Fr, 20. Juli 2018

Kolumne „Im Gespräch“

10.06.2018 07:00

Die Sehnsucht nach einer heilen Welt

„Ich freue mich schon auf die Taufe“, seufzte meine Großmutter neulich verträumt. Und sie meinte dabei weder die Taufe meiner Kinder, noch eine, die ich je halten würde. Sie dachte an das potenzielle Kind von Meghan und Harry. Meine Großmutter liebt das englische Königshaus - und überhaupt sämtliche Royals. Wie knapp eine Million Österreicher und zig Millionen Menschen weltweit saß auch sie neulich stundenlang vor dem Fernseher, um die Hochzeit des Jahres nicht zu verpassen. Um sich verzaubern zu lassen von den Bildern aus einer angeblich „heilen“ Welt. „Da ist die Welt noch in Ordnung“, sagte sie nach der Live-Übertragung aus Windsor gerührt.

„Oma, nur weil diese Welt schöner strahlt, haben wir doch keine Ahnung, wie es hinter den Kulissen wirklich zugeht. Wir dürfen doch nicht alles glauben, was wir denken“, entgegnete ich - aber das wollte meine Großmutter nicht hören. Sie wollte nicht darüber nachdenken, ob die Braut die halbe Nacht durchgeweint hat, welcher der Gäste eine schlimme Krankheitsdiagnose mit sich herumträgt, wer abseits des Rampenlichts einsam oder depressiv ist und welche Sorgen und Ängste die Menschen unter den eleganten Designerkleidern sonst so quälen. Zu tief sitzt die Sehnsucht nach einer „heilen“ Welt.

Diese Sehnsucht nach einer Welt, in der Schönheit, Geborgenheit und Sicherheit herrschen, in der es keine schmerzlichen Verluste gibt und das Gute immer über das Böse siegt, schlummert tief in uns allen. Und gleichzeitig müssen wir immer wieder feststellen, dass die Welt um uns herum so ganz anders ist. Dass sie über weite Strecken eben nicht „paradiesisch“ und nicht „heil“ ist. Dieser Tatsache müssen wir uns als erwachsene Menschen stellen. Die müssen wir aushalten.

Aber anstatt unsere Sehnsüchte auf andere zu projizieren, bei denen das Gras ohnehin immer grüner erscheint, können wir bei uns selbst nachsehen, ob sich nicht Spuren von diesem verlorenen Paradies finden lassen.

Statt fremde Prinzen anzuschmachten, können wir doch einmal nachspüren, ob nicht auch in unserem eigenen Partner noch ein wenig Prinz steckt. Anstatt Meghan für ihr Traumkleid zu bewundern, können wir uns auf das besinnen, was an uns selbst schön ist. Und anstatt die Queen und Prinz Philip für ihre royale Würde zu bejubeln, können wir unseren eigenen Eltern sagen, dass wir sie liebhaben. Dass wir sie schätzen - für ihre Haltung und ihr Engagement. Und wir können die Fehler, die passiert sind und in einer unvollkommenen Welt immer passieren werden, vergeben. Damit werden wir zwar nicht die ganze Welt zu einer „heilen Welt“ machen - aber wir können unsere eigene kleine Welt ein wenig „heilen“.

Evangelische Vikarin Julia Schnizlein, Kronen Zeitung
julia.schnizlein[@]lutherkirche.at

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