20.10.2019 06:30 |

„Krone“-Kommentar

„Und vergib uns unsere Schuld“

Wie geht es Ihnen mit dieser Bitte aus dem wohl bekanntesten Gebet des Christentums – dem „Vaterunser“? Ich selbst hatte mit diesem Satz – „Vergib uns unsere Schuld“ – vor allem in meiner Jugend so meine Probleme. Schuld war ein unheimlich großes Wort. Genau wie Sünde. Oder gar Erbsünde! All das fühlte sich unheimlich weit weg an.

Natürlich war mir klar, dass weder ich noch mein Leben perfekt waren. Aber wer war das schon? Natürlich kam es vor, dass ich Menschen in meiner Umgebung, vornehmlich meine Eltern, unwillentlich kränkte. Oder dass ich dann und wann über die Stränge schlug. Aber wenn ich hin und wieder gegen Gebote oder Regeln verstoßen hatte, dann fielen mir mindestens zehn gute Gründe ein, warum das schon o. k. war. Alles in allem fühlte ich mich damals also ziemlich „unschuldig“. Heute weiß ich, dass sich Schuld oft anders anfühlt, als man denkt. Sie hat so viele Gesichter. Sie schleicht sich ein – gerade in der Selbstgerechtigkeit. Sie zeigt sich mitunter dort, wo wir sie nicht erwarten. Und manchmal entsteht Schuld nicht durch das, was wir tun, sondern gerade durch das, was wir nicht tun.

Wenn wir uns in Opferrollen verkriechen. Wenn wir es versäumen, Verantwortung zu übernehmen – für uns und unser Tun. Auch uns selbst gegenüber können wir schuldig werden. Indem wir uns kleinreden und selbst geringschätzen. Das beschreibt das sogenannte „umgekehrte“ Schuldbekenntnis. Es stammt aus einem Gottesdienst schwedischer Frauen – vielleicht finden Sie sich ja auch hier wieder?

„Christus, ich bekenne vor dir, dass ich keinen Glauben an meine eigenen Möglichkeiten gehabt habe. Dass ich in Gedanken, Worten und Taten Verachtung für mich und für mein Können gezeigt habe. Ich habe mich selbst nicht gleich viel geliebt wie die anderen. Nicht meinen Körper, nicht mein Aussehen, nicht meine Talente, nicht meine eigene Art zu sein. Ich habe andere mein Leben steuern lassen. Ich habe mehr auf das Urteil anderer vertraut als auf mein eigenes und habe zugelassen, dass Menschen gleichgültig und bösartig mir gegenüber gewesen sind, ohne ihnen Einhalt zu gebieten. Ich bekenne, dass ich mich nicht im Maße meiner vollen Fähigkeiten entwickelt habe, dass ich zu feige gewesen bin, um in einer gerechten Sache Streit zu wagen. Dass ich mich gewunden habe, um Auseinandersetzungen zu vermeiden. Ich bekenne, dass ich nicht gewagt habe, zu zeigen, wie tüchtig ich bin, nicht gewagt habe, so tüchtig zu sein, wie ich es wirklich kann. Gott, unser Vater und Schöpfer, Jesus, unser Bruder und Erlöser, Geist, unsere Mutter und Trösterin, vergib mir meine Selbstverachtung, richte mich auf, gib mir Glauben an mich selbst und Liebe zu mir selbst.“

Evangelische Vikarin Julia Schnizlein, Kronen Zeitung
julia.schnizlein[@]lutherkirche.at

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