betroffenen ist jeweils die Hälfte in Österreich, die Hälfte im Ausland geboren. Die niedrige Lesekompetenz ist also kein Problem von Migranten. Die Ergebnisse der PIAAC-Studie bestärken die Volkshochschulen darin, Kurse für Erwachsene anzubieten: Kurse für Basisbildung.
Alleine einen Brief oder eine Bewerbung schreiben können, ohne dass es jemand kontrollieren muss, ist einfach herrlich.
Peter (48), Absolvent des Basisbildungskurses der VHS
Kostenloser Unterricht – ohne Druck, ohne Test
Unterricht in Kleingruppen – maximal sechs Personen – gibt es in den VHS in Villach, Klagenfurt, Spittal, Wolfsberg, St. Veit, Feldkirchen, Völkermarkt. Tages- und Abendkurse werden angeboten. Und sie sind stets kostenlos! Lesen, Schreiben, Rechnen und Computerkenntnisse für Erwachsene stehen auf dem Stundenplan. „Etwa 200 Personen besuchen jedes Jahr unsere rund 30 Kurse. Auch wenn jemand in eine Bezirksstadt die kürzere Anreise hätte, kommt er oft lieber in die Landeshauptstadt, denn viele wollen keinesfalls auf dem Weg zum Basisbildungskurs gesehen werden – noch immer ist das ein großes Tabuthema; und am Land ist das Tabu noch größer“, so Leitner, die selbst Lehramtsstudien für Deutsch und Englisch abgeschlossen hat.
Wenn Sie merken, jemand tut sich schwer beim Lesen: Haben Sie Mut! Sprechen Sie es an. Erklären Sie, dass es Hilfe gibt, kostenlose Kurse. Es ist nie zu spät!
Tanja Leitner, VHS Kärnten
Wie lange jemand den Basisbildungskurs besucht, richtet sich danach, welche Voraussetzungen er mitbringt, was er nachlernen will. „Manchmal sind die Teilnehmer ein halbes Jahr im Kurs, manche auch länger“, so Leitner. „Im Kurs können die Trainer individuell auf jeden Teilnehmer eingehen. Man ist nicht allein, es macht Spaß – und es gibt keine Tests.“
„Der Bildungshintergrund der Eltern beeinflusst die Lesekompetenz fast genauso stark wie der selbst erworbene Bildungsabschluss“, heißt es in einer Analyse der Statistik Austria, die sich auf die PIAAC-Studie bezieht. Ein Zusammenhang besteht auch zum Kindergartenbesuch: Je länger ein Kind den Kindergarten besucht hat, desto höher ist seine spätere Lesekompetenz.
„Die Unterschiede in der Lesekompetenz Erwachsener sind groß und diese Schere hat sich weiter geöffnet“, so Tobias Thomas, Generaldirektor von Statistik Austria. Denn während bei Personen mit hohen Bildungsabschlüssen zwischen den Studien keine Veränderung der Lesekompetenz festzustellen war, hat sich diese bei Menschen mit niedrigeren Bildungsabschlüssen deutlich verschlechtert.
Die größten Schwierigkeiten beim Lesen haben Personen aus der Altersgruppe 35 bis 65, die in Berufen mit mittleren oder niedrigen Qualifikationsanforderungen tätig sind.
Wo Österreich im Ranking steht
Schlechter als Österreich haben beim jüngsten PIAAC-Test beispielsweise Länder wie Ungarn, Spanien, Portugal, Italien, die Slowakische Republik, Polen, Litauen, Lettland, Korea und Chile abgeschnitten. Die höchste Lesekompetenz haben laut Studie die Finnen, gefolgt von den Japanern und Schweden. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 160 Punkten, Österreich bei 254,4 Punkten – Finnland bei 296,5 Punkten.
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