Fr, 22. Juni 2018

Im Gespräch

28.05.2018 14:15

Zwei ungleiche Schwestern

Die eine packt immer rasch an, sie macht und tut, hat für alles eine Lösung parat. Ihre Verantwortung ist groß, ihre Müdigkeit manchmal auch. Aber mitten in allem Tun und Machen merkt sie oft nicht, wie viel Arbeit auf ihr lastet - und dass sie sich dabei fast selbst vergisst. Nur wenn sie abends sehr erschöpft ist, wird ihr klar: Es ist zu viel! So geht es nicht weiter. Manchmal ärgert sie sich: „Warum hilft mir denn niemand? Alles muss ich immer alleine machen.“

Zwei ungleiche Schwestern: Ihre Schwester ist ganz anders. Sie gibt dem Augenblick mehr Raum, spürt, was sie braucht, achtet darauf, dass sie sich nicht überfordert. Sie organisiert sich Hilfe, wenn es zu viel wird. Sie kann und will nicht alles alleine schaffen, hat auch den Anspruch gar nicht. Sie gönnt sich immer wieder eine Pause: ein Konzert, ein interessantes Buch, ein Spaziergang. „Das brauche ich für mich!“, sagt sie.

Meinungsverschiedenheiten und vorwurfsvolle Töne sind zwischen den beiden ungleichen Schwestern vorprogrammiert, beleidigende Worte fallen manchmal auch. So kommt es vor, dass sie sich tagelang aus dem Weg gehen und nur das Nötigste miteinander reden. Glücklich sind beide darüber nicht. Dabei wissen sie doch: Es ist klüger, nicht sofort loszupoltern, wenn einen die Wut packt, einen Augenblick durchatmen hilft. Der Schreiber des Epheserbriefs empfiehlt: „Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“ Zorn ist nicht verboten. Aber es ist irgendwann einmal gut. Am besten vor Sonnenuntergang.

Wer sind diese beiden Schwestern?
In der Bibel heißen sie Maria und Martha. Martha ist fleißig und aufopfernd für andere. Maria ist ihre Bildung und ihre persönliche Weiterentwicklung wichtiger. Es gibt die ungleichen Schwestern auch heute, als Geschwister, Ehepartner, Freunde und Arbeitskollegen. Wer überzeugt ist, dass Arbeit nicht alles ist, versucht, Beruf und Freizeit in eine ausgeglichene Balance zu bringen. Dabei bieten heute zahlreiche Ratgeber Hilfe an: „Beweg dich mehr und ernähre dich gesünder. Gib Verantwortung an andere ab. Unterscheide zwischen wichtig und weniger wichtig. Nimm dir mehr Zeit für deine Beziehungen. Dein Leben ist kostbar und einmalig, und du hast hier auf Erden nur dieses eine.“

Mit jedem hat Gott Besonderes vor. Das zu wissen kann den Tagen mehr Leben geben, ob jung oder hochbetagt, ob erfolgreich oder ein Pechvogel, ob unbeschwert oder durch tiefe Verletzungen gezeichnet, ob Workaholic oder in innerer Balance. „Liebe deine Geschichte“, sagt Leo Tolstoi. „Sie ist der Weg, den Gott mit dir geht.“

Evangelische Pfarrerin Ingrid Tschank, Kronen Zeitung.
ingrid.tschank[@]bnet.at

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