45 Versicherungsjahre?

Zwei Drittel der Pensionisten nicht pensionsreif

Innenpolitik
11.08.2026 21:30

Der Streit um Österreichs Pensionen spitzt sich zu: Während Junge Industrie und Junge Wirtschaft vor explodierenden Kosten warnen, wirft ihnen der Pensionistenverband „fragwürdige Rechenspiele“ vor. Eine neue Analyse zeigt nun, wie einschneidend der Vorstoß von Tirols Landeshauptmann Anton Mattle wäre, wenn die Österreicher erst nach 45 Versicherungsjahren in Pension gehen dürften.

Für Zehntausende Österreicher hätte es im Vorjahr statt des Ruhestands geheißen: weiterarbeiten! Denn wären 45 Versicherungsjahre eine zwingende Voraussetzung für den Pensionsantritt gewesen, hätten zwei Drittel des Pensionsjahrgangs 2025 diese Hürde nicht geschafft.

Das ergibt eine Analyse des Momentum Instituts zu jenem Modell, das Tirols Landeshauptmann Anton Mattle (ÖVP) in die politische Debatte eingebracht hat. Konkret hätten demnach 44.037 Menschen – 19.620 Männer und 24.417 Frauen – im vergangenen Jahr nicht wie geplant in Pension gehen können.

(Bild: Krone KREATIV)

Mehr als vier von fünf Frauen müssten länger arbeiten
Bei den Männern hätten 46 Prozent die geforderten 45 Versicherungsjahre erreicht. Mehr als jeder Zweite hätte jedoch länger im Beruf bleiben müssen. Ein Fünftel der Männer hätte mindestens elf zusätzliche Jahre benötigt, bei acht Prozent hätten sogar mehr als 20 Jahre gefehlt.

Noch drastischer fällt die Bilanz bei den Frauen aus: Lediglich 18 Prozent hätten die 45 Jahre zusammengebracht. Mehr als vier von fünf Pensionistinnen – konkret 82 Prozent – hätten zusätzliche Versicherungszeiten sammeln müssen. Fast jede dritte Frau hätte noch mindestens elf Jahre benötigt, zwölf Prozent sogar mehr als zwei Jahrzehnte.

Zitat Icon

Ein Arbeitsleben bis ins hohe Alter von 85 Jahren ist utopisch

Nicolas Prinz, Ökonom beim Momentum Institut

Für Momentum-Ökonom Nicolas Prinz wäre die Bindung des Pensionsantritts an 45 Versicherungsjahre „de facto eine Erhöhung des Pensionsantrittsalters durch die Hintertür“.  Für ihn sei „ein Arbeitsleben bis ins Alter von 85 Jahren schlicht utopisch“.

Das Problem: Menschen kurz vor der Pension weisen bereits jetzt die höchste Arbeitslosenquote aller Altersgruppen auf. Ohne zusätzliche Jobs und altersgerechte Arbeitsplätze könnte ein höheres Antrittsalter daher nicht zu längerer Beschäftigung, sondern zu mehr Langzeitarbeitslosigkeit führen.

Ähnlich argumentiert Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl. Sie erklärte gegenüber der „Krone“, man müsse zuerst die Arbeitswelt „reparieren“, bevor über längeres Arbeiten diskutiert werde. Fast jede dritte Frau gehe nicht direkt aus einer Beschäftigung in Pension. Zudem beschäftige mehr als die Hälfte der Betriebe mit mindestens 20 Mitarbeitern keine einzige Frau über 60. Das Momentum Institut fordern deshalb ein Bonus-Malus-System: Unternehmen, die ältere Beschäftigte einstellen und bis zur Pension halten, sollen belohnt werden. Betriebe, die Ältere frühzeitig aussortieren, müssten dagegen zahlen.

Junge Wirtschaft gegen Pensionisten
Jetzt eskaliert der Generationenstreit

Parallel dazu liefern sich Junge Industrie und Junge Wirtschaft mit dem Pensionistenverband Österreichs einen heftigen Schlagabtausch.

Anlässlich des „Pension Overshoot Day“ am 10. August – das ist jener Tag, an dem sämtliche laufende Beitragseinnahmen des Pensionssystems rechnerisch aufgebraucht sind – forderten die Jungen Wirtschaftsorganisationen ein höheres faktisches Pensionsantrittsalter, weniger Frühpensionsanreize und eine stärkere private sowie betriebliche Altersvorsorge. Denn nach ihrer Berechnung reichen die laufenden Beitragseinnahmen heuer nur für 222 der 365 Tage. Den Pensionsausgaben von rund 87,7 Milliarden Euro stünden lediglich 53,5 Milliarden Euro an Beiträgen gegenüber.

Die Differenz von rund 34 Milliarden Euro müsse aus Steuermitteln finanziert werden – rechnerisch 240 Millionen Euro pro Tag. „Dieses Geld fehlt dort, wo Zukunft entsteht: bei Bildung, Digitalisierung, Kinderbetreuung und Investitionen in den Standort“, sagt Eduard Fröschl, Bundesvorsitzender der Jungen Industrie. Brisant: Der Stichtag liegt erstmals vor dem Internationalen Tag der Jugend. Das sei ein Symbol dafür, dass immer weniger Junge immer höhere Pensionskosten tragen müssten, sagen die Junge Industrie und die Junge Wirtschaft.

Scharfe Reaktion der Pensionistenvertreter
Beim Pensionistenverband sorgt diese Rechnung für Empörung. Präsidentin Birgit Gerstorfer wirft den Wirtschaftsvertretern vor, „Äpfel und Birnen“ zu vermischen. In den 34 Milliarden Euro seien neben der gesetzlichen Pensionsversicherung auch Beamtenpensionen sowie staatlich finanzierte Leistungen wie Kindererziehungszeiten und Maßnahmen gegen Altersarmut enthalten. Die Bundesmittel seien daher kein plötzlich entstandenes Finanzierungsloch, sondern ein gesetzlich vorgesehener Teil des österreichischen Umlagesystems. Junge Menschen gegen Pensionisten auszuspielen, sei „verantwortungslos“. Für die langfristige Finanzierung müssten auch große Vermögen, Erbschaften sowie Gewinne aus Digitalisierung und künstlicher Intelligenz herangezogen werden. 

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