So, 16. Juni 2019
28.04.2019 06:00

Kolumne „Im Gespräch“

Muss man als Christ wirklich in die Kirche gehen?

„Muss man als Christ in die Kirche gehen? Kann man nicht an Gott glauben, ohne Gottesdienste zu besuchen?“ Diese Fragen begegnen mir als angehende Pfarrerin so oft, dass ich sie hier einmal kollektiv beantworten will: Niemand „muss“ in die Kirche gehen. Weder Gott noch Pfarrerin oder Pfarrer verlangen das.

Denn Gottesdienste sind weder dazu da, sich vor Gott oder anderen Menschen in Szene zu setzen. Noch ist der regelmäßige Kirchgang ein Indikator für Frömmigkeit. Man ist ja noch kein Christ, nur weil man in die Kirche geht. Genauso wenig ist man ein Auto, nur weil man sich in die Garage stellt. Und trotzdem sage ich: Kommen Sie! Es lohnt sich!

Die Menschen sehnen sich nach Spiritualität
1. Wir alle haben Lebensfragen und sehnen uns nach Spiritualität. Daher platzt auch die entsprechende Ratgeber-Literatur aus allen Nähten. In der Kirche haben Sie es mit dem „Ratgeber aller Ratgeber“ zu tun – der Bibel. In ihr stecken Jahrtausende an gelebter Erfahrung. Sie ist die Geschichte der Menschen mit Gott. Gottes Wort für alles, was uns beschäftigt und bewegt: Glück, Leid, Vergebung, Schuld, Leben, Tod, Sinn – ein unendlicher Schatz für alle, die nach „Mehr“ suchen.

2. Zeit im Gottesdienst ist Zeit, die wir uns für uns selbst nehmen. Qualitytime, in der es nicht darum geht, etwas zu erreichen oder abzuarbeiten. Es ist Zeit, in der wir uns auf meditative Weise selbst spüren und mit unserem Schöpfer in Kontakt treten können. Vielleicht begegnen wir einem anregenden Gedanken in der Predigt. Vielleicht hören wir ein Lied, das wir schon längst vergessen haben. Vielleicht spricht uns ein Gebet aus der Seele, tröstet uns ein Ritual oder stärkt uns ein Segen für den Alltag. Es ist Zeit fürs „Seelenheil“.

3. Christsein ist grundsätzlich ein Teamsport, und Kirche ist mehr als ein sakrales Gebäude. Kirche sind Menschen, die Jesus nachfolgen. Kirche ist gelebter Glaube. Natürlich kann jeder die Bibel für sich allein lesen und alleine beten. Aber erst durch Impulse von außen finden wir heraus, wo wir stehen. In der gemeinsamen Reflexion, auch im Widerspruch zu anderen können wir im Glauben wachsen und eigene Einstellungen prüfen und hinterfragen.

4. Kirche stiftet Gemeinschaft zwischen Menschen, die sich sonst kaum begegnen. Hier geht es einmal nicht nur um uns und unsere „Blase“. Wir dürfen uns überraschen lassen. Denn auch die Gottesdienste selbst folgen ja längst nicht mehr alle dem gleichen „Schema F“. Es gibt moderne und traditionelle Varianten, themenbezogene und individuelle, musikbetonte, meditative und digitalaffine. Es lohnt sich, die eigenen Vorurteile abzubauen und einfach mal wieder reinzuschnuppern.

5. Und wer, wie ich, die Orgel, die Königin aller Instrumente, liebt, kommt am Kirchgang sowieso kaum vorbei ;-)

Evangelische Vikarin Julia Schnizlein, Kronen Zeitung
julia.schnizlein@lutherkirche.at

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