Keine Abrechnung mit Weggefährten, keine Rechtfertigung früherer Entscheidungen: Der ehemalige burgenländische Spitzenpolitiker Franz Steindl zieht seine Lebensbilanz mit 25 humorvollen Anekdoten und musikalischen Einlagen. Die „Krone“ besuchte ihn daheim in Purbach und sprach mit ihm über seine ganz perönliche Till Eulenspiegel-Manier.
Dass Politiker nach dem Ende ihrer politischen Laufbahn Bücher schreiben, ist nichts Neues. Oft stehen dahinter persönliche, wirtschaftliche oder strategische Interessen. Sie möchten ihre Amtszeit Revue passieren lassen, Entscheidungen rechtfertigen, Missverständnisse ausräumen, bisher unbekannte Hintergründe offenlegen, mit ehemaligen Weggefährten abrechnen oder die eigene Rolle in der Geschichte ins rechte Licht rücken. Kurzum: Sie wollen das letzte Wort über ihre politische Vergangenheit haben.
Das (Hör-)Buch, das Ex-ÖVP-Politiker Franz Steindl am 19. November auf den Markt bringt, schlägt einen gänzlich anderen Weg ein. In seinem Erstlingswerk „Wie das Leben so spielt“ versammelt der Purbacher, der als Sohn einer Weinbauernfamilie mit zwei Brüdern aufwuchs, 25 humorvolle Anekdoten aus seinem Leben – von der Kindheit über die Studienzeit bis in die Politik und darüber hinaus.
Er gab und gibt den Ton an
Zu den Geschichten gibt es passende Musik, die via QR-Code abrufbar ist: Steindl hat sie mit eigenen Kompositionen vertont und auch andere Musikfreunde dazu eingeladen. Denn der ehemalige Spitzenpolitiker ist nicht nur ein begeisterter Jazzmusiker, sondern studierte neben Volkswirtschaft auch Trompete. Er spielte in Formationen wie „Die Playboys“ und „Les Fleurs“ und engagiert sich bis heute als Obmann des Jazzkellers Purbach für das kulturelle Leben in der Region.
Politisch prägte Steindl das Burgenland über Jahrzehnte. Zwischen 1992 und 2020 führte ihn sein Weg vom Bürgermeister über den Nationalratsabgeordneten und ÖVP-Landesparteiobmann bis zum Landeshauptmann-Stellvertreter und damit zum wichtigsten politischen Gegenspieler des damaligen SPÖ-Landeshauptmanns Hans Niessl, der 2028 als Bundespräsident kandidieren will. Nach seiner politischen Laufbahn übernahm Steindl die Geschäftsführung der Joseph Haydn-Privathochschule.
Ein Schlingel packt aus
„Mit meinen Memoiren arbeite ich keine Konflikte nachträglich auf. Vielmehr ziehe ich mit positiven Erinnerungen, Musik und einer gehörigen Portion Humor eine andere Form der Lebensbilanz“, sagt der 66-Jährige, der nicht nur in politischen Kreisen als „Schlingel“ gilt. Humor helfe, mit dem Leben und anderen Menschen umzugehen. Er schaffe Leichtigkeit, mache Enttäuschungen und Niederlagen erträglicher, stelle Macht und Autorität infrage und lege Widersprüche, Eitelkeiten und Missstände offen. Vor allem aber bewahre er davor, sich selbst zu wichtig zu nehmen, sagt er. Eine Erkenntnis, die der nunmehrige Pensionist im Laufe seines bewegten Lebens wirklich verinnerlicht hat.
Ein echter Schelm hat immer das letzte Wort
Auch auf den 25 Episoden liegt jede Menge Schalk. Mit spürbarer Freude erzählt Steindl von Lausbubenstreichen während seiner Internats- und Studentenzeit. Einmal montierte er heimlich das Bett eines Kollegen auseinander, sodass dieser nach einer durchzechten Nacht notgedrungen auf dem Gang nächtigen musste. Ein anderes Mal trieb er mit einer Gruselaktion, die ebenso gut aus einem Horrorfilm stammen könnte, einem Mitbewohner den Schrecken in die Glieder.
Sogar während seiner Politik-Karriere ließ Steindl keine Gelegenheit aus, Parteikollegen und Kontrahenten mit Telefonscherzen und anderen Tollheiten aufs Glatteis zu führen. Ja, nicht einmal vor den ehrwürdigen Mauern des Hohen Hauses machte sein Humor halt. So stibitzte er der damaligen Nationalratsabgeordneten Maria Fekter, die später Innen- und Finanzministerin wurde, kurzerhand einen Stöckelschuh. Die Betroffene musste daraufhin barfuß zum Rednerpult tapsen – ein ungewöhnlicher Auftritt im parlamentarischen Betrieb, der für entsprechende Heiterkeit sorgte.
Mit Alibi-Aktion auf Stimmenfang
In bester Erinnerung ist ihm auch folgende Kapriole. Als Bürgermeister hatte er die Errichtung eines kleinen Biotops vor der Hauptschule veranlasst. Alle waren begeistert – bis auf eine ältere Bürgerin, die gegenüber wohnte. „Das Gequake der Frösche und Kröten ist eine Zumutung! Wenn Sie nochmals von mir gewählt werden wollen, unternehmen Sie was dagegen!“, zischte sie scharf. Steindl beriet sich mit seinen engsten Vertrauten und heckte einen genialen Plan aus.
„Ich schickte zwei Gemeindemitarbeiter mit Schaufeln und Kübeln los, um die Frösche und Kröten zu bergen. Das erzählte ich zumindest der Dame, die das Treiben vom Fenster aus genau beobachtete. In Wahrheit entwendeten die Arbeiter keinen einzigen Teichbewohner. Trotzdem kam die Frau kurz später freudig auf mich zu: Danke, Herr Bürgermeister! Es ist nun viel besser geworden!“, erzählt er mit verschmitztem Lächeln. Man merkt: Hier berichtet einer nicht bloß von vergangenen Streichen, sondern von einer Lebenseinstellung.
Warum Humor mehr bewegt
Ein Vergleich mit Till Eulenspiegel, dem berühmtesten Schelm der deutschen Volksliteratur, drängt sich geradezu auf. So wie der legendäre Spaßmacher setzt auch Steindl auf Schlagfertigkeit, Witz und die Kunst, Autoritäten und Konventionen mit Frechheit herauszufordern. Eulenspiegel nahm Aussagen und Anweisungen gerne wortwörtlich und führte damit die Absurditäten seiner Umwelt vor Augen. Auch Steindl hat Freude daran, gesellschaftliche Erwartungen zu unterlaufen und mit überraschenden Wendungen für verblüffende Ergebnisse zu sorgen.
Sein Humor ist dabei mehr als bloßer Zeitvertreib oder harmlose Unterhaltung. Er ist ein Mittel, um Distanz zu schaffen, eingefahrene Denkmuster aufzubrechen und Wahrheiten auszusprechen, die in ernsten Worten bisweilen schwerer zu vermitteln wären. Oder, wie Steindl es selbst auf den Punkt bringt: „Humor bringt mehr Wahrheit ans Licht als ein Fingerzeig oder eine lange, ernste Rede.“
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
Hinweis in eigener Sache: Das krone.at-Forum präsentiert sich ab sofort in neuem Design! Wir freuen uns über konstruktives Feedback. Damit die Diskussionen in den Kommentarbereichen beim jeweiligen Thema bleiben, können Sie uns Rückmeldungen hier hinterlassen.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.