Was war da in München?

IAA 2021: Eine Geschichte voller Missverständnisse

Motor
15.09.2021 10:13

Von vielen Medien im Vorfeld totgeschrieben, nun von den Machern als durchschlagender Erfolg gefeiert: Die IAA Mobility, also die neue Generation der Internationalen Automobil-Ausstellung, hat eine Art Achtungserfolg eingefahren. Trotz eklatantem Mangel an großen Autoherstellern war das, was herausgekommen ist, besser als erwartet.

(Bild: kmm)

Rund 400.000 Besucher wurden gezählt, vor zwei Jahren in Frankfurt waren es noch 560.000. Schon da waren die Zeiten mit Millionenpublikum längst vorbei und auch die Zahl der Absagen seitens der Hersteller hatte bereits überhandgenommen. Insofern ist die Besucherzahl angesichts der Pandemie sowie einer ins Autofeindliche abdriftende Grundstimmung durchaus beachtlich.

Alles neu, alles supi
Was neu war abgesehen vom Standort München statt Frankfurt? Die Ausstellungsflächen verteilten sich auf zwei bzw. viele Standorte, nämlich die Hallen am Messegelände einerseits und mehrere „Open Spaces“ in der Innenstadt andererseits, wo beinahe so etwas wie Volksfeststimmung aufkam (den Münchnern fehlt das Oktoberfest). Außerdem gab es diesmal mehr E-Bike- als Autohersteller, die Möglichkeit zu Probefahrten auf der eigens eingerichteten „Blue Lane“ und bei den Exponaten musste man Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor beinahe mit der Lupe suchen. Eines der wichtigsten war der Dacia Jogger, ein supergünstiger Siebensitzer für Familien mit kleinem Budget, und der wurde nicht einmal in einer Messehalle gezeigt, sondern im Open Space am Königsplatz. Wie auch der neue Kia Sportage, der ums Eck am Odeonsplatz stand. Es musste schon Elektro- oder zumindest Hybridantrieb sein, damit man sich unter die Augen des Publikums wagen konnte.

Volkswagen zeigte am Vorabend der Messe bei der traditionellen Group Night kein einziges neues Auto, sondern widmete sich ganz dem Thema autonomes Fahren (okay, ein VW ID.Buzz-Prototyp mit Autonom-Technik war dann doch vor Ort). Und auf der Messe ging es dann elektrisch bzw. mit dem VW T7 immerhin hybridisch zu.

Blockaden von Gewohnheitsprotestierern
Trotzdem gab es zahlreiche Proteste von Klimaschutzaktivisten, vom Kaltbad im Messesee bis zur Autobahnblockade. Den 14 Greenpeace-Leuten im See ging es sicher ums Klima, bei den übrigen darf man das getrost in Zweifel ziehen. Angesichts der radikalen Trendwende der IAA Richtung möglichst vernünftiger Mobilität wirkten viele Aktionen wie die Freizeitbeschäftigung von Gewohnheitsprotestierern, die nichts Besseres zu tun haben, sich aber auch nicht mit Inhalten befassen wollen.

Man muss den diversen Protestgruppen zugutehalten, dass die von vielen Beobachtern befürchteten Krawallaktionen nicht stattfanden, wie etwa Farbbeutelattacken auf die Autos in den Open Spaces der Innenstadt, die von einer genügend großen Menge an Krawallschlägern leicht erreichbar gewesen wären. Ja, es war viel Polizei vor Ort, und auch Ordner, und sie wären wohl kaum davongekommen, aber so gesehen blieb es friedlicher als befürchtet, trotz einer Blockade des „Mercedes-Stadions“ (das Ausstellungsgelände vor der Feldherrnhalle muss man beinahe als solches bezeichnen).

Das große Kopfschütteln
Wobei man dazusagen muss, dass das Hochjubeln der Elektromobilität auch als Überreaktion auf den Dieselskandal gesehen werden kann. Deutschland geht voraus mit der Abkehr vom Verbrenner, Europa folgt und die Welt sowie das Klima werden es erst einmal nicht mitbekommen. Einerseits weil es ideale Umstände braucht, damit E-Mobile tatsächlich einen eklatanten Vorteil gegenüber Verbrennern haben (und den auch erst nach Jahren), andererseits weil ein großer Teil vom Rest der Welt ohne Verbrenner nicht auskommt. Abgesehen davon, dass in Asien gerade zig neue Kohlekraftwerke gebaut werden, um die ach so klimafreundlichen Elektroautos anzutreiben. Sogar in Teilen Europas kann man über den Zug hin zum Elektrischen höchstens den Kopf schütteln. Griechenland, Albanien, Bulgarien, Rumänien und andere sollen ihre Verbrenner aufgeben? Mhm, ja genau.

Auch wir hier schütteln den Kopf, allerdings ob der Tatsache, dass die Industrienation Deutschland nicht längst zum Technologieführer bei klimaneutralen E-Fuels avanciert ist, statt die Batterie hochzuhalten wie die Sandale in der Bibelpersiflage „Das Leben des Brian“. Immerhin fanden sich auf der IAA auch Themen wie Wasserstoffantrieb (u.a. mit dem BMW iX5 Hydrogen), eFuels oder - was einen starken Impact in Sachen Klimaschutz hat - Recycling (BMW i Vision Circular). Das Meiste drehte sich aber um den Elektroantrieb, der als Werkzeug zur Rettung der Welt halt leider zu kurz greift.

Ach ja, die Kohlekraftchinesen drücken auch elektrisch das Fahrpedal auf der Überholspur, einige Exponate auf der IAA haben das Zeug, den deutschen Herstellern unruhige Nächte zu bereiten.

Böses, böses Auto, guter, guter Strom
Wie peinlich den Veranstaltern das Auto an sich ist, zeigte auch die Werbekampagne für die IAA, in der (bis auf ein im Hintergrund zufällig vorbeifahrendes) kein Auto vorkommt, sondern nur eine pseudolustige Geschichte mit absehbarer Pointe erzählt wird.

Fahrradhersteller wurden mit Dumpingpreisen für Messestandflächen dazu gebracht, auf der IAA statt auf der echten Fahrradmesse auszustellen. Als wären E-Bikes klimafreundlicher als klassische Fahrräder.

Dann doch ein bisschen Benzindunst auf der IAA
Zu den wenigen Herstellern, denen man das Hochhalten der Benzinbruder-Fahne vorhalten könnte, zählte Mercedes. Die Stuttgarter präsentierten mit dem Mercedes-AMG GT 63 S E Performance das stärkste Serienfahrzeug der AMG-Geschichte vor, mit einer Systemleistung von 843 PS und einem maximalen Drehmoment von 1470 Nm. Ein Größer-Schneller-Weiter wie in den „guten alten Zeiten“. Dass es sich bei dem Boliden um einen Plug-in-Hybrid handelt, kann man locker vernachlässigen - angesichts einer rein elektrischen Reichweite von feigenblattlichen zwölf Kilometern. Makulatur angesichts eines Standardsprintwertes von 2,9 Sekunden und 316 km/h Höchstgeschwindigkeit.

Daneben buhlten aber die Vollstromer EQS und EQE um Aufmerksamkeit, sogar eine elektrische G-Klasse als Ausblick auf die Zukunft.

Und noch ein bisschen mehr Benzindunst
Eine ganze Messehalle war Oldtimer-Pretiosen der Motorworld gewidmet. Ein Leierkastenmann drehte dazu an der Kurbel und leierte eine Art Abgesang auf die Verbrenner.Eine schaurige Szene,

Fahrzeuge zum Anfassen
Insgesamt stellten 744 Aussteller ihre Produkte aus, 260.000 Quadratmeter Veranstaltungsfläche wurden insgesamt belegt, davon 195.000 m² auf dem Messegelände und 65.000 m² in der Münchner Innenstadt. Auf der sogenannten Blue Lane wurden insgesamt 255 Fahrzeuge eingesetzt, die für rund 7000 Testfahrten gebucht wurden. Auch Fahrräder und E-Scooter konnte man ausprobieren. So viel Erlebnis gab es bisher nicht auf Automessen.

„Fahrzit“
Es brauchte eine Zäsur bei der IAA. Der Vertrag für die alte Form in Frankfurt war ausgelaufen, die Autostimmung ist schlecht wie nie, da musste man alte Zöpfe abschneiden und das Beste daraus machen. Angesichts der Umstände, der leider nicht durchwegs vernünftig geführten Diskussion bzw. der nicht durchwegs vernünftigen gesetzlichen Vorgaben hat man wohl ein Maximum herausgeholt. Wer eine reine Automesse erleben will, hat im Februar in Genf wohl eine Gelegenheit. Die nächste IAA Mobility ist von 5. bis 10. September 2023 in München geplant. Vielleicht werden dann wieder mehr Hersteller dabei sein, da man jetzt abschätzen kann, was von dem neuen Messeformat zu erwarten ist. Es sei denn, man dehnt die Messe dann bis zum Starnberger See aus, wo die Besucher mit E-Bikes hinradeln sollen. Die Autos quasi ins Wohnzimmer der Menschen zu stellen, hat sich jedenfalls bewährt. Auch dank Petrus' tatkräftiger Mithilfe.

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(Bild: kmm)



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