Do, 16. August 2018

Computerkunst

04.09.2008 16:11

Ars Electronica gestartet

Den virtuellen Raum in die Hand nehmen, die Physik des Sonnensystems ändern oder den Bombenangriff auf Dresden 1945 hören, aber nur dann, wenn man sich die Ohren zuhält: Dies kann man seit Donnerstag bei der Ars Electronica in Linz. Bevor sich das Linzer Computerkunst-Festival ab Freitag theoretisch mit seinem heurigen Thema "A New Cultural Economy" auseinandersetzt, präsentierte sich erstmal die Medienkunst. Und die Ausstellung der preiswürdigen Arbeiten des "Prix Ars Electronica" im O.K. Centrum ist bei weitem weniger verspielt als gewohnt.

So veraltet der Begriff mittlerweile in den Ohren der Internetgeneration von heute klingen mag: Der Name der "CyberArts"-Ausstellung im O.K. Centrum bringt den heurigen Programm-Schwerpunkt der Ars Electronica geglückt auf den Punkt. Denn das Kunstschaffen von heute ist immer schwerer am realen Raum festzumachen, es wird gleichsam immer virtueller.

"Goldene Nica": Emissionen in giftig-grünem Laserlicht
Die "Goldene Nica" ging beim heurigen "Prix Ars Electronica" an ein Projekt, das zwischen Wirtschaftskritik, Umweltschutz und Laserkunst angesiedelt ist: Bei "Nuage Vert" wurden im Rahmen der Projektserie "Pollstream" im Februar 2008 Emissionen einer Fabrik in giftig-grünes Laserlicht getaucht, und gleichzeitig die Bevölkerung von Helsinki dazu gebracht, all ihre elektrischen Geräte abzudrehen.

"Gedankenprojektor": Abbilder der innersten Gedanken
Mit den neuen Möglichkeiten, Musik- und Filmdateien zu kopieren, verschwimmen die Grenzen des Besitzanspruches nicht nur bei Popsongs und Kinofilmen. Auch der menschliche Körper, das virtuelle Innenleben realer Räume und zuletzt sogar die Gedanken werden bei der Ars Electronica öffentlich zugänglich gemacht: In der Landesgalerie blickt die aufwendige Optik des "Gedankenprojektors" bis an die Rückseite des eigenen Auges und versucht dort Abbilder der innersten Gedanken zu finden. Zwischen Retina, Augenhintergrund und Iris formen sich da esoterische Bilder, die an parapsychologische Aura-Fotografie und Wissenschaftsspuk erinnern. Doch es war fast zu erwarten: Nicht jeder Gedanke ist ein Bild wert. Warum man etwa ausgerechnet an etwas gedacht haben soll, das aussieht wie ein schwarzes Huhn mit gelben Schwanzfedern, muss man sich wohl in einer stillen Stunde mit sich selber klären.

Künstler scheidet blaue Flüssigkeit aus
In der "CyberArts-Schau" im O.K. Centrum (bis 5. Oktober), bei der die ausgezeichneten bzw. mit einer Würdigung versehenen Einreichungen zum "Prix Ars Electronica" zu sehen sind, wird jene Performance dokumentiert, mit der der Schweizer Yann Marussich am Samstag im Lentos die Kanäle und Kreisläufe seines Körpers nach außen kehren wird - auf greifbare Weise: Bei "Bleu Remix" scheidet der regungslos verharrende Marussich eine blaue Flüssigkeit über seine Tränendrüsen, Poren und seinen Mund aus. Dieser bewegungslose Tanz der Körpersekrete ist Teil jener Genre-Grenzen überschreitenden Preiskategorie "Hybrid Art", die die Ars Electronica heuer zum zweiten Mal würdigt.

Weltbild verändern per Knopfdruck
Wie unsicher unser Wissen vom uns umgebenden Raum ist, zeigt "Optical Tone" auf simple Weise: Bunte Leucht-Kugeln verwandeln die scheinbar eindeutig gefärbten Tapeten des Raumes in völlig andere Schattierungen. Und wen es immer noch bedrückt, dass nicht die Erde im Zentrum des Sonnensystems steht, der kann das bei "a plaything for the great observer at rest" ändern: Bei dem groß angelegten Sternenmodell kann man einfach zwischen helio- und geozentrischem Weltbild umschalten.

"Super Mario Bros." in der Realität
Doch ein bisschen leichte Unterhaltung darf nicht fehlen: Bei "Moving Mario" wurde das legendäre Computerspiel "Super Mario Bros." real nachgebaut. Der im Bereich "Digital Musics" mit einer Goldenen Nica ausgezeichnete interaktive Musiktisch "reactable" ist ein ebenso intuitives wie ernsthaftes und hoch komplexes Musikinstrument, mit dem man schnell durchaus ansprechende elektronische Musik gestalten kann, indem man verschiedene Gegenstände auf einen Tisch legt. Und wer nicht selber involviert sein will, kann auch nur zusehen: Beim Animations-Festival, das zeitgleich zum Linzer O.K. Zentrum auch im net.culture.space im Wiener MuseumsQuartier mitzuverfolgen ist, werden rund 100 Computer-animierte Filme mit einer Gesamtdauer von zehn Stunden gezeigt.

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