Das Wiener Projekt „Stadtgartl“ – die Verwandlung von Brachflächen in Kleingärten auf Zeit – wird nun von 31 Familien in Floridsdorf mit grünem Leben erfüllt. Der enorme Andrang auf die Parzellen lässt die Stadt darüber nachdenken, welche Flächen sie für eine Ausweitung der Idee noch nutzen könnte.
Bis vor Kurzem war die Julius-Ficker-Straße 36 in Floridsdorf nicht einmal eine offizielle Adresse im Wiener Stadtplan. Jetzt ist aus der vormaligen Brachfläche im Eigentum der Stadt ein kleines Freizeitparadies geworden: mit zentraler Kochgelegenheit und Sanitäranlagen, Spielplatz, Wäldchen gleich daneben und 31 Gärten mit Pergola, jeweils rund 90 Quadratmeter groß. Jetzt wurden die Parzellen an die glücklichen Nutzer übergeben.
10.000 Interessenten für 49 Parzellen
Für das Stück eigenes Grün auf Zeit – die Nutzungsdauer ist mit 3,5 Jahren beschränkt, um 430 Euro pro Jahr – konnten sich Familien mit Kindern bewerben, während eine zweite, nun ebenfalls fertiggestellte Anlage am Donaustädter Biberhaufenweg auch Singles und Paaren offenstand. Bei beiden Angeboten war der Andrang gewaltig: Zwischen Ende März und Ende April hatten fast 10.000 Menschen Interesse an den insgesamt 49 Parzellen in den beiden Anlagen angemeldet, die Vergabe erfolgte durch Verlosung unter notarieller Aufsicht.
Zum ersten Mal mit den Händen in Erde graben
Am Eröffnungstag sind nur glückliche – und noch ein wenig ratlose – Gesichter zu sehen. Betreuer müssen viele Fragen beantworten und zwei immer und immer wieder bejahen: Darf man grillen? Darf man Planschbecken für die Kinder aufstellen? Die meisten können ihr Glück noch gar nicht fassen: Racquel etwa meint, nun brauche sie dringend ihre Schwiegereltern für Gartentipps. Wie die meisten anderen hier hatte sie bisher nur eine kleine Wohnung ohne Möglichkeit, dort ein wenig Natur hinzubringen.



Auch Najwa und Yassin wollen hier unbedingt ihr eigenes Obst und Gemüse ziehen, freuen sich aber vor allem, dass ihr Baby so Bezug zu Natur haben wird. Dass ihre Zeit hier begrenzt ist, akzeptieren sie: „Kein Kind soll aufwachsen, ohne zu wissen, wie es ist, mit den Händen in der Erde zu graben. Nach unserem soll das ein anderes erleben. Wir sind einfach nur sehr dankbar. Man darf nicht nur an sich, sondern muss auch an andere denken.“
Projekt mit offenem Ausgang
Auch für das Rathaus ist die neue Form der temporären Nutzung von Grundstücken Neuland. Deshalb wird mit wissenschaftlicher Begleitung evaluiert, wie die Gartengemeinschaft funktionieren wird, was fehlt, oder was es gar nicht gebraucht hätte. In etwa einem Jahr will die Stadt ihre Schlüsse daraus ziehen und dann überlegen, ob und welche Zukunft das Modell hat. Vizebürgermeisterin Baustadträtin Kathrin Gaál sieht aber allein schon in der enormen Zahl an Interessenten einen Auftrag, die Idee weiterzuentwickeln.
Die beiden Stadtgartln sind ein Pilotprojekt. Wir werden evaluieren, ob sie funktionieren. Ich bin aber ziemlich sicher, dass sie nicht die letzten bleiben werden.

Vizebürgermeisterin Kathrin Gaál
Bild: Imre Antal
Das Stadtgartl-Projekt hat aber auch für die Stadt Nutzen. So kann sie sich künftige Nutzungsmöglichkeiten für Grundstücke offenhalten, ohne sie brachliegen lassen zu müssen, und nicht zuletzt die nachhaltige und klimafreundliche Nutzung von städtischen Flächen kontrollieren: Die Aufbauten und Bauwerke in den Stadtgartln wurden mit ökologisch verträglichen Baustoffen errichtet, die Wege nur mit Recycling-Materialien.
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