So kalt wie zum Nova-Rock-Auftakt 2026 war es auf den Pannonia Fields schon lang nicht mehr. Als Volbeat als Headliner spätabends die Bühne enterten, hatte es gerde noch 10 Grad. Kein Problem für die Hartgesottenen, die schon zum Auftakt ein buntes Programm geboten bekamen.
Wer nach mehr als zwei Jahrzehnten Nova Rock Neues sucht, der sollte am besten früh am Gelände sein. Bei den Headliner- und Abendpositionen finden sich schon seit geraumer Zeit nur noch Arrivierte und Altbekannte ein – selten, dass eine relative Newcomerband wie die Über-Nacht-Durchstarter Bad Omens eine Red Stage anführen, wie es zum Auftakt Donnerstagnacht der Fall war. Tagsüber waren die Anwesenden über das nahezu perfekte Festivalwetter glücklich. Nachdem die Aufbautage noch von partiellem Platzregen und wilden Windböen begleitet waren, hielt sich der Wettergott zum Festivalstart mit neuen Kapriolen zurück. Das hatte zur Folge, dass der Boden schon durchnässt war, aber nur einzelne Pfützen übrigblieben. Sprich: knapp 21 Grad bei etwas Wind und viel Sonne – kann man so lassen. So gab es schon bei der Wiener Newcomerin Shmiffy und Ego Kill Talent ordentlich Stimmung vor der Bühne. Die dürstenden Festivalfans mussten schließlich ein ganzes Jahr wieder darben, da fallen schnell mal die Hemmungen.
Zurück ins Mittelalter
Das passiert – auf der Bühne – auch beim aktuellen deutschen Phänomen Mittel Alta, die erst recht spät als Ersatzband auf das Festivalbilling gebucht wurden und bereits um 15 Uhr nachmittags die Massen vor der Bühne versammelt. Hinter dem doppeldeutigen Bandnamen stecken die beiden semicharmant benannten Musiker Sir Gernhardt Reinlunzen und Sir Schwanzelot, eigentlich Tommy und Rudi, die aus dem Grenzbereich Bayern/Baden-Württemberg kommen, sich bislang in lokalen Black-Metal-Projekten verdingt haben und seit drei Jahren ihrer privaten Leidenschaft für Mittelalterthemen Ausdruck verleihen. So wird mit Kettenmütze und Turnschuhen zu Songs wie „Ficket Euch“, „Grasteufel“, „Dirnenspross“, „Haltet das Maul“ oder dem abschließenden „Traubenstampfen“ Stimmung gemacht. Die vielen Fans der frischen Spaßtruppe zeigen sich textsicher und verwandeln das Gelände schon früh in eine einzige Partymeile.
„Das ist heute erst unser neuntes Konzert überhaupt“, können es die beiden Freunde im „Krone“-Talk vor dem Gig selbst nicht glauben, was momentan alles mit ihrem Projekt passiert, „normalerweise fahren wir zu Festivals, um abzufeiern und jetzt stehen wir hier selbst auf der Bühne. Eigentlich nicht zu fassen.“ Von Unsicherheiten war beim Konzert selbst wenig zu merken. Mittel Alta lassen sich von der Welle tragen und fühlen sich dabei sichtlich wohl. Was Spaß macht, macht man gut – frei nach dieser Devise funktioniert auch das Live-Set. „Wir haben uns keinem Genre versprochen und spielen querbeet alles, was uns Spaß macht. Mittlerweile gibt es auch ein Management, dass darauf achtet, dass wir ADHS-Typen nicht gleich jeden Blödsinn posten und die Dinge ein bisschen kanalisieren, aber im Großen und Ganzen sind wir noch so locker und unbeschwert unterwegs wie ganz am Anfang.“ Mittel Alta mögen einen bissig-pubertären Humor haben, entsprechen aber dem Zeitgeist. „Zu unseren Vorbildern gehören K.I.Z., was die Crossover-Musik anbelangt, aber auch die Message. Wir machen auch klare Anti-Sexismus-Ansagen.“
Songs stehen ante portas
Mittel Altas rasanter Aufstieg fasziniert die besten Freunde. „Wir haben erst unlängst erstmals Merchandise abgeholt, wo unser Name draufgedruckt ist. Wie geil ist das denn? Wir hätten vor nicht langer Zeit nicht einmal damit gerechnet, überhaupt auf einer Bühne zu stehen.“ Mittlerweile kooperiert man mit anderen Acts, die für Features Schlange stehen. „Wir haben allen zugesagt und arbeiten sie gerade nach der Reihe ab. Wir können dir gar nicht sagen, wer aller dabei ist, weil wir es schlichtweg nicht genau wissen.“ Auf dem gemeinsamen Google Drive-Konto habe man Ideen für rund 80 Songskizzen, das offizielle Debütalbum könnte im Frühjahr 2027 das Licht der Welt erblicken. Bis dorthin werden Mittel Alta wohl auch bei eigenen Shows schon in respektablen Hallen spielen. „Wir hauen jetzt mal Song für Song raus, weil wir keine Geduld haben und nicht warten wollen“, lacht Sir Gernhardt Reinlunzen, „deshalb kaufe ich meiner Frau im Jahr auch dreimal ein Weihnachtsgeschenk. Ich kann es nie zurückhalten, sie kriegt es immer sofort.“
Für die vielen Mittelalter-Fans am Nova Rock waren die darauffolgenden Dartagnan mit etwas weniger Brachialhumor, aber ähnlicher Themenausrichtung der perfekte Weiterführer einer gelungenen ersten Party an diesem Wochenende. Währenddessen zeigt sich der gebürtige Burgenländer Lemo auf der Red Stage in guter Laune und versammelt einen stattlichen Haufen Menschen zum gemeinsamen Tanzen. Auf der Red Bull Stage weiter südlich der Hauptbühnen gibt es dafür immer wieder Neues zu entdecken. Heute etwa die Katalanen von Ankor mit hochmotivierter britischer Sängerin, deren elektronisch angehauchter Metalcore sich inhaltlich um die Anime-Kultur dreht. Direkt danach zeigt das Geschwisterduo The Molotovs aus London, dass der kantige Rock’n’Roll nach Jahren in der Versenkung längst wieder bei den jüngeren Generationen angekommen ist. Ihr Sound ist ein Amalgam ihrer Vorlieben von The Damned über Oasis und The Jam bis hin zu den Kinks oder den Libertines. Das goutieren auch die Fans, die von den beiden Musikerinnen mit Modebewusstsein und Coolness unterhalten werden.
Der Sohn stiehlt die Show
Die alten US-Hasen von Mastodon mussten vor nicht allzu langer Zeit den Verlust ihres Ex-Mitglieds Brent Hinds verkraften und wühlen sich gerade aus der Trauerphase. Ihr mit Sludge-Zitaten angereicherter, zuweilen bleischwer erklingender Metal wird mit Ozzy Osbourne- oder Andrew W.K.-Shirts veredelt und inbrünstig dargeboten. Schweres Brot, das tief in die Eingeweide dringt. Auf der Red Stage spielte sich gleich darauf Gitarrengott Tom Morello in den siebenten Saitenhimmel. Die Rage Against The Machine-Legende begeisterte mit einem Medley seiner kultigen Stammband, guter Laune und einer mitreißenden Cover-Version von Bruce Springsteens „The Ghost Of Tom Joad“. Mit den Höhepunkten war es damit aber längt noch nicht getan. Das Ozzy Osbourne-Cover „Mr. Crowley“ teilt er sich mit seinem 15-jährigen Sohn Roman, der ihn mit seinen Gitarrensoli an die Wand spielt. Als der Großmeister selbst sein Arbeitsgerät mit den Zähnen bedient, leuchtet von der Gitarrenrückseite ein „Fuck FPÖ“ auf - beim politischsten aller Rockmusiker kein großes Wunder. Die Menge dankt es ihm mit Jubel und freut sich über die Nostalgiereise.
Noch weiter zurück in der Musikhistorie geht es dann auf der Red Bull Stage und der Blue Stage. Erstere beherbergt die US-Rocklegenden Soul Asylum, die mit „Runaway Train“ nicht ganz zu Unrecht als One-Hit-Wonder abgestempelt werden, aber bei ihrer ersten Österreich-Show seit 1994 mit viel Grunge-Feeling ein ordentliches Brett hinlegen. Sänger Dave Pirner, einzig übriggebliebenes Originalmitglied, zeigte sich dabei gut in Schuss und war schon nachmittags bei den Interviews adäquat aufgetankt. Rock’n’Roll will never die. Ein bisschen gestorben ist er über das letzte Jahr hinweg bei den Sex Pistols. Die seit geraumer Zeit ohne ihren etatmäßigen Sänger Johnny Rotten, dafür mit dem halb so alten Frank Carter auftretenden Briten begeisterten 2025 im Vorprogramm von Guns N‘ Roses im Happel-Stadion – langweilen dafür heute auf allen Linien. Der Gig wird von den routinierten Musikern solide runtergespult, auf Effekte wird verzichtet. Carter wirkt schaumgebremst und das vornehmlich junge Publikum weiß auch nicht so recht, wie sie mit den Pistols verfahren sollen. Da hilft auch „Anarchy In The UK“ nichts. Ein Satz mit x, das war eher nix.
Wie im eigenen Wohnzimmer
Das Finish hatte es am ersten Tag in sich. Trivium brachten eine nicht übertrieben große, aber sehr begeisterte Masse mit harten Metal-Riffs zum Tanzen und kündigten auf der Bühne auch ein neues Album und eine große Europa-Headlinertour an. In puncto Hype haben die Bad Omens von der diesjährigen Nova-Rock-Besetzung den größten Fortschritt gemacht. Vor drei Jahren spielten sie noch im Flex, heuer geht der Platz vor der Red Stage auf allen Ecken und Enden über. Die elektronisch angehauchten, mit Clean-Vocals versetzten Breakdowns gehen der Masse gut ins Ohr. Im Streamingbereich gibt es an der Band rund um Frontmann Noah Sebastian derzeit kein Vorbeikommen. Abgeschlossen wird der erste Tag von den Stammgästen Volbeat. Michael Poulsen und Co. müssten von Landeshauptmann Doskozil schon längst das goldene Landesehrenkreuz überreicht bekommen, so oft sind sie mit ihrem Elvis-Metal bereits über den Grenzacker gepflügt. Viel Neues gibt es neben den Hits wie „Fallen“, „Heaven Nor Hell“ oder „Sad Man’s Tongue“ nicht zu sehen, aber Spielfreude und Motivation sind wieder am Anschlag. Das gefällt den Fans, die zu später Nachtstunde fast schon mit winterlichen Temperaturen konfrontiert sind.
Nächstes Jahr kommen die Ärzte
Doch ganz am Ende wird es doch noch heiß, denn mit der deutschen Punk-Kultband Die Ärzte wird bereits der erste Headliner für das Nova Rock 2027 angekündigt, das von 10. bis 12. Juni stattfindet und auch Motionless In White und The Butcher Sisters am Programm hat. Bei der diesjährigen Ausgabe geht es heute u.a. mit The Cure, Ice Nine Kills, The Offspring, Social Distortion oder The Pretty Reckless weiter.
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