04.09.2020 11:03 |

„Wortsalat“ genügt

Schüler überlisten Noten vergebende Lernplattform

Aufgrund der Coronapandemie sehen sich viele Schulen in den USA gezwungen, nicht nur ihren Unterricht, sondern auch die Benotung ihrer Schüler virtuellen Bildungsplattformen zu verantworten. Sehr zum Leidwesen vieler Eltern. Doch zum Glück lassen sich die Lernprogramme leicht überlisten, wie mehrere Fälle zeigen.

Ihr zwölfjähriger Sohn Lazare habe geweint, als er die erste Aufgabe für seinen Geschichtsunterricht auf Edgenuity, einer Online-Plattform für virtuelles Lernen, mit lediglich 50 von 100 möglichen Punkten abgeschlossen habe, schilderte seine Mutter Dana Simmons gegenüber „The Verge“. Sie habe zunächst versucht, ihn zu trösten - einige Lehrer und Lehrerinnen benoteten zu Schulbeginn eben wirklich hart, argumentierte Simmons, die selbst Geschichtslehrerin ist.

Doch dann erzählte ihr Sohn ihr, dass er seine Bewertung weniger als eine Sekunde nach dem Einreichen seiner Antwort erhalten hatte. Ein Lehrer hätte seine Antwort in dieser Zeit nicht lesen können, wusste Simmons - ihr Sohn wurde stattdessen von einem Algorithmus benotet.

„Wortsalat“ überlistet Algorithmus
Simmons sah sich weitere Antworten ihres Sohnes an sowie die richtigen Antworten, die Edgenuity im Anschluss ausspuckte, und stellte dabei fest, dass die Lernsoftware in den Antworten lediglich nach bestimmten Schlüsselwörtern suchte. Dieses Wissen machte sich Sohn Lazare schließlich zunutze. „Die Fragen sind Dinge wie ‘Was war der Vorteil der Lage Konstantinopels für die Macht des byzantinischen Reiches?‘“, erläutert Simmons. Lazare sei also durchgegangen, „was die möglichen Schlüsselwörter sind, die damit verbunden sind: Reichtum, Karawane, Schiff, Indien, China, Naher Osten - er hat einfach alle diese Worte hineingeworfen“.

Dieser „Wortsalat“ am Ende zweier Antwortsätze reichte offenbar aus, um in den Edgenuity-Tests bei jeder Kurzantwort die volle Punktzahl zu erhalten. „Er hat es von einer Sechs zu einer Eins plus geschafft, ohne irgendetwas zu lernen“, schilderte Simmons den „Lernfortschritt“ ihres Sohnes.

Lazare ist allerdings nicht der einzige Schüler, der die Plattform überlisten konnte. „The Verge“ berichtet von weiteren „Schummlern“, die Edgenuity zu ihrem Vorteil nutzen konnten. Oftmals genüge es bereits, die Frage in das Antwortfeld zu kopieren, da in dieser viele Schlüsselwörter enthalten seien. In „neun von zehn Fällen“ könne man zudem online Listen mit entsprechenden Schlüsselwörtern finden, wie ein Schüler dem Magazin berichtete.

Kein Bug, sondern ein Feature
Edgenuity, das von mehr als 20.000 Schulen in den USA genutzt wird, wollte sich zu dem Bericht nicht äußern. Auf der offiziellen Website verweist die Lernplattform jedoch darauf, dass Antworten auf bestimmte Fragen keine Punkte erhalten, wenn sie keine Schlüsselwörter enthalten, und andere die volle Punktzahl erhalten, wenn sie mindestens ein Schlüsselwort enthalten. Andere Fragen erhielten einen bestimmten Prozentsatz basierend auf der Anzahl der enthaltenen Schlüsselwörter, heißt es.

Blindes Vertrauen der Lehrer
Ein Teil des Problems sind dem Bericht nach jedoch auch die Lehrer: Denn obwohl sie die Möglichkeit hätten, die von den Schülern eingereichten Inhalte zu prüfen und die von Edgenuity zugewiesenen Noten außer Kraft zu setzen, machen sie davon offenbar nur selten Gebrauch. Die meisten Schüler, mit denen „The Verge“ gesprochen habe, hätten noch nie erlebt, dass ein Lehrer nachträglich eine von der Software zugewiesene Note geändert hätte. „Wenn sich die Lehrer die Antworten angesehen haben, war es ihnen egal“, wird ein Schüler zitiert.

„Digitale Kluft“
Simmons ist letztlich einfach nur froh, dass ihr Sohn gelernt hat, wie man einen Algorithmus überlisten kann - dies sei sicherlich eine nützliche Fähigkeit, sagt sie. Aber sie räumt auch ein, dass seine besseren Noten kein besseres Verständnis seines Kursmaterials widerspiegeln. Zudem befürchtet sie, dass das Ausnutzen der technischen Schwachstelle die Ungleichheiten zwischen den Schülern noch verstärken könnte. „Er bekommt eine Eins plus, weil seine Eltern einen Hochschulabschluss und ein Interesse an der Technik haben“, sagt Simmons gegenüber „The Verge“. „Sonst würde er immer noch eine Sechs bekommen. Was sagt Ihnen das über die digitale Kluft in dieser Online-Lernumgebung?“

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