Wie wichtig guter Schlaf ist, fällt den meisten erst auf, wenn sie nicht einschlafen können, nachts oft aufwachen oder in der Früh müde aus dem Bett steigen. Bevor man viel Geld ausgibt und sich etwa eine neue Matratze zulegt, sollte man lieber die Tipps des Schlafmediziners Dr. Michael Saletu berücksichtigen, der die „Krone“-Gesundheitsaktion „Gehen wir‘s an!“ begleitet.
Wer 80 Jahre alt wird, schläft insgesamt etwa 220.000 Stunden – vorausgesetzt, er verbringt täglich 7-8 Stunden im Bett. Das entspricht ungefähr 23-27 Jahren reiner Schlafzeit. Alleine an diesen Zahlen kann man erkennen, dass Schlaf sehr wichtig für unser Leben ist. Der Wiener Schlafmediziner und Neurologe Dr. Michael Saletu verrät Ihnen im Interview spannende Details.
„Krone“: Was passiert während des Schlafs im Körper? Warum ist er so wichtig für jeden Einzelnen von uns?
Dr. Michael Saletu: Schlaf ist die Grundvoraussetzung für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Konkret werden nachts etwa schädliche Eiweiße abgebaut, die ansonsten Alzheimer entstehen ließen. Das macht eine Art „Müllabfuhr“ im Gehirn, die unbedingt funktionieren muss. Das kann sie aber nur, wenn wir auf genug Tiefschlaf achten. Außerdem wachsen im Schlaf Muskeln, wenn man untertags trainiert. Ein Grund dafür ist die sogenannte Zellerneuerung. Auch unser Immunsystem profitiert enorm von gutem Schlaf. Dadurch erkrankt man seltener an lästigen Infekten mit Schnupfen oder Husten. Für das Langzeitgedächtnis sind Tiefschlaf und REM-Schlaf (aus dem Englischen: „rapid eye movement“, rasche Augenbewegungen; auch Traumschlaf genannt) ebenso wichtig. Während des REM-Schlafs verarbeitet das Gehirn wichtige Informationen vom Tag: Unwichtige Details werden aussortiert und neue Verbindungen geschaffen, was die Übertragung von Wissen ins Langzeitgedächtnis ermöglicht und die emotionale Verarbeitung unterstützt. Ohne ausreichenden REM-Schlaf kommt es zu Gedächtnisproblemen und schlechterer Lernfähigkeit.
Hängen Schlafbedarf und Schlafphasen auch vom Alter ab?
Ja! Neugeborene haben weniger Tiefschlaf und fallen direkt in den leichten REM-Schlaf (50% der Nacht), was ihnen ermöglicht, leicht aufzuwachen, wenn sie Hunger oder eine volle Windel haben. Diesen REM-Schlaf benötigen Babys aber vor allem für die anfangs sehr rasante motorische Entwicklung. Erwachsene brauchen rund 20% Tiefschlaf, 20% REM-Schlaf und 60% Leichtschlaf. Mit zunehmendem Alter wird also der Tiefschlafanteil geringer und der Schlaf an sich verändert sich: Das Wachsein nimmt zu, ebenso nächtliches Aufwachen. Außerdem gilt: Während Babys und Kleinkinder tagsüber noch viele Schlafepisoden haben, halten ältere Menschen eher ein Mittagsschläfchen und brauchen dann nachts weniger Ruhe. Der durchschnittliche Schlafbedarf eines Erwachsenen beträgt übrigens 7-8 Stunden. Jugendliche bräuchten zwar noch mehr Schlaf als Erwachsene, gehen aber oft mit dem Handy ins Bett und konsumieren dort soziale Medien. Vor allem deren Inhalte (dadurch kommt es zu einer emotionalen Aktivierung) und die akustische Stimulation halten Jugendliche wach. Das Blaulicht der Handys wird hingegen – meiner Meinung nach – als Einschlafbremse überbewertet. Dennoch empfehle ich Jugendlichen, den digitalen Konsum vor dem Einschlafen zu reduzieren. Das gilt aber natürlich auch für Erwachsene.
Wie viele Österreicher haben Schlafprobleme und welche Schlafstörungen kommen am meisten vor?
Jeder 4. schläft hierzulande schlecht. Als eine der häufigsten Schlafstörungen gilt Schlaflosigkeit. Aber auch Schlafapnoe (Erkrankung, bei der die Atmung während des Schlafs wiederholt kurzzeitig aussetzt), Parasomnien (wie Schlafwandeln, Albträume, nächtliches Zähneknirschen, schlafbezogene Essstörungen) und schlafbezogene Bewegungsstörungen (z. B. „restless legs“, also unruhige Beine) zählen dazu.
Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?
Grob gesagt helfen etwa verhaltenstherapeutische Maßnahmen, also zum Beispiel regelmäßig ins Bett zu gehen. Die zweite Möglichkeit wären somatische Therapien, also etwa Lichttherapie bei somatischen Störungen oder der Einsatz eines Atemtherapiegeräts (Schlafmaske). Überdies gibt es die Möglichkeit der medikamentösen Behandlung. Wichtig ist aber in jedem Fall individuelle Abklärung. Denn die Gründe, warum jemand schlecht schläft, sind sehr individuell. Asterix ist halt nicht Obelix, wie ich gerne sage.
Was sind Ihre besten persönlichen Tipps, damit man gut schläft? Und halten Sie sich auch selbst daran?
Meine besten Tipps sind die 2 „Rs“ – und ja, ich halte mich selbst daran. Das erste „R“ bedeutet Regelmäßigkeit. Damit meine ich, dass man immer zur selben Zeit zu Bett gehen und aufstehen sollte. Dann kennt sich sozusagen die innere Uhr aus. Das zweite „R“ bezieht sich auf Rituale: Damit meine ich, je mehr man persönliche Rituale vor dem Schlafengehen einhält, desto besser. Am besten hält man sich immer an die gleiche Reihenfolge, z.B. zuerst Pyjama anziehen, dann Gesicht waschen, Zähne putzen, auf die Toilette gehen usw. Durch diese Außensignale weiß der Körper: „Der Tag ist vorbei. Jetzt schläfst Du gleich.“
Warum wollten Sie eigentlich Schlafmediziner werden?
Bereits als Student gefiel mir, dass die Schlafmedizin noch eine sehr junge Disziplin ist. Sie hat sich erst ab etwa 1994 etabliert. Davor wurde der Schlaf von Wissenschaftern fälschlicherweise als nicht wichtig bzw. nicht erforschenswert empfunden. Mittlerweile weiß man, welch hohen Stellenwert Schlaf für das Leben jedes Einzelnen hat. Außerdem gefiel mir, dass das Fach interdisziplinär ist und Neurologen, HNO-Chirurgen, Kinderärzte, Psychologen und viele mehr zusammenarbeiten. Darüber hinaus verbringen wir – wie Sie bereits angemerkt haben – sehr viel Zeit mit dem Schlafen! Auch heute noch bereitet mir mein Beruf viel Freude. Es ist schön, Menschen mit ihren Schlafproblemen helfen zu können.
Liebe Leserin, lieber Leser,
die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.