Die Debatte um eine Verlängerung des Wehrdienstes ist mit dem Bericht der zuständigen Kommission eröffnet – und sie spaltet von Beginn an. Die Expertenkommission legt angesichts der verschärften sicherheitspolitischen Lage in Europa eine klare Empfehlung für eine Verlängerung des Grundwehrdienstes ab, doch es gibt auch Gegenargumente.
Die Kommission wurde am 2. Juli 2025 von Verteidigungsministerin Klaudia Tanner eingesetzt und bestand aus 23 unabhängigen Experten. Ziel war es, drei realistische Modelle für eine Reform des Wehrdienstes zu entwickeln, mit denen die personelle Befüllung der Miliz, die Qualität der Ausbildung und die Reaktionsfähigkeit des Bundesheeres deutlich verbessert werden können. „Heute gibt es keine Vorwarnzeit mehr. Wir müssen in der Lage sein, binnen Tagen zu mobilisieren“, betonte der Vorsitzende der Kommission, Erwin Hameseder, bei der Präsentation.
Kritik am Status quo
Österreich hat im europäischen Vergleich über den kürzesten Präsenzdienst und keine verpflichtenden Milizübungen. Damit, so die Kommission, seien die verfassungsmäßigen Aufgaben des Bundesheeres und die im Landesverteidigungsbericht genannte Sollstärke von 55.000 bis 65.000 Soldaten nicht erreichbar. Die derzeitige sechsmonatige Grundausbildung reiche aus Sicht der Experten nicht aus, um neben der individuellen Ausbildung auch die für die Einsatzbereitschaft essenzielle Truppen- und Verbandsausbildung durchzuführen.
Kommission empfiehlt Modell 8 plus 2
Die Kommission hat fünf Reform-Modelle erarbeitet, zwei davon könnten schon kommendes Jahr umgesetzt werden. Die von der Kommission präferierte Variante „Österreich plus“ sieht acht Monate Grundwehrdienst plus 60 Tage Milizübungen vor und verursacht Kosten von 250 bis 300 Millionen Euro. Das „Stufenmodell“ besteht aus sechs Monaten Grundwehrdienst plus 60 Tage Truppenausbildung und weitere 40 Tage Milizübungen. Die Mehrkosten sind doppelt so hoch wie beim ersten Modell. Zwei Modelle nach skandinavischem Vorbild mit der Einbindung von Frauen sind als Denkanstöße für die nahe Zukunft gedacht.
Die politischen Reaktionen sind unterschiedlich
Während Verteidigungsministerin Tanner (siehe Video unten) die Einführung verpflichtender Milizübungen will, zeigen sich SPÖ und NEOS noch abwartend. Die Roten lehnen aber Überlegungen, auch Frauen in die Wehrpflicht einzubeziehen, dezidiert ab. Die FPÖ hat sich schon seit längerem für eine Verlängerung ausgesprochen. Auch die Grünen sind nicht gänzlich abgeneigt, sie verlangen aber Attraktivierungsmaßnahmen. „Drei Monate länger Kartoffelschälen wird es mit uns nicht geben“, sagt Parteichefin Leonore Gewessler. Eine klare Ablehnung kommt von der Sozialistischen Jugend. Die Verlängerung von Wehr- und Zivildienstes würde die finanzielle Not junger Menschen verschärfen.
Die dritte erarbeitete Variante ist an das „Schweizer Modell“ angelehnt und sieht einen viermonatigen Grundwehrdienst vor. Danach erfolgen verpflichtend 140 Tage Milizübungen. Dieses Modell wird aber selbst von der Kommission nicht favorisiert, da es nur mit einer Systemänderung einhergehen könnte und erst nach dem Aufbauplan 2032+ in Angriff genommen werden könnte. Für die Konzeption habe man sich andere europäische Systeme angesehen, erklärte der stellvertretende Vorsitzende Walter Feichtinger. Darunter auch Modelle aus dem skandinavischen Raum, die den Präsenzdienst für Frauen geöffnet haben. Generell sei festzustellen, dass die mannigfaltigen Krisen zu einer „Revitalisierung der Wehrpflicht“ geführt haben.
Unsere Empfehlungen sind ein Blumenstrauß für die Politik. Ein Nichthandeln auf der politischen Ebene ist keine Option.

Kommissionsvorsitzender Erwin Hameseder
Bild: APA/HELMUT FOHRINGER
Verlängerung und stärkere Fokussierung
Ein wesentlicher Bestandteil der Reformüberlegungen betrifft auch den Zivildienst. Die Kommission machte klar, dass Wehr- und Zivildienst kommunizierende Systeme seien: Eine Verlängerung des Wehrdienstes müsse zwangsläufig auch eine Verlängerung des Zivildienstes nach sich ziehen. Ziel sei es jedoch nicht nur, die Dauer zu erhöhen, sondern den Zivildienst insgesamt aufzuwerten, besser auszubilden und krisenfester zu machen. Vorgeschlagen werden unter anderem zusätzliche Qualifikationen, etwa im Rettungs- oder Katastrophenschutz.
Die Empfehlungen sollen nun in den politischen Diskurs eingebracht werden. Ob und in welcher Form sie umgesetzt werden, liegt letztlich bei Regierung und Nationalrat.
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