02.05.2021 05:00 |

Adipositas

2 Brüder - 1 gewichtiges Problem

Jahrelang kämpften die beiden Linzer gegen ihre Kilos und den berühmt-berüchtigten Jojo-Effekt. Nach einem chirurgischen Eingriff sind sie nun am richtigen Weg - das zeigen erste beeindruckende Erfolge. 

„Unsere Oma hat immer gern deftig gekocht und auch Kuchen gebacken“, erinnert sich Matthias S. an seine Kindheit mit zwei Geschwistern auf einem Bauernhof in Oberösterreich. Noch dazu war er mit einem leichten Herzfehler auf die Welt gekommen und hörte von seinen besorgten Eltern immer, dass er sich deshalb nicht überanstrengen und zu viel bewegen solle. „Dadurch war ich bereits in der Volksschule ganz schön dick“, erzählt er offen. „Im Laufe der Jahre habe ich dann alle möglichen Diäten ausprobiert. Wenn ich aber beispielsweise 5 kg abgenommen habe, hatte ich nach kurzer Zeit plötzlich 7 kg mehr auf den Rippen“, beschreibt der heute 25-Jährige die Folgen des berühmt-berüchtigten Jojo-Effekts. Auf diese Weise „schaukelte“ sich sein Gewicht immer weiter nach oben. Durch seine letzte Radikaldiät im Jahr 2016 hatte er sich noch dazu Gicht eingehandelt! Ab dem Augenblick war er auf der Suche nach einer langfristigen Lösung seines „gewichtigen“ Problems.

Pizzaessen am Schulweg als Figursünde“

Sein um 11 Monate jüngerer Bruder Dominik S. machte ähnliche Erfahrungen. „Ich habe vor allem mit Beginn des Gymnasiums begonnen, stark zuzunehmen“, erzählt er. „Mein Schulweg nach Linz dauerte damals fast zwei Stunden. Auf der Rückfahrt habe ich mir des Öfteren eine Pizza gekauft, mittags noch dazu bei einer Fast-Food-Kette gegessen. Außerdem war Sport eher ein Fremdwort für mich, meine Eltern trennten sich zu dieser Zeit, und wir übersiedelten. Sicher alles Gründe, warum meine Waage immer mehr angezeigt hat.“ Viele Diäten machte er auch gemeinsam mit Matthias. „Wobei mein Bruder immer viel mehr abgenommen hat als ich“, gibt der 24-Jährige lachend zu. Im Jahr 2020 beschlossen sie wieder „gemeinsame Sache“ zu machen und im Kampf gegen ihr krankhaftes Übergewicht einen chirurgischen Eingriff („Adipositas-Chirurgie“) im Klinikum Rohrbach (OÖ) durchführen zu lassen. Beide liebäugelten mit einem sogenannten Schlauchmagen.

„Dafür verkleinern wir den Magen um etwa die Hälfte und entfernen auch jenen Teil, der das sogenannte Hungerhormon Ghrelin produziert. Die erste Maßnahme bewirkt, dass beim Essen die Magenwände früher gedehnt werden und sich schneller Sattheit einstellt. Die zweite reduziert den Appetit“, erklärt Prim. Doz. Dr. Gernot Köhler, Leiter der Abteilung für Chirurgie am Klinikum Rohrbach, der beide operiert hat. Bevor es überhaupt zu einem Eingriff kommen konnte, mussten die Linzer wie alle Patienten Gespräche, psychologische und diätologische Begutachtungen sowie diverse Untersuchungen (Ultraschall der Bauchorgane, Magenspiegelung) hinter sich bringen, mit denen festgestellt wird, ob eine solche „Adipositas-Operation“ überhaupt möglich ist bzw. die Krankenkasse die Kosten übernimmt.

Nur stark Adipöse werden operiert
„Die wichtigste Voraussetzung ist aber, dass der Betroffene als krankhaft adipös gilt, das heißt sein Body-Mass-Index über 40 beträgt. Außerdem müssen zahlreiche, frustrane Abnehmversuche hinter ihm liegen“, stellt Prim. Köhler klar. „Nur 1 von 100 mit einem so hohen BMI schafft es nämlich, ohne OP dauerhaft abzunehmen“, ergänzt er. „Die Betroffenen befinden sich in einem Teufelskreis: Aufgrund des Gewichts können sie kaum Sport machen und essen daher noch mehr. Sie fühlen sich oft sozial isoliert und verlieren ihr Selbstwertgefühl. Nach der Adipositas-OP beginnt für sie ein besseres Leben.“ Schließlich stand fest, dass beide Brüder operiert werden dürfen. Allerdings auf unterschiedliche Art und Weise: „Da bei meiner Magenspiegelung festgestellt wurde, dass ich an einer Speiseröhrenentzündung leide, bekam ich einen Magenbypass. Ein Schlauchmagen wie bei Matthias wäre bei mir nicht möglich gewesen, weil der chronische Reflux (Anmerkung: Rückfluss von Magensäure in die Speiseröhre) und die Entzündung dadurch verstärkt worden wären“, erzählt Dominik, der am 19. 10. 2020 „unter das Messer kam“, sein Bruder nur einen Tag später. Was zeichnet einen Magenbypass aus? „Dabei wird der Magen verkleinert und mit dem Dünndarm verbunden, was eine Verringerung der Nährstoffaufnahme zur Folge hat.“ Nach solchen Eingriffen sinkt übrigens nicht nur das Übergewicht, sondern auch das Risiko für Schlaganfall, Herzinfarkt und Gelenkabnützungen (v. a. der Knie und Hüfte). Auch der Stoffwechsel funktioniert wieder besser.

Beide haben jetzt mehr Lust auf Bewegung
Heute essen die Linzer weniger und gesünder. Empfohlen werden 5-6 kleine Mahlzeiten pro Tag, die man gut und langsam kauen sollte. Ihre Lust, Sport zu treiben, ist wieder gestiegen. „Aktive Muskelkräftigung gilt als besonders wichtig, weil durch das Abnehmen auch Muskulatur verloren geht“, ergänzt Prim. Köhler. Die Zufuhr von Nahrungsergänzungsmitteln (Vitamine, Spurenelemente etc.) gehört nun ebenso zu ihrem Alltag wie regelmäßige Kontrollen im Spital. Mittlerweile haben beide je 32 kg abgenommen. Wie hoch ist ihr Zielgewicht? „Ich möchte auf 75-80 kg abspecken“, verrät Matthias. „Mir reichen 90-95 kg, ich bin ja schließlich acht Zentimeter größer als er", ergänzt Dominik lachend.

Monika Kotasek-Rissel
Monika Kotasek-Rissel
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