28.11.2020 06:00 |

Historische Angelobung

Ngosso: „Ich bin hier, um Geschichte zu schreiben“

Am Dienstag wurde ein kleines Stück Geschichte geschrieben im Wiener Gemeinderat. Denn mit Mireille Ngosso ist erstmals eine schwarze Frau als Mandatarin im Stadtparlament angelobt worden. Die SPÖ-Politikerin kann es noch immer nicht ganz fassen, welch großes Vertrauen ihr die Wähler ausgesprochen haben, von denen die 40-Jährige bei der Wien-Wahl im Oktober insgesamt 3789 Vorzugsstimmen erhielt. Welche politischen Schwerpunkte die Ärztin und Mutter eines kleinen Sohnes in ihrem neuen Amt setzen möchte und was sich die Wiener Bevölkerung von der rot-pinken Stadtregierung erwarten kann, darüber sprach die Abgeordnete mit krone.at.

krone.at: Frau Ngosso, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie erfuhren, dass Sie den Einzug in den Gemeinderat geschafft haben?
Mireille Ngosso: Ich habe mich natürlich extrem gefreut und geehrt gefühlt. Es ist nämlich ein großer Unterschied, ob man einfach eine Partei wählt, oder einen bestimmten Namen auf den Wahlzettel schreibt. Ich danke für dieses große Vertrauen. Ich werde für diese Menschen Politik machen. Ich bin hier, um Geschichte zu schreiben.

Welche politischen Schwerpunkte werden Sie in den kommenden Jahren setzen?
Ich werde meine Erfahrungen und mein Wissen als Allgemeinmedizinerin im Gesundheitsausschuss einbringen, wo ich aller Voraussicht nach Mitglied sein werde. Außerdem werde ich Ersatzmitglied im Bildungs- und Integrationsausschuss. Dort werde ich den NEOS, die dieses Ressort übernommen haben, genau auf die Finger schauen. Im Gesundheitsbereich werde ich mich auf jeden Fall für eine Attraktivierung des Arztberufs, für mehr Personal in den Spitälern und im niedergelassenen Bereich starkmachen und auch Frauengesundheit in den Fokus nehmen. Mehr geschultes Personal muss es auch an den sogenannten Brennpunktschulen geben.

Brennpunktschulen und missglückte Integration sind seit Jahren ein großes Thema.
Ich finde, Integration ist oft das falsche Wort, denn das reicht nicht. Oft haben Menschen mit Migrationshintergrund in der zweiten und dritten Generation noch immer Probleme. Wir sollten uns die Frage stellen: Wie und wo haben wir unsere Kinder verloren? Denn es sind unsere Kinder. Auch der Attentäter von Wien ist hier aufgewachsen. Es handelt sich also nicht um eine Gefahr von außen, sondern von innen. Über Bildung, über Deradikalisierungsprogramme und eine intensivere Betreuung sollte man versuchen, diese Menschen zurückzugewinnen.

Die SPÖ-NEOS-Koalition ist einzigartig in der bisherigen Geschichte Österreichs. Wird diese Stadtregierung weiter Geschichte schreiben?
Ich muss zugeben, dass ich anfangs auch ein wenig skeptisch war. Doch das Koalitionsübereinkommen ist sehr sozialdemokratisch. Das wird eine erfolgreiche Koalition. Wir sind gut aufgestellt. Gerade im Klimaschutz- und im Bildungsbereich wird es Fortschritte geben. Vieles aus der erfolgreichen Zusammenarbeit mit den Grünen wird auch eine Fortsetzung finden.

Was hat Sie dazu bewegt, selbst in die Politik zu gehen?
Mir wurde die Politik quasi in die Wiege gelegt. Mein Vater war schon in der Demokratischen Republik Kongo politisch aktiv und hat Widerstand gegen den damaligen Diktator Mobutu geleistet (Ngosso ist mit ihrer Familie im Alter von drei Jahren aus dem Kongo geflohen. Ein Jahr später bekamen sie Asyl in Österreich, Anm. d. Red.). In Österreich ist mein Vater relativ bald bei der SPÖ aktiv geworden und schon früh bin ich auf diverse Hausbesuche und Aktionen mitgegangen. Und im Alltäglichen habe ich mich auch immer schon gegen Ungerechtigkeiten aller Art aufgelehnt und den Mund aufgemacht. Mit der ersten schwarz-blauen Regierung und all den sozialen Verschlechterungen, die damit einhergingen, wollte ich mich selbst politisch einbringen und hab lange überlegt, bis ich schließlich in der Jungen Generation vom Ersten Bezirk gelandet bin.

Sie traten in der Vergangenheit auch als Aktivistin gegen Rassismus und Fremdenhass auf, organisierten unter anderem auch eine „Black Lives Matter“-Demonstration in Wien. Werden Sie jetzt weniger Zeit für diese Dinge haben?
Ich sehe mich als Schnittstelle zwischen Aktivismus und der Politik. Ich werde nun versuchen, viele Forderungen voranzutreiben und umzusetzen. Fremdenhass und Rassismus ist in Wien und in Österreich leider nach wie vor für viele Betroffene Alltag. Es betrifft aber nicht nur Menschen mit anderer Hautfarbe. Seit dem Anschlag in Wien hat die Zahl der Angriffe und Anfeindungen gegenüber Muslimen wieder zugenommen.

Solche Anfeindungen und Hass im Netz kennen Sie auch nur allzu gut, mussten Sie sich ja in der Vergangenheit doch immer wieder auch persönlich mit diesen Dingen beschäftigen. Wie wehren Sie sich und welchen Rat geben Sie anderen Menschen, die vielleicht nicht so eine starke Persönlichkeit haben?
Also ich nehme diese Angriffe, die man in sozialen Medien lesen kann, nicht persönlich. Das würde ich auch allen Betroffenen raten. Die Menschen, die solche Hasspostings absetzen, kennen einen ja gar nicht. Es lohnt sich auch nicht, mit ihnen eine Diskussion anzufangen. Eines ist aber wichtig: Ganz gleich, wo und in welcher Form man Rassismus und Fremdenfeindlichkeit wahrnimmt, sollte man das bei der Polizei anzeigen und auch Meldestellen wie ZARA informieren. Das tun leider nach wie vor sehr wenige Menschen.

Als Spitalsärztin kämpfen Sie in der Corona-Pandemie ebenfalls an vorderster Front. Wie schätzen Sie die derzeitige Lage ein? Ist mit dem aktuellen Lockdown, den im Anschluss geplanten Massentests und der im kommenden Jahr voll anlaufenden Impfung der Höhepunkt der Krise überschritten?
Derzeit halten wir bei über 5000 Neuinfektionen pro Tag. Wir waren aber auch schon bei 9000. Aber natürlich muss noch vieles passieren. Wir waren auch leider nicht entsprechend auf die zweite Welle vorbereitet. Im Sommer hätte man genügend Zeit gehabt, mehr Personal einzustellen, zu schulen und auch für die nötige Infrastruktur zu sorgen. Bei uns im Krankenhaus Hietzing musste man beinahe von einem Tag auf den anderen eine Covid-Station einrichten.

Was würden Sie als Ärztin einem Corona-Skeptiker sagen, der keine Bedrohung erkennen kann und von einer Inszenierung spricht?
Eine Infektion mit dem Coronavirus verursacht in rund 80 Prozent der Fälle nur milde oder gar keine Symptome. Aber für 20 Prozent der Infizierten können schwere Komplikationen bis hin zu Multiorganversagen und Tod die Folgen sein. Ich würde mir wünschen, dass all diese Skeptiker einmal eine Intensivstation mit Corona-Patienten besuchen. Dann könnten sie sehen, wie es ist, wenn man keine Luft bekommt und ums Leben kämpft.

Ist die Angst vieler Menschen vor den neuartigen Impfstoffen, die weltweit außergewöhnlich rasch zugelassen werden, berechtigt?
Natürlich gibt es wie bei jeder Impfung ein gewisses Restrisiko. Aber ohne Impfungen hätte man viele Krankheiten wie Masern oder Kinderlähmung nicht besiegen können. Man muss den Leuten die Angst vor diesem neuen Impfstoff nehmen. Die Wirkstoffe werden sehr genau getestet. Ich denke auch, dass es schwierig sein wird, in Zukunft Veranstaltungen durchzuführen, wenn ein großer Teil der Bevölkerung nicht geimpft ist. Wie kontrolliert man, wer geimpft ist und wer nicht? Dürfen nur die teilnehmen, die geimpft sind?

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