Viele leiden heimlich

Tabuthema Stuhlinkontinenz

Jene, die nicht darüber reden, erhalten keine Therapie und büßen Lebensqualität ein. Daher ist es sehr wichtig, sich einem Arzt anzuvertrauen. Denn mitunter helfen bereits einfache Maßnahmen.

Wer an Stuhlinkontinenz leidet, kann Stuhl oder Darmgase nicht (gut) zurückhalten. Davon sind hierzulande etwa acht Prozent aller Erwachsenen betroffen. Die Dunkelziffer dürfte höher sein, genaue Daten gibt es dazu aber leider nicht. Die Ursachen für diese Form der Inkontinenz reichen von Defekten im Bereich der (Beckenboden-)Muskulatur, etwa nach Operationen oder Entbindungen, über neurologische/ internistische Erkrankungen (wie Polyneuropathie bei Diabetes mellitus) bis hin zu Bestrahlungen im kleinen Becken (Therapie bei Krebs). Oft ist es sogar eine Kombination mehrerer Faktoren. Auch das Alter spielt eine Rolle.

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Ich schätze, dass sich nur zehn Prozent der Betroffenen behandeln lassen.

OÄ Dr. Michaela Lechner, Fachärztin für Chirurgie mit Schwerpunkt Koloproktologie

„Ich schätze, dass sich nur zehn Prozent der Betroffenen behandeln lassen“, erklärt OÄ Dr. Michaela Lechner, Fachärztin für Chirurgie mit Schwerpunkt Koloproktologie aus Wien. Je nachdem, wie sich beim Einzelnen die Erkrankung bemerkbar macht und die Lebenssituation ist, stellt sich auch der Leidensdruck unterschiedlich stark dar.

Viele brechen aus Scham Kontakte ab
Für jene, die gröbere und sehr häufige Beschwerden haben, gilt folgendes Zitat, wie Dr. Lechner betont: „Inkontinenz ist nicht tödlich, aber sie nimmt dir das Leben.“ Denn sie führt in vielen Fällen zu sozialer Isolation, weil die Betroffenen sich scheuen, das Haus zu verlassen und dafür soziale und sogar familiäre Kontakte abbrechen - ganz zu schweigen von der hohen psychischen Belastung im Berufsalltag. „Auch die Partnerschaft und sexuelle Kontakte leiden unter dieser Diagnose“, ergänzt die Expertin, die appelliert, sich nicht die Lebensqualität nehmen zu lassen. Denn es gibt gute Therapien! Zunächst setzt der Arzt auf nicht-operative, konservative Behandlung. Vielen Patienten hilft etwa Physiotherapie mit Beckenbodentraining. Aber auch die „Stuhlregulation“ (wie man z. B. seine Ausscheidung eindicken kann) spielt eine Rolle - darüber geben Kontinenzberater Auskunft. Diese Fachleute beraten ebenso, welche Hilfsmittel wie Einlagen im Einzelfall geeignet sind (Infos dazu auch am Beratungstelefon der MKÖ, siehe Kasten) und wie man Hautveränderungen in diesem sensiblen Bereich vorbeugt.

Zumeist ist keine Operation notwendig
Ein Eingriff ist nur selten nötig. „Man kann so z. B. einen kaputten Muskel reparieren. Die Muskulatur lässt sich aber auch mit einem speziellen Implantat gleichsam aufpolstern, dadurch verengt sich der Schließmuskel wieder. Die Nervenversorgung im Beckenboden verbessern wir etwa mit Elektroden, die an die Beckenbodennerven gelegt und mit Strom stimuliert werden“, so die Chirurgin.

Hilfe für Betroffene

Auf der Homepage der Medizinische Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ) findet man einen Überblick über Behandlungsmöglichkeiten und Servicematerialien sowie Information über Hygiene- und Hilfsmittel, Adressen von Beratungsstellen in ganz Österreich, ärztlichen Zentren, Physiotherapeuten, etc. Über die Telefonnummer des Beratungstelefons der MKÖ (0810/100 455) können Beratungstermine mit Experten der Gesellschaft vereinbart und kostenlose Infomaterialien bestellt werden.

Monika Kotasek-Rissel
Monika Kotasek-Rissel
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Sonntag, 24. Oktober 2021
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