Sa, 20. Oktober 2018

Mobbing

07.10.2018 06:00

Seelenqual am Arbeitsplatz

Gerüchte, böser Tratsch, Schikanen oder Ausgrenzung -  Konflikte zwischen Mitarbeitern oder Vorgesetzten kommen häufiger vor als man denkt. Die psychische Belastung für die Betroffenen wird meist unterschätzt.  

Mobbing bezeichnet allgemein durch andere Personen herbeigeführte seelische Not und Bedrängnis, insbesondere in der Schule, im Verein, am Arbeitsplatz oder auch im Internet, das sogenannte Cybermobbing“, erklärt Dr. Norbert Steiner, Psychiater aus Graz. Psychoterror, der von einer hierarchisch übergeordneten Person ausgeht („Bossing“), kommt in 40 Prozent der Fälle vor, in weiteren 10 Prozent mobben Chef und Mitarbeiter gemeinsam. Ständige Kritik, Verbreitung falscher Tatsachen, Androhungen von Zwangsversetzung und Abwertung der Leistungen führen zu Symptomen einer schweren Depression und Suizidgedanken.

„Mobbingopfer verleugnen oft die Tatsache, belästigt zu werden, suchen den Fehler bei sich und gehen in den sozialen Rückzug“, so der Experte. Viele Betroffene sehen in der Kündigung den letzten Ausweg. Aggressives Mobbing oder Bossing kann beim Opfer zum „Mobbingsyndrom“, einer kumulativen (sich steigernden) traumatischen Belastungsstörung (KTB), führen.

Seelische Belastung nicht verharmlosen
Elisabeth (53) war alleinstehend, lebte für ihren Beruf und gab als Stationsschwester einer Klinik für Allgemeine Chirurgie immer ihr Bestes. Schleichend stellten sich bei ihr Antriebslosigkeit, permanente Müdigkeit, Angstzustände, mangelndes Selbstvertrauen und Schlafstörungen ein. Elisabeth ignorierte die Symptome und führte alles auf das Älterwerden zurück. In Wahrheit lagen monatelanges Mobbing und Bossing vor.

Eine neu eingestellte Kollegin folgte ihr auf Schritt und Tritt, sodass sich Elisabeth „überwacht“ fühlte. Ihre Vorgesetzte bedachte sie alltäglich mit verletzenden Äußerungen. Nachdem die Situation immer belastender wurde und die verzweifelte Frau sogar Suizidgedanken plagten, zog sie eine Freundin ins Vertrauen. Diese konnte Elisabeth überzeugen, sich Hilfe zu holen. Ein fachärztliches Gespräch öffnete ihr schließlich die Augen.

Die wichtigsten Sofortmaßnahmen
Die Patientin wurde mit Antidepressiva behandelt und zu einer Psychotherapeutin überwiesen. Die Soforthilfe für Elisabeth bestand aus folgenden Elementen:

  • Selbstwertsteigerung und Entwicklung eines neuen Selbstbildes: In fünf Psychotherapie-Sitzungen gelang es, Vertrauen und eine neue Beziehung zu sich selbst aufzubauen. Sie entkam dem Hamsterrad des perfekten Funktionierens und der „Wert-durch-Leistung-Spirale“, indem sie sich wieder auf vergessene Ressourcen (Stärken, Fähigkeiten) besann. In den vergangenen Jahren hatte Elisabeth Tennisspielen und Genussreisen zu Gunsten maximaler Leistung am Arbeitsplatz vernachlässigt. An ein Date war erst recht nicht zu denken gewesen.
  • Selbstbewusstsein trainieren als Präventionsmaßnahme: Im Vorfeld galt es, ihr ein Handwerkszeug gegen mögliche weitere Mobbing- und Bossingattacken an die Hand zu geben. Nützliches Hilfsmittel ist ein Mobbingtagebuch. Genaue Aufzeichnungen über die Vorkommnisse mit Datum, Uhrzeit und Wortlaut von Schikanen verleihen den Betroffenen wieder die Fähigkeit zur Selbstbestimmung und Menschenwürde. Somit fühlen sie sich nicht länger als passives Opfer.
  • Training zur Abgrenzung: Nein-Sagen ohne schlechtes Gewissen sowie Strategien der Gegenwehr wurden ebenso in Elisabeths Psychotherapie quasi im Trockentraining geübt. Ihr „Mutter-Teresa-Syndrom“ als willenlose Hingabe an die Willkür der Vorgesetzten und ihre grenzenlose Opferbereitschaft (ständige Abrufbarkeit für Nachtdienste, Unterwerfungsbereitschaft und Selbstaufgabe) gehörten nun der Vergangenheit an.

Nach zwei Monaten war sich Elisabeth ihres Wertes als qualifizierte Fachkraft wieder bewusst. Heute erkennt sie bereits erste Anzeichen von menschenverachtendem Verhalten und bringt dies sofort zur Sprache. Elisabeth arbeitet in einer anderen Klinik und hat nun auch ein Privatleben. Endlich erlaubt sie sich wieder, Tennis zu spielen, Freunde zu treffen und Lebensfreude zu haben. Sie tauschte ihr Selbstbild des perfekten Arbeitstieres gegen das Selbstbewusstsein eines lebensfrohen Menschen.

Redaktionelle Bearbeitung:  Regina Modl, Kronen Zeitung

Mag. Dr. Monika Wogrolly, Psychotherapeutin in Graz, Wien und der Privatklinik St. Radegund (Steiermark), Autorin des neuen Buches “Die Beziehungsformel" (Ueberreuter Sachbuch). Kontakt: praxis@wogrollymonika.at, www.wogrollymonika.at

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