Sa, 21. April 2018

Der Baikal knistert!

20.03.2018 11:00

Eis-Abenteuer auf dem tiefsten See der Welt

„Jedes Jahr bricht mindestens ein Auto ins Eis ein“, warnt Alexej beim Briefing vor der Überfahrt über den zugefrorenen Baikalsee, in Sibirien, nahe der monglischen Grenze. Wir wagen es trotzdem, obwohl das Eis nur halb so dick ist wie sonst um diese Jahreszeit und eine dicke Schicht Neuschnee die Bedingungen verschärft. Verhältnismäßig frühlingshafte minus zwei Grad zeigt das Thermometer im Mazda CX-5, als er auf seinen Nokian-Hakkapeliitta-Spike-Reifen hinunterrollt - auf das größte Süßwasservorkommen der Welt.

Mit 673 Kilometer ist der Baikal knapp 100 Kilometer länger als Österreich, mit 1642 Meter der tiefste See der Erde und seine Uferlänge von 2125 Kilometer entspricht beinahe der Strecke Wien-Moskau. Er beinhaltet 23.615 Kubikkilometer Wasser, wovon im Moment eine Schicht von rund 25 km³ gefroren ist und uns von Listwjanka nach Tankhoy tragen soll, rund 40 Kilometer entfernt am anderen Ufer.

Stellenweise knistert es unter den Reifen wie der Sternenregen beim Silvesterfeuerwerk. Nicht sehr beruhigend eigentlich, aber angeblich sollen die 70 bis 80 Zentimeter Eis unter uns bis zu fünf Tonnen standhalten können. Kein Problem also für einen 1,5-Tonner plus zwei Insassen plus Gepäck.

Zunächst ziehen wir problemlos dahin, der Tross kommt gut voran. Sechzehn Mazdas und ein Vorausfahrzeug vom russischen Katastrophenschutzministerium EMERCOM, Fabrikat Trekol, ein 2,8 Tonnen schwerer Amphibien-Allrad-Truck mit drei Achsen und sechs riesigen Niederdruck-Ballonreifen. Ohne den Geleitschutz und Alexejs Agentur Avtorazum ist die Seeüberquerung grundsätzlich verboten. Einzige Ausnahme sind „Zimnik“ genannte Straßen, die zwischen Mitte November und Anfang Mai die einzige Verbindung zu den Inseln und einigen Ortschaften am Ufer sind.

Das Expertenteam an Bord des Trekol gibt den Weg vor, wir folgen in der Spur. Gut so, denn die Vorstellung, ein zugefrorener See sei eine völlig Ebene Fläche, erweist sich schnell als Irrtum. Links und rechts von uns ragen Eisblöcke wie dicke Bergkristalle empor, daneben regelrechte Eisklingen. Und es wird holprig. Wir brauchen weniger die 194 PS des 2,5-Liter-Vierzylinders, als vielmehr den intelligenten Allradantrieb des Kompakt-SUVs.

Und nach einer Stunde ist erst einmal Schluss: Ein gigantischer Riss in der Eisdecke versperrt uns den Weg. Was nun? Umkehren? „Njet“, sagt Alexej. Der Trekol verlässt die Gruppe und sticht in See, auf der Suche nach einer Möglichkeit, die Verwerfung zu queren.

Wir warten. Zeit den herrlichen Anblick zu genießen, als sich der Nebel ein wenig verzieht und ein paar Sonnenstrahlen durchlässt, die die weiße Wüste funkeln lassen. Mittlerweile sind es nur noch minus neun Grad, im eisigen Wind gefühlt locker minus 20. Was immer noch mild ist in einer Gegend, die minus 40, minus 50 Grad gewohnt ist. Man spricht nicht umsonst von sibirischer Kälte.

Dort, wo der Wind den Pulverschnee verweht hat, sieht man die Muster im blanken Eis. Luftblasen, Sprünge, wie kleine Universen. Schnee staubt drüber wie weißer Rauch. Trotz der Sprünge: Am gefährlichsten ist es auszusteigen und zu Fuß zu gehen. Die Schneedecke ist trügerisch und es reißt einem unvermittelt die Beine weg.

Sibirien. Ein Drittel größer als China, aber extrem dünn besiedelt. Die Bevölkerungsdichte ist auf dem See nicht wesentlich geringer als sonst hier: 2,9 Menschen leben in Sibirien durchschnittlich pro Quadratkilometer.

Wo bleibt der EMERCOM-Truck? Er wird doch wohl nicht …? Der begleitende Motorschlitten fährt nachsehen, eine Viertelstunde später kommen beide zurück und führen uns zu einer Stelle, die das Team inzwischen markiert hat. Auch dort ist das Eis wässrig-glitschig, aber mit Eispickeln, Holzplanken und einer Plastikplane lässt sich eine provisorische Brücke bauen, die ein Auto nach dem anderen überquert.

Würden wir einige Stunden später zurückkommen, müssten wir uns wahrscheinlich eine neue Stelle suchen, denn das Eis ist ständig in Bewegung. Wie übrigens auch der ganze See: Er dehnt sich jedes Jahr um etwa zwei Zentimeter aus, weil die Erdkruste keine Ruhe gibt.

Die große Show bleibt ein Einzelfall, aber immer wieder kommt über Funk das Kommando „Stop! Stop! Stop!“, weil ein Mazda nicht mehr weiterkommt, aufgesessen auf dem wilden Eis, das unter der Schneedecke wie eine hinterlistig ausgelegte Falle wartet. 20 Zentimeter Bodenfreiheit reichen nicht überall. Und dann jeweils die gleiche Szene: Der Trekol zieht den Wagen frei, die Besatzung schaufelt und hackt, um die Stelle zu entschärfen; der nächste Mazda bleibt hängen, vielleicht noch einer, wieder schaufeln, hacken, bis es passt und der ganze Konvoi die Stelle passieren kann.

„Keep the momentum“, quäkt es häufig aus dem Funkgerät, denn ohne Schwung bleibt man zwischen den glatten Kanten hängen. Das heißt aber auch, dass wir das Fahrwerk des CX-5 oft härter rannehmen müssen, als wir ihm zumuten wollen. Wer würde freiwillig mit mehr als Schritttempo auf einen Randstein fahren? „Die Autos halten mehr aus, als man glaubt“, lachte ein Mazda-Mann zwischendurch, und er sollte Recht behalten.

Zwischen den Zwangspausen rauschen wir mit bis zu rund 50 km/h dahin, immer wieder übersehen wir Eiskanten unter dem Schnee, die hart ins Gebälk schlagen. Ein Glück, dass wir zwar 19-Zoll-Alus, aber keine Pseudo-SUV-Niederquerschnittreifen drauf haben, sonst bräuchten wir vielleicht den einen oder anderen Ersatzreifen aus den Begleitfahrzeugen. Mit 225/55-ern kann man schon was anfangen, wenn auch nicht so viel wie mit Ballonreifen.

Aus geplanten 40 Kilometern werden deren 70, aus vier Stunden siebeneinhalb und statt in Tankhoy gelangen wir in Klyuevka ans Ufer. Aus einer knackigen Überfahrt wurde eine Expedition, denn das Eis des Baikalsees hat seinen eigenen Willen, den es auch durchsetzt. Der Klügere gibt nach - und das sind besser wir…

Auf der Weiterfahrt nach Ulan-Ude, entlang den Geleisen der Transsibirischen Eisenbahn, kommen wir an vielen Unfallstellen vorbei (man kennt das von den Dashcam-Videos auf YouTube), im Asphalt lauern wie im Eis üble Kanten, die uns aber auch hier nicht aufhalten. Wir blicken ein letztes Mal hinab auf den See. Erstaunlich. Er hat richtige Wellen. Beinahe so, als wäre er gar nicht gefroren.

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl

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