Di, 21. August 2018

Indien übertreibt's

24.01.2018 09:04

WhatsApp-Poesie wird zur Plage: Google greift ein

Indiens Premier Narendra Modi und Millionen seiner Landsleute haben ein ungewöhnliches Hobby: Sie versenden täglich poetische WhatsApp-Nachrichten mit niedlichen Bildern und geistreichen Sprüchen, um Freunden, Kollegen, Familienmitgliedern und flüchtigen Bekannten einen Guten Morgen zu wünschen. Doch die nette Geste hat einen Preis: Jeder dritte Inder hat täglich Speicherplatzprobleme, viele sind genervt von den Nachrichten. Die Lage ist so dramatisch, dass Google sogar eine App programmiert hat, um die mit „Guten Morgen“-Spam zugemüllten Smartphones von ihrem Ballast zu befreien.

Während das Smartphone im Westen längst zum Alltag gehört, ist es in Indien noch eine eher neue Erscheinung. Für die breite Masse sind die Geräte laut einem Bericht des „Wall Street Journal“ erst seit kurzem erschwinglich, für Millionen Inder ist ihr erstes Smartphone überhaupt ihr erster Kontakt mit den verblüffenden Möglichkeiten des Internets. Kein Wunder, dass viele ihr Smartphone mit größtem Enthusiasmus nutzen und über WhatsApp ständig mit jem,andem in Kontakt stehen.

Millionen wünschen sich auf WhatsApp „Guten Morgen“
Der wohl beliebteste Smartphone-Zeitvertreib der Inder sind „Guten Morgen“-Nachrichten mit blumigen Bildern und netten Botschaften. Jeden Morgen stimmen sich die 200 Millionen WhatsApp-Nutzer in Indien zwischen sechs und acht Uhr gegenseitig auf den bevorstehenden Tag ein. Viele meinen es so gut, dass sie ihre morgendlichen Grüße an Dutzende Personen aus ihrem Bekanntenkreis verschicken, welche ihrerseits wieder mit nicht minder lieblichen Grüßen antworten.

Selbst Premier Narendra Modi beteiligt sich an dem Volkssport: Gleich nach seiner morgendlichen Yoga-Übung greift er laut dem Bericht zum Smartphone und verschickt rechtzeitig zum Sonnenaufgang „Guten Morgen“-Nachrichten. Wer nicht darauf reagiert, muss mit Tadel rechnen – so wie eine Gruppe Anwälte, die einmal nicht auf des Premiers „Guten Morgen“-Nachricht geantwortet haben soll.

71-Jähriger verschickt täglich 50 Mal „Guten Morgen!“
Doch Premier Modi ist nur einer von Millionen Indern, die sich an den Möglichkeiten von WhatsApp erfreuen. Günstige Smartphones haben zuletzt auch viele ältere Menschen für das Internet begeistert. Einer von ihnen ist Desh Raj Sharma. Der 71-Jährige greift jeden Morgen zum Smartphone, sucht nach einer geistreichen „Guten Morgen“-Nachricht für den Tag – und schickt sie an mehr als 50 Freunde und Familienmitglieder.

„Diese WhatsApp-Nachrichten fassen meine Gedanken wirklich in Worte“, freut sich der internetaffine Herr. Sein Umfeld ist nicht ganz so begeistert. „Sie rufen sogar an und fragen, ob Du die ‚Guten Morgen‘-Nachricht gesehen hast. Meine Benachrichtigungen sind deshalb meistens stumm geschaltet“, lässt Sharmas Nichte Prerna (24) durchblicken.

Download-Website lockt Hunderttausende Nutzer
Doch was Prerna nervt, machen andere zu einem Geschäft. Kanwarjot Singh (31) hat eine Website aus der Taufe gehoben, die nur von der Liebe der Inder zu ihren „Guten Morgen“-Massennachrichten lebt. Auf WishGoodMorning.com hat er ein Füllhorn von Bildchen für jeden Anlass geschaffen: „Guten Morgen“-Bilder für Vater, Bruder, Mutter, Schwester, Schwiegerleute und sogar den Chef stehen dort zum Download bereit, Hunderttausende nehmen die Dienste der Website in Anspruch.

Auch Singh selbst ist tief in der „Guten Morgen“-Szene drin, beantwortet jeden Tag noch im Bett 45 Minuten lang eingehende Nachrichten. Ihn freut es: „Es macht mich glücklich, dass die Leute an mich denken.“

Bei jedem Dritten wird der Speicherplatz knapp
Der Nebeneffekt von so viel Zuneigung: Bei jedem dritten Smartphone-Nutzer in Indien ist durch die vielen Bildchen der Speicherplatz knapp. Zum Vergleich: In den USA plagen nur jeden zehnten Nutzer Speicherplatzprobleme – wohl auch, weil in Indien eher günstige Geräte mit wenig Speicher in Umlauf sind, während sich westliche Nutzer kapazitätsstärkere Geräte leisten können. Der chronische Speicherplatzmangel in Indien hat sogar Google auf den Plan gerufen: Der Internetriese hat das WhatsApp-Treiben mit Interesse verfolgt und jüngst eine App entwickelt, die alte „Guten Morgen“-Nachrichten mithilfe künstlicher Intelligenz erkennt und löscht.

Die App wurde erst im Dezember vorgestellt, aber bereits mehr als zehn Millionen Mal heruntergeladen – und hat im Schnitt ein Gigabyte Speicherplatz auf jedem Smartphone freigeräumt, auf dem sie installiert wurde. Google-Produktmanager Josh Woodward: „Wir haben monatelang versucht, die DNA dieser ‚Guten Morgen‘-Nachrichten zu entschlüsseln. Es war viel harte Arbeit, das richtig hinzukriegen.“ Anfangs habe die App beispielsweise auch Fotos von Kindern mit Schriftzügen am T-Shirt gelöscht.

„Guten Morgen“-Trend ist kaum zu stoppen
Googles App löst zumindest das Speicherplatzproblem vieler Smartphone-Nutzer. Den Trend zur „Guten Morgen“-Massennachricht wird der Internetriese aber wohl nicht stoppen können. Nicht nur, weil viele Menschen in Indien schlicht Freude an den poetischen WhatsApp-Bildchen haben, sondern auch weil es in der indischen Gesellschaft zum guten Ton gehört, viele Kontakte – auch flüchtige – zu pflegen. Und im Internetzeitalter passiert das nun einmal via WhatsApp im großen Stil: Allein am Neujahrstag verschickten die Inder 20 Milliarden Nachrichten, viele mit poetischen Sprüchen und niedlichen Bildern.

Dominik Erlinger
Dominik Erlinger

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