Die verwöhnte reiche Tochter aus gutem Hause über die Schwelle der eigenen Garçonnière zu tragen kann funktionieren, muss aber nicht. Mit dem Tretboot über den Ärmelkanal, mit Minimalgepäck auf den K2 – möglich, aber nicht für jeden.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die BMW S 1000 RR ist auch für Anfänger relativ problemlos zu fahren (einen stabilen Charakter vorausgesetzt), besser als manch anderer Supersportler. Denn auf Wunsch hilft die Elektronik, die unglaubliche Leistung zu beherrschen und den Ritt auf dem bayerischen Wahnsinn zu überleben. Traktionskontrolle, Race-ABS, sogar ein leistungsdämpfender Rainmodus stehen zur Verfügung. Zudem ist die Leistungsabgabe im unteren Drehzahlbereich recht zivil. Oben wird’s heftig.
Klartext: 193 PS bei 13.000/min. stehen im Datenblatt, über 200 km/h sind es dank Ram Air sogar noch 7 PS mehr, also satte 200. Dazu 112 Nm Drehmoment bei 9.750/min., und das bei gerade mal 183 kg Trockengewicht (204 kg fahrfertig, mit ABS 2,5 kg. mehr). Bis über 14.000 Touren lässt sich der 59,8 kg leichte 999-cm³-Vierzylinder drehen. Mit diesem Gerät bist du, wenn du unbedarft an die Sache herangehst, schneller schnell, als du denkst, und eigentlich immer zu schnell.
Die BMW S 1000 RR kennt keine Gnade
Im normalen Straßenverkehr ist es kaum möglich, die S 1000 RR artgerecht, aber sicher zu bewegen. Du bist ständig unzufrieden, weil du weißt, sie könnte so viel mehr, so viel schneller, so viel ärger, so viel schräger. Sie verdient es nicht, über die Straße gerollt zu werden, und deshalb fährt immer das schlechte Gewissen mit, dass du sie schlecht behandelst. Im Alltag straft sie dich mit gnadenloser Härte im Fahrwerk. Ja, du erntest bewundernde Blicke, wenn du mit ihr vorbeirollst, aber wirklich verdient hast du die Beachtung nur, wenn du sie mit regelmäßigen Ausflügen auf die Rennstrecke ehrst.
Bist du auf der Strecke zu Hause, dann hast du wahre Freude mit ihr. Die Beschleunigung ist brachial, die Bremsleistung immens, das Fahrwerk genial, die Schaltung exakt (sehr empfehlenswert: Schaltassistent für kupplungsfreies Raufschalten!), die Lenkung präzise, der Geradeauslauf – nun ja – einfach gerade. Die Rundenzeiten – hängen von dir ab.
Mit der Elektronik alles im Griff
Vier Fahrmodi bietet die Elektronik: Rain, Sport, Race und Slick, sie wirken sich auf das ABS, die Traktionskontrolle und das Ansprechverhalten des E-Gas aus. Der Rain-Modus macht noch ein bisschen mehr, er reduziert die Leistung auf 150 PS. Rain und Sport sind die beiden Modi für die Straße, Race ist, wie er heißt, und damit für den Rundkurs gedacht. Hier reicht ein leichtes Rupfen am Gasgriff für eine Beschleunigungsorgie, die Gaskennlinie ist steil. Das Race-ABS ignoriert in den Modi Race und Slick das eventuelle Abheben des Hinterrades zugunsten eines kürzeren Bremsweges, im Modus Slick ist sogar ein Anbremsdrift möglich, ohne auf das Vorderrad-ABS verzichten zu müssen.
17.650 Euro kostet dieses derzeit heißeste Eisen am Markt, dazu bitte Race-ABS und Traktionskontrolle ordern. Und Schaltassistent. Okay, und Diebstahlwarnanlage. Dann sind wir bei 19.740 Euro. Die wahre Eignung für dieses Gerät gibt’s nicht gegen Aufpreis. Die hat man – oder man ist mit der S 1000 RR unzufrieden. Es sei denn, man erarbeitet sie sich. Die Chinesen sagen: Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Schutzmauern, die anderen Windmühlen.
Stephan Schätzl
Warum?
Warum nicht?
Oder vielleicht …










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